Frühe Moderne

Schöne Schwabinger Schutzheilige

Franziska zu Reventlow, eine faszinierende, freizügige Frau der frühen Moderne, wird wiederentdeckt

Als »Braut von ganz Schwabing«, als die »tolle Gräfin«, als »heidnische Hetäre« oder »Madonna mit dem Kinde« wurde sie bezeichnet: Franziska zu Reventlow, eine der schillerndsten Schriftstellerinnen der frühen Moderne. Endlich sind ihre Werke wieder auf dem Buchmarkt, und man muss nun nicht mehr viel Geld für die Erstausgabe der von 1925 ausgeben, verzweifelt in Antiquariaten nach abgegriffenen Ausgaben von 1971 suchen oder sich mit einzelnen Bändchen aus verschiedenen Verlagen zufrieden geben. Fünf Bände liegen in schöner bibliophiler Ausstattung vor: In schmuckes blaues Leinen gebunden, versammeln sie alle Romane, Erzählungen, Briefe und Tagebücher der Reventlow.

Dabei war Franziska zu Reventlow eine Schriftstellerin, die gar keine sein wollte, die zeitlebens entsprechend ihrem Dilemma »Ich will überhaupt lauter Unmögliches, aber lieber will ich das wollen, als mich im Möglichen schön zurechtzulegen« lebte und litt. Im hohen Norden, in Husum, in einer aristokratischen Familie geboren, begehrte sie als Kind gegen die Strenge und Lieblosigkeit der Mutter auf, verbrachte ihre Jugend in Lübeck und zog schließlich mit Anfang zwanzig nach München mit dem Ziel, Malerin zu werden. Nach kurzer Ehe mit einem Hamburger Juristen folgte sehr schnell die Scheidung; sie bekam einen unehelichen Sohn von einem nicht näher bekannten Herrn und verbrachte lange Jahre im Zentrum der Münchner Boheme. Sie war mit Ludwig Klages und vielen Größen der Frühen Moderne wie Rainer Maria Rilke befreundet, mit Thomas Mann bekannt und spielte eine wesentliche Rolle im kulturellen Leben Münchens um die Jahrhundertwende.

Für ihre Zeitgenossen standen aber nicht ihre künstlerischen Bestrebungen im Vordergrund. Sie sahen in ihr primär einen neuen Frauentypus. Mit ihrer Lebensweise und ihrer Einstellung zu Erotik und Sexualität (sie war übrigens viel diskreter, als die Zuschreibungen vermuten lassen) sprengte sie den Rahmen der damaligen Frauenbilder, die sich in der zeitgenössischen Literatur zwischen femme fragile und femme fatale aufspannten. Sie wurde zu einer Projektionsfläche im Kaiserreich, wirbelte ausgelassen und flirtend auf den Münchner Faschingsfesten, hatte mehrere Liebesbeziehungen und verheimlichte diese nicht. Reventlow erhob öffentlich den Anspruch auf freie Entfaltung ihrer Sexualität, so lesbar in einigen Aufsätzen, die sie in der von Oskar Panizza herausgegebenen Zeitung Zürcher Dis kussionen veröffentlichte. Gleichzeitig war sie Mutter eines unehelichen Kindes und stand zu ihrer Entscheidung, das Kind allein zu erziehen, und verschwieg zudem den Namen des Vaters zeitlebens, was zahlreiche Verhandlungen mit dem Münchner Vormundschaftsgericht nach sich zog. Für einige Zeitgenossen, wie zum Beispiel Ludwig Klages, verkörperte Reventlow eine »heidnische Heilige«, eine Kombination von Hetäre und Mutter, und wurde zur Personifikation seiner Philosophie. Später, in den sechziger Jahren, wurde sie als »Inkarnation der erotischen Rebellion« oder der »sexuellen Revolution« bezeichnet.

1910 landete sie schließlich auf den Rat von Erich Mühsam in Ascona, dem Ort, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts als das Schwabing von Schwabing galt. Dort heiratete sie unter kuriosen Umständen einen baltischen Baron, der sich mit der Heirat mit der Gräfin Franziska zu Reventlow seine väterliche Erbschaft sichern wollte und ihr einen beträchtlichen Anteil zusicherte. Die Gräfin hatte aber auch hierbei Pech: Als sie das Geld bekam, handelte sie scheinbar vernünftig und vertraute es einer Bank an, die jedoch kurz darauf ihren Bankrott erklärte. Reventlows lakonischer Kommentar hierzu: »Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen, der Name des Herrn sei gelobt.« 1918 ist sie am Ende des Kaiserreichs in Ascona gestorben.

