Der Zauber des Schnees und der Liebe
Der Schriftsteller Orhan Pamuk entwirft in seinem neuen Roman ein fantastisches und realistisches Bild der Türkei
Eine wunderbare Romanze ist Orhan Pamuks Roman Wie ein tapferer, trauriger Ritter reitet der Dichter Ka durch Wüsten und Gebirge in eine weit entfernte Stadt, um die Prinzessin seines Herzens zu erobern. Sie heißt Ipek und ist sehr, sehr schön. Viel mehr wird über sie nicht gesagt, das aber so oft, bis wir es endlich glauben und die Abenteuer, in die sich unser verliebter, verwirrter Held stürzt, als unvermeidlich begreifen. Für eine so schöne Frau ist kein Abenteuer zu viel.
Also doch kein Märchen. Auch deshalb nicht, weil uns die Geschichte jemand erzählt, der mehr weiß als Ka und der sein Wissen melancholisch (zuweilen auch ironisch) ausbreitet: »Wäre der Reisende am Fenster nicht so müde von der Fahrt gewesen und hätte er etwas mehr auf die wie Flaumfedern vom Himmel fallenden Flocken geachtet, dann hätte er womöglich den starken Schneesturm, der da aufzog, gespürt und gefühlt, dass er sich auf eine Reise machte, die wohl sein ganzes Leben verändern würde, und wäre umgekehrt.«
Der Erzähler, der große Ähnlichkeiten mit Orhan Pamuk besitzt, reist Jahre später in die kleine Stadt, um das Schicksal seines Freundes zu rekonstruieren. Ka ist inzwischen in Frankfurt von einem Unbekannten ermordet worden – vielleicht eine Folge seiner Verwicklung in die politischen Turbulenzen damals. Aber das findet der Erzähler nie heraus. Zwischen ihm und seinem Freund Ka gibt es ebenfalls große Ähnlichkeiten, nicht allein die, dass beide Schriftsteller sind. Der Erzähler verliebt sich stehenden Fußes in Ipek und gesteht es ihr. Sie entgegnet: »Ich wollte Muhtar sehr lieben, es ist nichts daraus geworden; ich habe geglaubt, ich könnte Ka sehr lieben, es ist nichts daraus geworden; ich habe mir sehr ein Kind gewünscht, es nichts daraus geworden. Ich glaube nicht, dass ich noch jemanden innig lieben kann. Ich danke Ihnen, aber so ernst meinen Sie es ohnehin nicht.«
Also eine traurige Geschichte? Am Ende ja, aber zunächst ist es die mit großer Leuchtkraft erzählte Geschichte von der Liebe und vom Schnee. Der Schnee verzaubert die Welt und erfüllt den Dichter Ka mit kindlicher Freude: »Bewundernd blickte Ka auf die Reflexion des leicht orangefarbenen dumpfen Lichts der Straßenlaternen und des blassen Scheins der Neonlichter hinter den vereisten Schaufenstern, auf Schneehügel, die die Zweige der Ölweiden und Platanen bedeckten, und auf die Strommasten, von deren Ende riesige Eiszapfen herabhingen. Der Schnee fiel mit einer magischen, geradezu heiligen Lautlosigkeit; es war nichts zu hören als der gedämpfte Ton seiner Schritte und sein heftiges Ein- und Ausatmen.«
Ein Schauspieler ergreift die Macht, und Theaterblut wird zu Menschenblut
Auch die Liebe verzaubert die Welt. Ipek und Ka werden, wovon er jetzt nur träumt, eine glückliche Nacht miteinander verbringen. Aber bis es dahin kommt, geht ein finsterer politischer Spuk über die Bühne, eine wahre Schmierentragödie. Im Volkstheater der vom Schnee eingeschlossenen Stadt gibt es einen bunten Abend. Unter anderem liest Ka ein Gedicht, ein ehemals berühmter Torwart der Nationalmannschaft erzählt aus seinem Leben, und der gleichfalls ehemals berühmte Schauspieler Sunay inszeniert ein Lehrstück aus der Atatürk-Zeit. Es geht um eine Frau, die ihren Schleier ablegen will, aber von muslimischen Männern daran gehindert wird. Sie verbrennt den Schleier, Fanatiker wollen sie eben umbringen, da wird sie von Soldaten der Republik gerettet.
Das Stück ist uralt, alle kennen es, aber es hat eine hohe Brisanz. Denn in der kleinen Stadt gab es eine Selbstmordepidemie junger Mädchen, und man raunte, sie hätten damit gegen das Kopftuchverbot demonstrieren wollen. Der Direktor der Pädagogischen Hochschule, der Studentinnen mit Kopftuch den Zutritt untersagte, war kurz zuvor von einem fanatischen Muslim erschossen worden. In dem überfüllten Saal jetzt sind all die widerstrebenden Kräfte versammelt, an denen die kleine Stadt zugrunde zu gehen droht: die bürgerlichen Atatürk-Liberalen, das kurdische Proletariat, die zumeist islamistischen Studenten der Predigerschule, dazu Polizeikräfte, Soldaten, Mitglieder des Geheimdienstes.
In dem Augenblick, da die Frau gerettet werden soll, fallen wirkliche Schüsse von wirklichen Soldaten, Theaterblut wird zu Menschenblut. Angeführt von jenem Schauspieler Sunay, ergreift eine patriotische Soldateska die Macht, um die Stadt gegen die drohende muslimische Herrschaft zu verteidigen, wirft mit Granaten um sich, nimmt willkürliche Verhaftungen und Erschießungen vor. Im Verlauf der verwirrenden Ereignisse spielen ein jungschöner Terrorist, ein frommer Scheich und eben Ka eine wichtige Rolle.
