DIEZEIT: Papst Benedikt XVI. beklagt die Erosion des Christentums in Europa. Halten Sie es für möglich, dass wir irgendwann ganz ohne Glauben auskommen?

Wolfgang Huber: Es gibt historisch kein Beispiel für eine glaubensfreie Gesellschaft. Ich rechne auch nicht damit. Ich bin im vergangenen Herbst sehr beeindruckt von einer Reise nach China zurückgekommen, wo man in der Zeit der Kulturrevolution versucht hat, eine religionslose Gesellschaft herbeizuführen. Die chinesischen Christen haben von einer Unterdrückung des Glaubens berichtet, die weit über das hinausgeht, was wir aus Europa kennen. Und trotzdem hat die Religion überdauert; der christliche Glaube erlebt in China derzeit ein ziemlich beachtliches Wachstum. Ich halte eine Gesellschaft ohne Religion auch normativ nicht für wünschenswert. Tocqueville sagte: Die Tyrannei kommt ohne Glauben aus, die Freiheit nicht. Damit nahm er ein Denken vorweg, das der Verfassungsrichter Ernst Wolfgang Böckenförde in die berühmte Formel gekleidet hat: Der freiheitliche demokratische Rechtsstaat ist auf Voraussetzungen angewiesen, die er nicht selbst hervorzubringen vermag.

ZEIT: Wer nicht an Gott glaubt, glaubt vielleicht an die Wissenschaft oder politische Ideologien. Was unterscheidet einen solchen Glauben vom religiösen Glauben?

Huber: Jeder, der darüber urteilt, tut dies auch nur als Mensch, der immer schon an dieser Frage beteiligt ist. Ich halte es mit Martin Luther: Woran Du Dein Herz hängst, das ist Dein Gott. Dann steht jeder vor der Frage, ob er sein Herz an einen selbst gemachten, selbst gewählten Götzen hängt – oder ob er Gott als den tragenden Grund von Welt und Leben verehrt. In diese kritische Unterscheidung muss sich jeder hineinbegeben.

ZEIT: Kann man von einem "Glauben" an sich sprechen, jenseits kirchlicher Ausprägungen? Und wenn ja, wie könnte man ihn definieren?

Huber: Es ist historisch eine relativ späte Entwicklung, zu meinen, man könne Glauben schlechthin definieren. Aus christlicher Perspektive muss man sagen: Glauben ist immer etwas Bestimmtes, nämlich die menschliche Antwort darauf, dass man von Gott angeredet wird. Diese Beziehung, die Gott von sich aus angefangen hat und die durch Begriffe wie Gnade oder Segen gekennzeichnet ist, ist das Besondere am christlichen Glaubensverständnis. Jede verselbstständigte Definition hat dagegen das Problem, den Glauben als Aktivität zu beschreiben, die den Adressaten selbst hervorbringt. Damit läuft sie in die offenen Messer der Feuerbachschen Religionskritik.

ZEIT: Manche Hirnforscher versuchen neuerdings, religiöse Gefühle mit bestimmten neuronalen Zuständen zu erklären, mit einer Art Gottesmodul im Gehirn. Was halten Sie von solchen Erklärungen?