Hätte er sich nicht in lyrischen, sondern in laufenden Bildern ausgedrückt, wäre er so berühmt wie Ingmar Bergman. Hätte er nicht schwedisch, sondern englisch geschrieben, wären ihm wohl Nobelpreis-Ehren zuteil geworden, und sicher würde sein Werk dann ebenso zum Kanon der modernen Poesie gezählt werden wie das eines T.S. Eliot oder Ezra Pound.

Gunnar Ekelöf war, wie der Portugiese Pessoa (dem seine Sprache ebenfalls lange den Weg zum Weltruhm verstellte), ein Dichter der vielen Masken, ein Dichter der unerhörten Gegensätze, der nie auf einem Personalstil ausruhte, in jeder einzelnen Gedichtzeile aber stets unverwechselbar er selbst blieb. "Bin ich so etwas wie der Bastard eines Kentauren?" Der sich so fragte, verstand es, seine tragische Zerrissenheit schreibend immer wieder in ein Agens der Grenzüberschreitung zu verwandeln, in euphorische Empfängnisbereitschaft für die Vielfalt und Vielstimmigkeit fremder Welten und Kulturen.

In einer zerfallenden Großbürgerfamilie 1907 in Stockholm geboren, erlebte der junge Gunnar Ekelöf seinen Vater, einen Bankier, der immer wieder in der Psychiatrie verschwand und bereits 1916 starb, nur als "lebenden Leichnam" und seine Mutter nur als unentwegt Abreisende, die ihren Sohn in Kinderheime und Internate abschob. Gleich nach dem Abitur flieht Ekelöf zum ersten Mal "für immer" aus Schweden. Es zieht ihn nach Indien und Persien, weshalb er in London ein Orientalistikstudium beginnt, das er aber nicht abschließt, denn inzwischen will er, vom Rimbaud-Fieber angesteckt, in Kenia eine Kaffeefarm gründen. Als das Schiff, das ihn nach Afrika bringen soll, weder in Menton noch in Genua eintrifft, fährt er nach Paris, um Komposition zu studieren; im Sacre du printemps, dem 1913 im Skandal untergegangenen Stück Strawinskys, hat er sein Lebensgefühl entdeckt.

Noch reicht das elterliche Vermögen für eine moderne Wohnung und ein Cabrio mit Edelholzlenkrad. Zudem spekuliert er an der Börse, allerdings auch mit Selbstmordgedanken (stets trägt er einen geladenen Revolver bei sich). Er lernt Mondrian und van Doesburg kennen und wirft sich auf den Surrealismus, der ihm gar nicht so surreal vorkommt, schließlich hat er sich bereits mit orientalischer Dichtung und vor allem jener des Sufi-Mystikers Ibn al-Arabi beschäftigt. Als sein Erbe aufgebraucht ist, kehrt er nach Schweden zurück, wo er ein Nomadenleben führt, mehrere Sommer im äußersten Norden verbringt, im "weißen Afrika" der Lappen, deren Armut und archaische Lebensweise ihn tief berühren.

"Wer Erlösung sich wünscht, der ist schon verdammt"

Nach einem Band mit Baudelaire- und Rimbaud-Übertragungen erscheint 1932 Ekelöfs erster Gedichtband Spät auf Erden, den er später als sein "Selbstmordbuch" apostrophieren wird. Menschheitsdämmerungpathos paart sich hier mit surrealistisch Visionärem und fast dadaistischer Nonsens-Neigung, Ausweglosigkeit scheint zum Prinzip erhoben. "Gib mir Gift zum Sterben oder Träume zum Leben", fordert das Gedicht Apotheose; doch wer immer darin angerufen wird, reagiert nicht, und so lautet das fatalistische Fazit jener frühen Jahre: "Erwacht man / ist man wieder tot".

Der Gedichtband Fährgesang von 1941 bringt eine wichtige Zäsur in Ekelöfs Werk und den Durchbruch in Schweden, wo seine Dichtung fortan das Maß vorgibt, an dem Lyrik gemessen wird. Waren schon in den zwischenzeitlich erschienenen Gedichtbänden die eruptive Bilderflut eingedämmt und der Ton weniger ekstatisch schrill geworden, so beginnt mit Fährgesang Ekelöfs ebenso eigen- wie einzigartige Hinwendung zur philosophisch grundierten Gedankenlyrik, in der Intellektualität jedoch nie auf Kosten der Musikalität geht. Hauptanliegen des Dichters ist es, "der Versuchung des Dualismus" zu widerstehen und sein Gedicht aus dem Gefängnis des Antithetischen von Satz und Gegensatz zu befreien. "Es heißt", erklärt Ekelöf, "jedes Ding habe zwei Seiten. Wer nicht sieht, daß jedes Ding wenigstens drei Seiten hat, läuft Gefahr, sich in ein Entweder-Oder zu verrennen, das ihn zum Sklaven macht und der Möglichkeit zur Harmonie beraubt." In Poesie übersetzt, lautet Ekelöfs neues Credo: "Aber wer Versöhnung erwartet, wird unversöhnt sein. / Wer Erlösung sich wünscht, der ist schon verdammt. (…) Leben ist weder das Böse noch das Gute, / es ist das Getreidekorn zwischen den Steinen. (…) Dort, auf der dritten Seite des Lebens, / dort sind das Schwarze, das Graue und Weiße keine der Seiten / und aus den dreien wird eine Vielzahl Schattierungen gezeugt / jenseits aller Wahrheiten und Lügen."

Eine Prämisse für die Überwindung des dualistischen Weltbilds ist für Ekelöf die Absage an alle Macht, auch an jene allergewöhnlichste, die als Ich firmiert: "Ich singe vom einzigen was versöhnt, / dem einzig Praktischen, für alle gleich: Wie selten der Mensch Macht hat / der Macht zu entsagen! Entsagen dem Ich und der Rede, entsagen – / das einzige was Macht verleiht." Es ist diese Macht der Ohnmacht, die sogar so etwas wie ein bescheidenes Glück beschert: "Gebt mir die Erinnerung an Schotter und Unkraut, / Wermut, Klette, Distel / und Gleise ins Nirgendwo. / Gebt mit das Wertlose, / das ausgedient hat / um von Vergessen und Verwahrlosung geadelt zu werden! // Glückliche Dinge die, sich selbst genug, / in Frieden verwittern und rosten: / für sie fühle ich."