Papa schlägt, Mama blutet
Ein aufrüttelnder nigerianischer Roman erzählt von der Tragik eines afrikanischen Lebens der Upperclass
Blauer Hibiskus, auch unter dem Namen Afrikanische Malve bekannt, ist ein winterfestes Gewächs und gedeiht auch in unseren klimatisch harten Breitengraden; seine Blüten sind Kelche, aus denen man die Tränen des Himmels trinkt, wenn der süße Tod der ersten Liebe das Schicksal, erwachsen zu werden, herausfordert.
Nicht von ungefähr ist Blauer Hibiskus Titel des Romans der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, ein, dies vorweg, großes Buch. Groß im Sinne von einfach und schön, obwohl der Inhalt weder erbaulich noch tröstlich ist. Ein Mädchen erzählt, Kambili aus Enugu, Nigeria. Nicht von Katastrophen und Massakern, für die der gnadenlos verklärte Kontinent Afrika seit undenklichen Zeiten verschrien ist, erzählt sie, sondern von ihrem Leben, dem Leben eines jungen, afrikanischen Mädchens, das so einfach, wir ahnen es, nicht ist, und Chimamanda Ngozi Adichie, die Autorin, leiht diesem Mädchen Kambili gewissermaßen ihre Stimme, eine Stimme, die bleiben wird. Unverwechselbar.
Chimamanda Ngozi Adichie wurde 1977 in Nigeria geboren, sie hat dort Medizin studiert und ging 1998 in die USA, wo sie in Kommunikationswissenschaften promovierte. Blauer Hibiskus ist, nach einigen preisgekrönten Kurzgeschichten, ihr erster Roman, ein kleines Meisterwerk, das den afrikanischen Kontinent und insbesondere den Staat Nigeria im Bewusstsein europäischer Leser aufzuwerten vermag.
Probleme mit Gewalt haben für die meisten Nigerianer eine ganz und gar existenzielle Dimension: Armut, Krankheit und politische Perspektivlosigkeit sind Alltag. Gut, dass im Falle dieses Romans unser bewährtes Mitgefühl versagt – das immer ein bisschen abrufbereit in uns schlummert, wenn es sich um afrikanische Problematik handelt –, weil es darin nicht um hilflose, erniedrigte Menschen aus dem Bodensatz der Gesellschaft geht, sondern um das zwischenmenschliche Elend einer schwerreichen, höchst respektablen Familie und, nicht zuletzt, um das, was sich unterm Deckmantel eifernder Frömmelei verbirgt.
Kambili ist behütete Tochter einerseits und geschundene Kreatur andererseits, ihr »Papa« Fabrikant und Herausgeber einer systemkritischen Zeitung, der in seinem Haus im Namen der Religion ein bigottes Terrorregiment führt: Menschenschinderei, die sich als Liebe und Erziehung ausgibt, Privat- und Erwerbsleben fundamentiert von religiösem Drill. Die Mutter oft blutend, verachtet, doch »Tränen sah man nie auf ihrem Gesicht«.
Aus der Deckung seines Besitzes heraus liefert sich der scheinheilige Hausherr scheindemokratische Gefechte mit den Machthabern im Staate Nigeria. Das ganze Leben dreht sich um Gott, so wie er, das väterliche Prinzipienmonster, ihn verstanden wissen will. »Zwanzig Minuten lang bat er Gott, das Essen zu segnen.«
In den Schulbüchern, in denen Kambili liest, verwandeln sich die Wörter in Blut. Und als sie »nur Zweitbeste« wird in ihrer Klasse der Höheren Schule der Töchter des Unbefleckten Herzens, könnte die persönliche Kränkung für ihren »Papa« nicht schlimmer ausfallen. Für Kambili aber wird es vollends unerträglich.
Wie jedes Jahr folgen Mitte Dezember die »staubbeladenen Winde des Harmattan«, sein »Duft nach Sahara und Weihnachten« und die Fahrt in die Ferien nach Abba, dem Heimatdorf des Vaters, wo die Familie ein Landhaus mit vier Stockwerken besitzt. Armut und Elend bleiben draußen vor den Scheiben des Wagens, den der Privatchauffeur lenkt. Dort im Dorf lebt Großvater Papa-Nnukwe, von seinem Sohn als »götzenanbetender Heide« geschmäht, in Wahrheit ein Traditionalist, der animistischen Religion seiner Vorfahren zugewandt statt dem importierten Katholizismus, den die Missionare mit kolonialem Aplomb flächendeckend im Land verbreiteten. So ist also Papa-Nnukwe Zeuge einer Zeit, die vielleicht nicht besser, aber menschlicher und von der eigenen Kultur geprägt war. Tante Ifeoma, Dozentin an der Universität von Nigeria in Nsukka, ist die Einzige in der Familie, die sich um den alten Mann kümmert.
