Maulwürfen fehlt es an historischem Bewusstsein. Was ihnen im Weg ist, entsorgen sie im nächsten Hügel. Ronald Hirte inspiziert ihre Haufen regelmäßig. Auch diesmal hat er Glück. Eine Scherbe ragt aus der dunklen Erde. "Ein Stück Suppenschüssel", sagt der 35-jährige Archäologe mit Kennerblick. Erstaunlich. Hatten die Häftlinge nicht nur Blechnäpfe? Hirte nickt. "Stammt auch aus der SS-Kantine." Aber gegen Ende des Kriegs ging im Lager das Geschirr aus. Da bekam man sogar im KZ Porzellan.

Mit dem Müll des Konzentrationslagers Buchenwald kennt sich Ronald Hirte aus. Er hat einen Abfallhaufen archäologisch untersucht und Abertausende Gegenstände aus dem Boden geholt: Neben Knöpfen, Häftlingsmarken und Zahnprothesen fand Hirte Löffel, deren Griffe zu Klingen geschmiedet waren, zu Kämmen umfunktionierte Lineale und eine verbeulte Aluminiumschüssel, in die in kyrillischer Schrift der Satz eingeritzt ist: "Nimm deine Schüssel, nicht meine, Zigeuner."

Hirte gehört zu einer jungen Generation von Archäologen, die materielle Überreste des nationalsozialistischen Terrorsystems ausgraben. Ob Auschwitz, Buchenwald oder Dachau, allerorten wurde anlässlich der Feiern zum 60. Jahrestag der Befreiung geklagt, dass die Zeitzeugen sterben. "Umso wichtiger werden in Zukunft die materiellen Zeitzeugnisse sein", sagt Hirte.

Aber haben Archäologen nichts Besseres zu tun, als im Müll des 20. Jahrhunderts zu wühlen? Sollte die Archäologie nicht bei dem bleiben, was ihr Name vorgibt: dem Altertum. Die Zeitgeschichte verfüge doch mit Akten, Fotos und Zeitzeugen über genügend Quellen. Hirte schüttelt den Kopf. "Archäologisch geborgene Objekte können Geschichten erzählen, die sonst kaum erzählt werden." Sei es von Überlebensstrategien im Lager, sei es von dem auch unter den Häftlingen grassierenden Rassismus. Vor allem aber: Es gibt Funde, die zeigen, was die Täter verschwiegen und worüber die Opfer nicht mehr berichten können. Weil sie es nicht überlebten.

Archäologen retten auch Vergessenes und Verdrängtes: Das "Kleine Lager" hieß der innerhalb des KZs Buchenwald abgetrennte Bereich, in den die Schwachen und Kranken "ausgesondert" wurden, um das Gesamtlager "funktionsfähig" zu halten. Denn im Unterschied zu den Vernichtungslagern im Osten waren in Buchenwald vor allem politische Häftlinge inhaftiert. Sie schufteten im Steinbruch und in Rüstungsfabriken, lebten dort aber in der Regel jahrelang. Als die SS gegen Kriegsende die Todeslager Auschwitz und Groß-Rosen auflöste, brachte sie die Überlebenden der Todesmärsche ins Kleine Lager von Buchenwald.

"Zwischen Januar und April 1945 starben etwa 14000 Menschen", sagt Hirte. Der DDR, in deren Staatsgebiet Buchenwald lag, passte solches Elend nicht ins Konzept. Für sie war Buchenwald der Ort der heldenhaften Häftlingssolidarität. Unter Führung der Kommunisten habe sich hier der Widerstand formiert, der zur "Selbstbefreiung" des Lagers führte. Und dieser Geist, hieß es, beseelte auch das neue, das antifaschistische Deutschland.

"Im Kleinen Lager gab es aber fast keine Solidarität. Da wurde nur gestorben", sagt Hirte. Man ließ also Gras über den Schreckensort wachsen, pflanzte Bäume und zog einen Zaun. Erst nach der Wende suchte man nach Überresten, um das Kleine Lager wieder ins Bewusstsein zu heben. Man fand den Block 66. Hirte zeigt auf ein Stück freigelegtes Fundament. "Der ehemalige Kinderblock ist heute ein wichtiger Gedenkort." Viele der noch lebenden Häftlinge waren hier untergebracht.

Gleich unterhalb davon liegt eine Müllhalde. Hier hat Hirte gegraben. Auf den ersten Blick sieht es nach einem idyllischen Stück Grün aus. Doch zwischen dem Gras liegen Scherben, Schuhsohlen, Ziegelreste – die Realien des KZs.