musik Wenn die Kapillaren leuchten
Ein Trio aus Solisten umkreist und preist Giacinto Scelsi, den wohl rätselhaftesten Komponisten des 20. Jahrhunderts
Kontrabassisten, das sind diese gemütlichen Typen auf ihren Barhockern am Orchesterrand oder in der Combo, bärig oder, wenn es mal ein Solo gibt, tanzbärig… Natürlich ist der Kontrabass weit mehr. Dass er sogar ein ideales Ausdrucksmittel sein kann, beweist ein Italiener vom Jahrgang 1956. Seine Bogenführung beeindruckte schon Luigi Nono derart, dass er in seinem Musiktheaterwerk vorschrieb: Und wenn Scodanibbio Giacinto Scelsi spielt, gehen einem die Töne bis in die Kapillaren.
Wer in solchen Tiefen solche Nuancen erreicht, kann die Hörer von innen erleuchten – was wohl auch die Absicht eines Komponisten war, der klingende Mantras hinterließ. Mantram für Kontrabass eröffnet eine CD, die jetzt zum 100. Geburtstag von Scelsi erschien, dem wohl rätselhaftesten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Weder Fotos noch Notenhandschriften gibt es von diesem gräflichen Spross einer süditalienischen Adelsfamilie, der die Tonsetzerei zwar studiert hat, aber das Handwerk über Bord warf. Scelsi improvierte – auf Tasteninstrumenten –, ließ die Mitschnitte abschreiben und schuf daraus Stücke, in denen er »Tiefe« suchte, die »wirklich kugelförmige Dimension des Klangs«. Mantram von 1987, eines seiner letzten Werke, hat er selbst mit Scodanibbio erarbeitet. Und der realisiert in unendlich reicher Differenzierung und Konzentration dieses ragaähnliche Gebilde.
Um Figuren wie Scelsi bilden sich leicht Gemeinden aus Puristen. Umso sympathischer, dass Il suono rotondo nicht nur Soli von Scelsi versammelt, sondern auch gemeinsame Improvisationen der Interpreten: neben Scodanibbio der Posaunist Mike Svoboda und Schlagzeuger Michael Kiedaisch. Das ist durch Scelsis Schaffensmethode legitimiert – nicht limitiert. Es darf da auch unscelsianisch zugehen, metrisch, gar swingend. Zugleich schützt die Nähe des Komponisten vor dem Floskelhaften, in das Improvisierende leicht verfallen (nur der Schlagzeuger wird gelegentlich allzu berechenbar). Mal finden die drei hoch bewusst zu Konstruktionen, deren Filigran mit Noten nicht feiner zu erreichen wäre, mal lassen sie sich träumend treiben.
In einer Improvisation mischen sie Klänge, als zögen sich Risse durch die Eisenkonstruktion einer leeren Fabrik am Stadtrand. In Nummer elf glaubt man mitunter synthetische Töne zu hören. Dazwischen: die läuternde Reduktion der Posaunenstücke Scelsis von 1956 und die meditativen Shiva-Tänze für Gitarre von 1967. Das Instrument wird dazu vom Schlagzeuger übers Knie gelegt, der die leeren Saiten perkussiv traktiert – das hat, je nach Tagesform des Hörers, etwas Versonnenes oder Penetrantes. Das letzte Solo dieser CD beeindruckt immer: Le Réveil profond für Kontrabass, 1972. Dieses »tiefe Erwachen« ist das der Töne F und G und all derer, die zwischen ihnen liegen – ein ganzer Raum spannt sich auf. Der atmet und bebt unter Scodanibbios Bogen. Im Doppelgriffspiel gelingt sogar der Eindruck, dass der Klang der einen Saite sich wegbiegt, um dahinter den wachsenden Klang der anderen sichtbar werden zu lassen. Man glaubt das zu sehen, so körperhaft tönt es. Oder spürt es, wie jene mit Scelsi arbeitende Cellistin, bei der seine Musik Hitzegefühl und »fast panisches Empfinden« auslöste. Bei einer Länge von fünf Minuten sollte man’s ruhig riskieren.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 11.05.2005 Nr.20
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