Man nennt es das Wunder von Boston und feiert es als ersten Nachweis, dass sich spirituelle Ekstase im Labor erzeugen lasse. Und es gilt – eine Zeit lang – als bestes Beispiel für eine unvoreingenommene wissenschaftliche Untersuchung religiösen Glaubens: Mitte der sechziger Jahre weist der Arzt und Theologe Walter Pahnke an der Harvard University nach, dass die Droge Psilocybin spirituelle Erfahrungen während eines Gottesdienstes fördert. Seine Probanden, Schüler eines theologischen Seminars, wohnen unter Drogeneinfluss einer Messe bei.

Zweieinhalb Stunden lang hören sie Predigten und Musik, beten und meditieren. Danach berichten sie von starken Einheits- und Transzendenzerlebnissen, von tiefempfundener Freude und Liebe, Gefühlen der Heiligkeit, der Vergänglichkeit und eines allumfassenden Friedens. Die segensreichen Erfahrungen sind im Vergleich mit einer unberauschten Kontrollgruppe nicht nur statistisch signifikant nachweisbar; sie führen auch – wie spätere Untersuchungen ergeben – bei acht von zehn Versuchspersonen zu tiefgreifenden, dauerhaften Bewusstseinsänderungen. Dank dieser Methode, triumphiert Pahnke, könne man endlich "mystische Erlebnisse wissenschaftlich im Labor reproduzieren und untersuchen".

Ist das Blasphemie? Darf man, kann man die intime Frage nach dem Heiligen ins grelle Licht der Laborlampen zerren? Vielen erscheinen solche Experimente im besten Fall zweifelhaft, im schlimmsten Fall ketzerisch. Sind nicht spirituelle Erlebnisse etwas höchst Subjektives, geradezu Intimes, über das sich kaum objektive, allgemein gültige Aussagen treffen lassen? Verweist der religiöse Glaube nicht auf ein Reich jenseits dieser Welt, dem mit rationaler Forschung nicht beizukommen ist?

In der Tat betritt, wer sich wissenschaftlich mit spirituellen Fragen beschäftigt, heikles Terrain. Das Problem ist nicht so sehr die Unfassbarkeit des Allmächtigen, sondern eher die Tatsache, dass wir dem Glauben nirgendwo entkommen – selbst in der Wissenschaft nicht.

Das muss auch Pahnke erfahren. Zwar hat er sein Experiment nach bestem Gewissen geplant; hat die Droge – 30 Milligramm Psilocybin – zufällig und nach dem Doppelblindverfahren verteilt und der Kontrollgruppe harmlose Pillen verabreicht, die unspezifische Reizzustände hervorrufen. Alle Teilnehmer scheinen dieselben Versuchsbedingungen zu haben.

Doch später stellt sich heraus, dass die Seminaristen während des Gottesdienstes miteinander gesprochen haben. So merkten sie, wer von ihnen gedopt war und wer nüchtern der Predigt lauschte. Damit fällt im Nachhinein das Experiment in sich zusammen. Denn es ist nicht mehr zu unterscheiden, ob allein das Psilocybin den heiligen Schub bewirkt hat – oder ob dafür auch die Erwartungshaltung der Seminaristen, ihr Glaube an eine rauschhafte Bewusstseinsveränderung, verantwortlich ist.

Für die zweite These scheint auch das Erleben jenes Probanden zu sprechen, der zwar die Droge erhalten hat, aber – anders als seine Kollegen – keinerlei religiöse Vorbereitungen für das Experiment traf. Bei ihm blieben die mystischen Erfahrungen prompt aus. Das religiöse Empfinden, so muss man daraus schließen, hängt entscheidend vom sozialen Umfeld und der jeweiligen Einstellung ab. Eine isolierte Betrachtung unter kontrollierten Versuchsbedingungen ist damit kaum möglich.

Der Fehlschlag hat die Wissenschaft nicht entmutigt. Noch immer versuchen Forscher der verschiedensten Disziplinen, das Numinose im Labor einzufangen. Neurobiologen schieben betende Nonnen in den Kernspintomografen, Ärzte studieren die gesundheitsfördernde Wirkung von Gebeten, und Molekularbiologen suchen nach dem "Gottes-Gen". Die Frage nach der Existenz des Allmächtigen ließ sich so allerdings bislang nicht klären. Eine höhere Ordnung, die per definitionem die menschliche Vernunft übersteigt, lässt sich mit vernünftigen Mitteln nun einmal weder zwingend beweisen noch widerlegen. Die Gottesfrage führt die Wissenschaft sozusagen in einen Teufelskreis: Auch wer Gott ablehnt, glaubt nur, dass Gott nicht existiert.

Dennoch erlauben diese Forschungen Einblicke in das irdische Wirken der sozialen und psychologischen Mechanismen religiöser Systeme. Die Religionspsychologie weiß schon lange, wie man größtmögliche spirituelle Wirkung erzielt: Vergleicht man verschiedene Arten von Gottesdiensten, dann beeindrucken jene am meisten, die auf Gefühle und stimmungsvolle Musik setzen; jene hingegen, die abstrakte Betrachtungen über Moral oder die Natur des Universums in den Mittelpunkt stellen, schneiden bei Befragungen ganz schlecht ab. So gesehen, ist die weltweite Aufregung um den alten und neuen Papst wenig erstaunlich: Mit seinem mittelalterlichen Zeremoniell bietet der Vatikan eben auch eine gute Vorführung fürs Gemüt.

Auch in der Medienöffentlichkeit kommen große Emotionen und vermeintliche Sensationen besser an als nüchterne Deutungen. So erregte vor Jahren die so genannte Neurotheologie Aufsehen. Hirnforscher behaupteten, den Erleuchtungszustand meditierender Mönche und betender Nonnen an spezifischen Hirnveränderungen ablesen zu können. Bei näherem Hinsehen erwiesen sich die experimentellen Befunde allerdings als dürftig und wenig aussagekräftig (ZEIT Nr. 11/02). Behaupten Naturwissenschaftler, Religion zu erklären, komme häufig "zweitklassige Wissenschaft, gepaart mit drittklassiger Philosophie", heraus, ärgert sich die Autorin Margaret Wertheim.

Gilt das drastische Urteil der Physikerin auch für den jüngsten Schrei der Spiritualitätsforschung, das Gottes-Gen? Unter diesem Titel hat der amerikanische Molekularbiologe Dean Hamer vor einigen Monaten ein Buch veröffentlicht, dessen Inhalt prompt zur Titelgeschichte des Time- Magazins avancierte. Hamer, immerhin Chef einer Genforschungsabteilung im National Cancer Institute, behauptet darin, die Fähigkeit zum religiösen Glauben sei in den Genen verortet und damit erblich.