Jerusalem/Tel Aviv

Jehudith Shaltiel ist vor siebzig Jahren nach Israel gekommen und würde nirgendwo anders leben wollen. Dabei gibt es so vieles, an das sie sich nie gewöhnen wird. Sie ärgert sich fast täglich über phlegmatische Schalterbeamte, rücksichtslose Taxifahrer, unzuverlässige Handwerker – und über das, was sie beim Kaffee in der Zeitung liest: Korruption, Chaos, Unterschleif in den Behörden.

Jehudith Shaltiels Standards wurden an einem anderen Ort und zu einer anderen Zeit gesetzt – in Deutschland, vor 1933. "Wir sind lebendige Denkmäler, Überbleibsel der Weimarer Republik", seufzt die 91-jährige gebürtige Berlinerin. Sie stammt aus einer bürgerlichen Familie; ihr Jahrgang war der letzte, in dem deutsche Juden noch Abitur machen durften. So wanderte die blauäugige Irmgard nach Palästina ein, nannte sich fortan Jehudith und begann ein zweites Leben. Wie manche ihrer Schicksalsgenossen aber blieb sie in Israel immer ein wenig Außenseiterin.

Zwischen 1933 und 1939 flohen rund sechzigtausend deutsche Juden nach Palästina. Sie hatten es bei der Ankunft nicht leicht. Schnell hatten sie den Spitznamen "Jeckes" weg. Woher genau das Wort Jecke stammt, ist nicht klar. Eine Erklärung beruft sich auf die Jacke, die auch bei größter Hitze nicht abgelegt wurde; einer anderen zufolge handelt es sich um die hebräische Abkürzung von Jehudi kasche havana – "jemand, der schwer von Begriff ist". Sie mussten sich vorwerfen lassen, dass sie ihre Heimat niemals in Richtung Zion verlassen hätten, wenn Hitler nicht gewesen wäre. Sie sprachen die Sprache der Nazis, die verpönt war. Ihre Vorliebe für Disziplin, Fleiß, Pünktlichkeit und gute Manieren reizte zu Spott. In der Levante erzählt man immer noch gern, wie sich damals deutsche Ärzte im Jackett die Steine auf der Baustelle mit der Anrede "Bitte schön, Herr Doktor – danke schön, Herr Doktor" weitergereicht hätten. Trotzdem schaffte es diese kleine, hoch qualifizierte Minderheit, Israel ihren Stempel aufzudrücken.

Jehudith Shaltiel erinnert sich nur zu gut daran, wie man sie als "Jecke-Potz" beschimpfte. Aber "wir sind nun mal ordentlicher und geradliniger als andere", seufzt sie und rückt den Apfelkuchen auf ihrem Küchentisch zurecht. Sie schwärmt von der Vitalität und dem Unternehmungsgeist der Jeckes, die sich nicht zu schade dafür waren, "Arbeiten unter ihrem Niveau" anzunehmen. Sie begann ihre Karriere als Kindermädchen und ließ sich schließlich zur klinischen Psychologin ausbilden. Noch bis vor wenigen Jahren hat sie in ihrem Jerusalemer Haus Patienten behandelt.

Nicht alle Jeckes haben es im Orient ausgehalten. Manche entschlossen sich deshalb für die Rückkehr nach Deutschland. Darunter auch Jehudiths Vater. Ihr wäre das nie in den Sinn gekommen. Mit ihrer einstigen Heimat stand sie viele Jahre lang auf Kriegsfuß. Sie wollte kein Wiedergutmachungsgeld, litt unter Erbrechensanfällen, als sie ihren Vater 1952 erstmals in Köln besuchte. Später wurde sie gelassener. Als die Mauer fiel, wollte sie sogar unbedingt nach Berlin fahren, das plötzlich wieder so ungeteilt war wie in ihrer Kindheit. Seither ist sie mehrmals dort gewesen. Das Alter, sagt sie, spiele dabei eine Rolle. "Meine Jugend taucht heute wieder vor mir auf, und die fand nun einmal in Berlin statt."

Dass die meisten Jeckes im Grunde ihres Wesens sehr "deutsch" geblieben sind, galt in den Augen vieler Israelis lange Zeit als Makel. Doch das hat sich geändert. Siebzig Jahre nach ihrer Einwanderung wird mit Respekt auf den Beitrag der deutschen Juden zum Aufbau des Landes geblickt. Als sich voriges Jahr eine Konferenz diesem Thema widmete, strömten Jeckes aus ganz Israel wie zu einem späten – und für viele vielleicht letzten – Klassentreffen nach Jerusalem. Es tat ihnen gut, zu hören, wie nachhaltig sie mit ihren "preußischen Tugenden" Universitäten, Gesundheitswesen, Banken, Handel, Architektur und ganz besonders die Justiz geprägt haben.

"Das Fliegende Klassenzimmer" und Erich Kästner waren seine Kindheit