Weil aber die ganze Geschichte zumeist aus der Perspektive des verträumten, verliebten Ka geschildert wird (der sich manchmal inmitten des größten Chaos hinsetzt, um ein Gedicht aufzuschreiben, das ihm der Geist der Poesie gerade eingegeben hat), entsteht eine seltsam verschleierte Wahrnehmung, die das Tragische als zugleich komisch erscheinen lässt. Und weil sich Kas erzählender Freund immer wieder einmischt, wird dieses gigantische Tohuwabohu aus Kabale und Liebe räumlich und plastisch. Der Leser sieht es von mehreren Seiten und bleibt immer mittendrin. Das Pathos der Vaterlandsretter ist rechtschaffen und doch pure Seifenoper; Kas Dichterpose hat eine schöne Einfalt und ist doch politisch blind; die religiöse Inbrunst der gläubigen Muslime ist eindrucksvoll und zugleich Ausdruck von Armut und Unbildung.
Orhan Pamuk hat diesen Roman wirkungsvoll inszeniert. Schnelle und langsame, romantische und politische Szenen wechseln einander ab. Auf die finstersten Vorgänge wirft er das helle Gegenlicht der Groteske – etwa den immer wieder eintretenden Stromausfall oder die ihrerseits bespitzelten Spitzel oder die extrem aktuelle Provinzzeitung, die vermutlich eintretende Ereignisse vorab als Tatsache meldet und sie dadurch erst herbeischafft. Und ewig fällt der Schnee.
Dennoch gibt es ein großes Aber. Die meisten Kritiker Pamuks scheinen von seiner dramaturgischen Kunstfertigkeit derart beeindruckt, dass sie seine sprachliche Sorglosigkeit entweder nicht bemerkt oder verschwiegen haben. In diesem Fall kommt leider eine deutsche Fassung hinzu, die kaum mehr als eine Rohübersetzung ist. Da sind zunächst Kleinigkeiten. Jemand tritt in einen Raum ein, anstatt ihn zu betreten; jemand bittet einen Gast an der Tür hinein anstatt herein; jemand ist an einer Adresse nicht zu finden anstatt unter einer Adresse; jemand tut aus Aufregung etwas anstatt vor Aufregung. Oder: »Ich kann jetzt nicht aufgeben, wo ich die größte Chance meines Lebens habe.«
Man überliest das eine Weile, stößt aber dann auf einen Satz wie: »Mitte der siebziger Jahre besetzte eine gewalttätige marxistische Fraktion das Gebäude und plante eine Reihe von politischen Morden hier.« Die Wortstellung zumindest ungeschickt ist. Wie auch hier: »In dem Wunsch, von jedermann geliebt zu werden, der zu seiner jakobinischen Haltung gar nicht passte.« Misstrauisch geworden, beschleicht einen der Verdacht, dass der Übersetzer nicht allein einfallslos den türkischen Satzbau nachbildet, sondern dass sich Pamuk seinerseits verschachtelte Sätze mit ungenauem Bezug erlaubt: »Danach war er in die Sache eingestiegen, um seine Ehre als Mann nicht zu beflecken und in dem Glauben, Ankara würde am Ende zufrieden sein mit dem, was sie tun würden, nicht aber aus persönlichem Groll, Ärger oder aus Gewinnsucht.« Oder: »In jenen Tagen, als die Armee, die sich im Südosten mit der Guerilla von der PKK bis aufs Messer bekämpfte, dort die Oberhand gewann, waren unter den arbeitslos herumlungernden kurdischen Jugendlichen ohne Hoffnung, die davon geträumt hatten, sonderbare Rachefantasien weit verbreitet.«
Ein guter Übersetzer könnte derlei ausbügeln, aber eine bloße Doppelung wie diese nicht: »…als er niemanden sah, trat er auf die schneebedeckte Straße, erinnerte sich, als die Gasse im schwefelgelben Schein der Straßenlaternen schneebedeckt und still so schön dalag…« Auch der folgende Satz kann im Original nicht besonders elegant klingen: »Weil die Fahrerkabine des Militärlasters, die einige Armaturen schmückten, die nicht mehr funktionierten, sehr hoch war, konnte Ka in ein paar wenige Wohnungen schauen, deren Vorhänge offen waren.« Wobei unklar ist, ob Ka überhaupt nur wenige Wohnungen sieht oder ob von den vielen Wohnungen, die er sieht, nur wenige geöffnete Vorhänge hatten.
Es wimmelt von solchen mal ungenauen, mal pleonastischen Sätzen. Viele Seiten sind äußerst nachlässig geschrieben, erfüllt von einer selbstgefälligen Redundanz. Das ist schade, sollte aber von der Lektüre des Romans nicht abhalten. Er entwirft ein kluges, engagiertes Bild jenes zerrissenen Landes, das vielleicht bald zu Europa gezählt werden muss. Wie weit es davon entfernt ist, wie sehr es erinnert an überwundene (hoffentlich überwundene) Kämpfe der europäischen Vergangenheit, davon erzählt dieses Buch.
SchneeBelletristikRoman; aus dem Türkischen von Christoph K. NeumannOrhan PamukBuchHanser Verlag2005München25,90513- Datum 11.05.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.05.2005 Nr.20
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