Immerhin eine Ahnung vom Himmel auf Erden: Dasein pur!
Tante Ifeoma lebt mit ihren drei Kindern auf dem Universitätsgelände im Erdgeschoss eines Wohnblocks in – auch materiell – beengten Verhältnissen, äußerst bescheiden, aber auch äußerst lebendig, im wahrsten Sinne des Wortes; ihre Lebenslust wirkt ansteckend, ihr Kampfgeist achtunggebietend. Wäre da nicht die inflationäre Teuerung und nicht der Geist der Denunziation, der sich, von den neuen Machthabern im Staate initiiert, auf dem Campus ausbreitet wie eine die Gehirne befallende Seuche, es wäre mehr als eine winzige Ahnung vom Himmel auf Erden möglich: Dasein pur und elementar!
Die Liebe der jungen Heldin gilt Pater Amadi, einem jungen, gutaussehenden, alles andere als konservativen Geistlichen, der afrikanisch predigt, Kinder aus den Elendsvierteln im Stadion Nsukkas trainiert und Kambilis erotische Erweckungsversuche in Bahnen der Zärtlichkeit und des Respekts lenkt – und trotzdem der Traum ihrer zerspringenden Tage und Nächte bleibt. Zum Abschied schenkt ihr ihre Cousine Amaka ein Bild von Papa-Nnukwe, das sie von ihm malte. In seinem alten Wagen fährt er das Mädchen zum Stadion, wo er sie dazu bringt, ihren Körper zu bewegen, zu laufen, zu rennen, zu schwitzen. Zu atmen. Zu sprechen.
Nach allerlei Repressalien bekommt Tante Ifeoma wegen »illegaler Aktivitäten« die Kündigung, sie bemüht sich um ein Visum für Amerika, während Pater Amadi zur Missionsarbeit nach Deutschland entsandt wird, wo Priestermangel herrscht. Berückend geschildert der Abschied, als Kambili ihm ihre Liebe gesteht, eine Fela-Kuti-Kassette im Autoradio, der Rhythmus von Sex, der nur im Kopf passiert, nirgends sonst; statt sie zu küssen, legt er sein Gesicht an ihre Wange, sagt, sie sei schön und würde in ihrem Leben mehr Liebe begegnen, als sie brauchen könne. Nichts wird mehr so sein wie früher, die Ränder der Welt schmelzen in einem weißen, heißen Licht, das den Blauen Hibiskus im Garten verdorren lässt.
Die Wunder und Grausamkeiten unseres ach so fernen Planeten Erde
Kambili spürt, dass sie nie weiter weg vom Himmel war als hier und jetzt, das Haus ihrer Eltern eine Hölle der Scheinheiligkeit, von alttestamentarischem Wüten erfüllt, das darin gipfelt, dass Papa einen Tisch aus massivem Holz auf dem Bauch seiner schwangeren Frau zerdrischt. Wenig später ist er tot, vergiftet von Mama. Aber Jaja, der Bruder, nimmt die Schuld auf sich. Und während dreier Jahre besuchen Kambili und ihre Mutter ihn Woche für Woche im Gefängnis, das ihm in seiner Brutalität zur Schule des Lebens geworden ist und ihn zum Mann geformt hat, der seinem Vater in nichts gleicht.
Blauer Hibiskus, exemplarisches Porträt einer tragischen Familie in einem tragischen Land, ist ein berührendes, verstörendes Buch, das sich nicht exotisch tarnt, stattdessen genau und klar den krankhaft diktatorisch auf Religion fixierten Alltag einer nigerianischen Upperclass-Familie unter der Tyrannei eines fanatischen Psychopathen beschreibt, deren Mitglieder entwurzelt worden wären, wäre da nicht der gute Geist eines alten »Heiden« und eines jungen Priesters gewesen, ihre Wärme, ihr Licht. Chimamanda Ngozi Adichie erzählt diese Geschichte in einem Stil, der bar der Zickigkeit von Teenagerliteratur funktioniert und in seiner Ambitioniertheit und Dramatik streckenweise verstummen macht.
Beim Lesen dieses Romans aus einer anderen Welt und Wirklichkeit spürt man mit jeder Zeile, wie viel man noch zu lernen hätte und wie viel man schon vergessen hatte von den Wundern und Grausamkeiten dieses uns manchmal so fernen Planeten Erde. Eine Schriftstellerin wie Chimamanda Ngozi Adichie gibt uns die Sinnlichkeit der Kindheit zurück; wenn man ihren Roman zu Ende gelesen hat, ist es für einen kostbaren Moment so, als wäre man ohne Erinnerung an sich selbst erwachsen geworden.
Solange solche Romane erscheinen, ist das Leben für die Literatur nicht verloren.
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.05.2005 Nr.20
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