Hirnforschung Warum Menschen glaubenSeite 4/4
Vielleicht ist ja dieses »Sich-ins-Verhältnis-Setzen«, das »Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit«, wie es der Theologe Friedrich Schleiermacher nannte, der Kern jedes Glaubens. Wer sich so als Puzzlestein in einem höheren Plan versteht, erlebt zwar dasselbe Auf und Ab des Lebens wie jeder andere auch – aber er interpretiert es völlig anders. »Die Hirnforschung lehrt uns zwar heute, dass jeder von uns seine Wirklichkeit in gewisser Weise selbst konstruieren muss, aber sie erklärt nicht, wie wir dies tun sollen, wie wir auf die Grundfragen des Lebens – Woher komm ich, wohin geh ich, wofür ist das alles gut? – antworten sollen«, sagt Murken. Zur Füllung dieser Leerstelle, prognostiziert er, werden auch weiterhin religiöse Glaubensgebäude unabdingbar sein.
Umso wichtiger wäre es, solche Phänomene auch in der Wissenschaft ernster zu nehmen. Man wünscht sich nicht nur eine Überprüfung allzu gutgläubiger Medizinstudien, sondern auch von Thesen wie der des Anthropologen Richard Sosis, der in der Zeitschrift Gehirn & Geist kürzlich die Auffassung vertrat, religiöse Gemeinschaften hätten umso mehr Erfolg, je restriktiver ihre Dogmen und Anforderungen seien. Solche Fragen sind auch politisch brisant. Wäre es da nicht an der Zeit, Einrichtungen wie der Templeton Foundation etwas entgegenzusetzen? Man wünschte sich in Deutschland ein unabhängiges Religionsforschungszentrum. Oder zumindest die Einrichtung eines Sonderforschungsbereichs, in dem nicht nur theologische, sondern auch psychologische, soziologische und ökonomische Aspekte der Religion in den Blick genommen werden.
Auch in Glaubensdingen muss man schließlich nicht alles blind glauben.
- Datum 11.05.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.05.2005 Nr.20
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