Die wilde und maßlose Sehnsucht nach Freiheit lag tief in ihrer Natur

In ihrem ganzen Leben hat sie ununterbrochen geschrieben – als Jugendliche pathetische Gedichte, dann erste Skizzen, veröffentlicht in den Husumer Nachrichten, bald ihren ersten Roman, der wie bei vielen Autoren autobiografische Züge aufweist, weiterhin immer wieder Briefe, immer wieder Tagebücher, Übersetzungen aus dem Französischen und schließlich weitere Romane, mit denen sie sich letztlich doch als die Schriftstellerin erwies, die sie eigentlich nie sein wollte.

Leben und Freiheit waren zentrale Kategorien im Denken, Schreiben und Leben der Reventlow. Bereits als Neunzehnjährige schrieb sie: »Ich will und muss einmal frei werden; es liegt nun einmal tief in meiner Natur, dieses maßlose Streben, Sehnen nach Freiheit. Die kleinste Fessel, die andere gar nicht als solche ansehen, drückt mich unerträglich, unaushaltbar, und ich muss gegen alle Fesseln, alle Schranken ankämpfen, anrennen.« Einmal hatte sie sogar notiert: »…bei mir steht und fällt alles mit dem Erotischen«. In ihrem praktischen Leben stand und fiel aber auch alles mit dem Geld. Nicht selten geriet sie in materielle Not. Mit ausgeprägtem Sinn für Komik und Satire entwickelte die Gräfin daraus eine eigene Philosophie des Geldes und zeigte noch in den größten Notlagen noch Witz und Humor.

Die Nachtseite dieses Lebens sind Depressionen, Erschöpfungszustände und psychosomatische Störungen. In ihren Tagebüchern hält sie Ängste und depressive Stimmungen fest sowie ihre Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit. Lebenslust und Lebensmüdigkeit wechseln sich bei ihr im rasanten Tempo ab.

Die ihr Leben bestimmenden Themen Freiheit, Liebe und Geld durchziehen auch ihre Romane. Ausgehend von ihrer eigenen Biografie, entwirft Franziska zu Reventlow verschiedene literarische Frauenfiguren, die in einem Wechselspiel von Selbst- und Fremdbildern agieren.

Mit Ironie und Witz hat sie die Miseren ihres Lebens gemeistert

Ihr erster Roman Ellen Olestjerne erschien 1903, Franziska zu Reventlow war gerade einmal dreißig Jahre alt. Nach dem Muster eines Entwicklungsromans zeichnet sie den Lebensweg der Protagonistin Ellen von der Kindheit bis zu ihrer Zeit als Künstlerin und der Geburt ihres Kindes. Im zweiten Band sind die drei anderen Romane versammelt, herausgegeben von Andreas Thomasberger. In Herrn Dames Aufzeichnungen (1913) setzt sich Reventlow mit der Ideologie der Kosmiker um Ludwig Klages und Alfred Schuler auseinander und liefert damit ein authentisches Bild der Epoche sowie eine durchaus aktuelle Auseinandersetzung mit dogmatischen Ideologien, indem sie die Mechanismen von Faszination und Manipulation auf ironische Weise vorführt.

In dem höchst amüsanten Roman Der Geldkomplex (1916) schreibt sie mit kühlem Sachverstand über das verzwickte Verhältnis zum Geld und ironisiert zugleich in leichtem Plauderton die Psychoanalyse: »Ich fand es anfangs ganz hübsch und stilvoll, einen Komplex zu haben, man konnte vor sich selbst und anderen sich immer darauf berufen, anstatt einfach zu sagen: ich bin verzweifelt, außer mir, schlechter Laune usw.«. Anders hingegen der düsteres Fragment gebliebene Roman Der Selbstmordverein, der von zwei Figuren erzählt, die an den gesellschaftlichen Umständen verzweifeln und denen ganz und gar die Leichtigkeit fehlt, mit der Reventlow sonst ihre Figuren ausstattet.

In den autobiografischen Texten lernen wir Reventlow als eine passionierte Briefeschreiberin kennen, die ihren Ton und ihre Schreibweise immer wieder ihrem Adressaten anpasste. Mit jugendlichem Aufbegehren schreibt sie an den ersten Freund, mit Pathos und Schwere an Ludwig Klages, mit leichter Feder an Franz Hessel oder in einem bezaubernden Sprachgemisch an den polnischen Maler Bogdan von Suchocki. Gut hundert Briefe sind hier zum ersten Mal veröffentlicht.

Eine Zeittafel und eine aktuelle Bibliografie runden die Ausgabe ab, die zu einer weiteren Beschäftigung mit der Literatur um 1900 und mit einer Schriftstellerin einlädt, die keine sein wollte. Franziska zu Reventlow wird weiterhin Interesse und Sympathie finden – in ihren Widersprüchen und Grenzen, in ihren Versuchen und ihrem Scheitern, in ihrem Spiel mit Selbstentwürfen und Fremdentwürfen und nicht zuletzt durch ihre Ironie und ihren Witz, mit dem sie die Miseren ihres Lebens zu meistern verstand.

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