Der Zauber des Schnees und der LiebeSeite 2/2
Weil aber die ganze Geschichte zumeist aus der Perspektive des verträumten, verliebten Ka geschildert wird (der sich manchmal inmitten des größten Chaos hinsetzt, um ein Gedicht aufzuschreiben, das ihm der Geist der Poesie gerade eingegeben hat), entsteht eine seltsam verschleierte Wahrnehmung, die das Tragische als zugleich komisch erscheinen lässt. Und weil sich Kas erzählender Freund immer wieder einmischt, wird dieses gigantische Tohuwabohu aus Kabale und Liebe räumlich und plastisch. Der Leser sieht es von mehreren Seiten und bleibt immer mittendrin. Das Pathos der Vaterlandsretter ist rechtschaffen und doch pure Seifenoper; Kas Dichterpose hat eine schöne Einfalt und ist doch politisch blind; die religiöse Inbrunst der gläubigen Muslime ist eindrucksvoll und zugleich Ausdruck von Armut und Unbildung.
Orhan Pamuk hat diesen Roman wirkungsvoll inszeniert. Schnelle und langsame, romantische und politische Szenen wechseln einander ab. Auf die finstersten Vorgänge wirft er das helle Gegenlicht der Groteske – etwa den immer wieder eintretenden Stromausfall oder die ihrerseits bespitzelten Spitzel oder die extrem aktuelle Provinzzeitung, die vermutlich eintretende Ereignisse vorab als Tatsache meldet und sie dadurch erst herbeischafft. Und ewig fällt der Schnee.
Dennoch gibt es ein großes Aber. Die meisten Kritiker Pamuks scheinen von seiner dramaturgischen Kunstfertigkeit derart beeindruckt, dass sie seine sprachliche Sorglosigkeit entweder nicht bemerkt oder verschwiegen haben. In diesem Fall kommt leider eine deutsche Fassung hinzu, die kaum mehr als eine Rohübersetzung ist. Da sind zunächst Kleinigkeiten. Jemand tritt in einen Raum ein, anstatt ihn zu betreten; jemand bittet einen Gast an der Tür hinein anstatt herein; jemand ist an einer Adresse nicht zu finden anstatt unter einer Adresse; jemand tut aus Aufregung etwas anstatt vor Aufregung. Oder: »Ich kann jetzt nicht aufgeben, wo ich die größte Chance meines Lebens habe.«
Man überliest das eine Weile, stößt aber dann auf einen Satz wie: »Mitte der siebziger Jahre besetzte eine gewalttätige marxistische Fraktion das Gebäude und plante eine Reihe von politischen Morden hier.« Die Wortstellung zumindest ungeschickt ist. Wie auch hier: »In dem Wunsch, von jedermann geliebt zu werden, der zu seiner jakobinischen Haltung gar nicht passte.« Misstrauisch geworden, beschleicht einen der Verdacht, dass der Übersetzer nicht allein einfallslos den türkischen Satzbau nachbildet, sondern dass sich Pamuk seinerseits verschachtelte Sätze mit ungenauem Bezug erlaubt: »Danach war er in die Sache eingestiegen, um seine Ehre als Mann nicht zu beflecken und in dem Glauben, Ankara würde am Ende zufrieden sein mit dem, was sie tun würden, nicht aber aus persönlichem Groll, Ärger oder aus Gewinnsucht.« Oder: »In jenen Tagen, als die Armee, die sich im Südosten mit der Guerilla von der PKK bis aufs Messer bekämpfte, dort die Oberhand gewann, waren unter den arbeitslos herumlungernden kurdischen Jugendlichen ohne Hoffnung, die davon geträumt hatten, sonderbare Rachefantasien weit verbreitet.«
Ein guter Übersetzer könnte derlei ausbügeln, aber eine bloße Doppelung wie diese nicht: »…als er niemanden sah, trat er auf die schneebedeckte Straße, erinnerte sich, als die Gasse im schwefelgelben Schein der Straßenlaternen schneebedeckt und still so schön dalag…« Auch der folgende Satz kann im Original nicht besonders elegant klingen: »Weil die Fahrerkabine des Militärlasters, die einige Armaturen schmückten, die nicht mehr funktionierten, sehr hoch war, konnte Ka in ein paar wenige Wohnungen schauen, deren Vorhänge offen waren.« Wobei unklar ist, ob Ka überhaupt nur wenige Wohnungen sieht oder ob von den vielen Wohnungen, die er sieht, nur wenige geöffnete Vorhänge hatten.
Es wimmelt von solchen mal ungenauen, mal pleonastischen Sätzen. Viele Seiten sind äußerst nachlässig geschrieben, erfüllt von einer selbstgefälligen Redundanz. Das ist schade, sollte aber von der Lektüre des Romans nicht abhalten. Er entwirft ein kluges, engagiertes Bild jenes zerrissenen Landes, das vielleicht bald zu Europa gezählt werden muss. Wie weit es davon entfernt ist, wie sehr es erinnert an überwundene (hoffentlich überwundene) Kämpfe der europäischen Vergangenheit, davon erzählt dieses Buch.
SchneeBelletristikRoman; aus dem Türkischen von Christoph K. NeumannOrhan PamukBuchHanser Verlag2005München25,90513- Datum 11.05.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.05.2005 Nr.20
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