Deutsche Börse Werner Seiferts teurer Traum

Ein Hedge Fonds zwingt den Chef der Deutschen Börse abzudanken. Das Werk eines üblen Finanzinvestors? Nein. Die Aktionäre fordern nur ihr Recht

Schon vor der entscheidenden Sitzung weiß Werner Seifert, dass er verloren hat. Als der Chef der Deutschen Börse vor seine Aufsichtsräte tritt, wirkt er fahrig, unkonzentriert. Und er spricht leiser als sonst. Die Tage zuvor hat Seifert noch versucht, die wichtigsten Investoren in London auf seine Seite zu bringen. Jetzt weiß er: Sie wollen seinen Kopf. So hat der Aufsichtsrat gar keine Wahl.

Es ist das erste Mal, dass der Vorstandsvorsitzende eines großen deutschen Konzerns von ausländischen Investoren aus dem Amt gejagt wird. Das erste Mal, dass sich ein Minderheitseigentümer gegen das Top-Management durchsetzt.

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Es ist Kapitalismus bizarr.

Ausgerechnet der Chef des Unternehmens, dessen Aktienkurs zuletzt so gut lief wie bei kaum einem deutschen Konzern, muss gehen. Ausgerechnet Börsenboss Seifert, einer der Protagonisten des Kapitalmarkts, wird vom Kapital aus dem Amt gedrängt. Passt das nicht wunderbar zur Kapitalismus-Debatte, mit der die Deutschen sich und ihre Investoren quälen? Immerhin zielte die »Heuschrecken«-Tirade des SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering auch auf die spekulativen Hedge Fonds. Schon wettert Finanzminister Hans Eichel, die Fonds hätten die »langfristig sinnvolle Strategie« der Börse »aus Interesse an kurzfristiger Profitmaximierung verhindert«. Selbst der DGB-Vorsitzende Michael Sommer stellte sich bei Sabine Christiansen schützend vor den Börsenchef.

Von einem Gewerkschafter vereinnahmt zu werden, dagegen hätte sich der ehemalige McKinsey-Mann Seifert bis vor kurzem wohl noch verwahrt. Jetzt aber zählen selbst alte Feindbilder nicht mehr.

Es ist Kapitalismus bizarr, und dennoch ist der Abgang des Börsenchefs gerechtfertigt. »Wer sich dem Kapitalmarkt öffnet, muss auch nach dessen Regeln spielen«, sagt Florian Schilling von der Unternehmensberatung Heidrick & Struggles.

Als Werner Seifert 1993 von Aufsichtsratschef Rolf Breuer an die Spitze der Deutschen Börse berufen wurde, war Frankfurt nur ein Fleck auf der Börsenlandkarte. Heute ist keine andere Börse profitabler, keine international so vernetzt. Der Vorteil des Exberaters Seifert: Als er den Job annahm, verstand er nichts vom Börsengeschäft. So stellte der Schweizer immer wieder alles infrage und verschaffte Frankfurt damit eine Vorreiterrolle. Er führte das elektronische System Xetra ein, das den seit 300 Jahren unveränderten Handelsablauf revolutionierte. Er schuf Eurex, die größte Terminbörse der Welt. Und er brachte die Deutsche Börse an die Börse.

Doch Seiferts eigentliches Ziel war es weder Frankfurt groß zu machen, noch seine Aktionäre reich. Er wollte der Architekt und Chef einer europäischen Superbörse sein. Die nationalen Handelsplätze sollten unter seiner Führung geeint, mit Frankfurter Technologie geführt und von London aus verwaltet werden.

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