DIE ZEIT: Wir feiern 40 Jahre deutsch-israelische Beziehungen, die 1965 eigentlich wider Willen beschlossen wurden. Getan hat es Bonn sozusagen aus Daffke, weil die Ägypter Ulbricht eingeladen hatten. Richtig warm ist die Beziehung immer noch nicht, oder?

Joschka Fischer: Das sehe ich anders. Natürlich, die Grundlage dieser Beziehung bleibt durch die Schoah definiert. Das darf man nicht vergessen. Dies ist kein Lippenbekenntnis oder Sonntagswort, und das wird noch lange so bleiben. Daraus ergibt sich, dass natürlich für beide Seiten von Anfang an auch Identitätsfragen in diese Beziehungen mithineinwirken, wie könnte es angesichts des grauenhaften Menschheitsverbrechens auch anders sein? Dennoch hat sich Deutschland über alle Regierungen hinweg als mit den USA verlässlichster Freund Israels erwiesen. Auf Regierungsebene sind die Beziehungen gut. Das Verhältnis junger Deutscher zu Israel ist ungebrochen von Attraktivität geprägt. Wenn es etwa gelingt, hier ein deutsch-israelisches Jugendwerk auf die Beine zu stellen, könnte das mit Blick auf den Generationswechsel sehr, sehr hilfreich sein.

ZEIT: Aber der israelische Botschafter hat gerade "fehlende Empathie" beklagt. Hat er Recht?

Fischer: Als einer, der sich wirklich als Freund Israels begreift, habe ich den Eindruck, dass viele Menschen in Europa, nicht nur in Deutschland, nicht mehr ausreichend begreifen, warum Israel eine Position der militärischen Überlegenheit braucht – nicht aus irgendwelchen militaristischen Überlegungen heraus. Seit seiner Gründung ist die Existenz des Staates Israel niemals wirklich anerkannt worden von den Nachbarn, weshalb Israel, geprägt durch die Schoah, stets um seine Existenz kämpfen musste. Das erfordert militärische Überlegenheit. Das sagt sich so leicht. Militärische Überlegenheit wirbt nicht immer für ein Land. Dieser Jahrestag hat eine Chance geschaffen, auch der jüngeren Generation einen Zugang zu den Existenzproblemen von Israel zu vermitteln.

ZEIT: Die jüngste Meinungsumfrage sieht die Israelis an fünfter Stelle der größten Bedrohungen für den Weltfrieden. Bei der Frage, mit wem wir zusammenarbeiten wollen, taucht Israel an letzter Stelle auf.

Fischer: Ich gehöre nicht unbedingt zu den Umfragen-Gläubigen. Ohne jeden Zweifel aber muss dies Anlass sein, dass wir uns verstärkt darum bemühen, die Beziehungen auch auf eine breitere Grundlage zu stellen.

ZEIT: Weder geht der Kanzler in diesem Jahr der Feierlichkeiten nach Israel, noch kommt Scharon hierher. Was ist los?

Fischer: Es gab verschiedene Besuchstermine für Scharon, die fest fixiert waren, die jeweils dann an der israelischen Innenpolitik gescheitert sind wegen diverser Abstimmungen in der Knesset über den Gaza-Abzug. Jüngst war der Bundespräsident in Israel, ich selbst bin sehr häufig in Israel, und jetzt kommt der israelische Präsident Katzav zum Gegenbesuch. Es gibt ein reges Hin und Her.

ZEIT: Aber der Kanzler macht einen weiten Bogen um Israel.