Leseprobe Paradies verloren
Vorabdruck aus dem neuen Roman
Über den Autor: Cees Nooteboom, geboren 1933 in Den Haag, arbeitete zunächst als Journalist, wurde mit seiner ersten Erzählung »Philip und die anderen« (1955) rasch bekannt und errang Weltruhm mit seinen Romanen »Rituale« (1980), »Die folgende Geschichte« (1991) und »Allerseelen« (1999) sowie mit seinen viel bewunderten Reisebüchern. Nooteboom lebt in Amsterdam und auf Menorca
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Alles, was wir brauchen, ist eine Stadt am Wasser, Januar, einen Tag mit nassem Schnee, einen Bahnhof. Von den Farben am besten Grau, eine versteckte Sonne, die sich ihre Hitze für die andere Seite der Welt aufspart und für die Geschichten, die dort geschrieben werden. Dreizehn Bahnsteige, einige voller als andere. Und jetzt schlägt die Wünschelrute, die zu unserem Beruf gehört, deutlicher aus, sie zuckt und zieht uns zu einer lockeren Gruppe nicht zueinander gehörender Reisender, Statisten, Komparsen. Sie spielen heute keine Rolle, obwohl man sich da natürlich nie sicher sein kann, schließlich sind wir nicht die einzigen in diesem Geschäft. Vielleicht gehören sie zum Personal einer anderen Geschichte. Der braune Mantel, nein, die junge Frau mit dem kleinen Kind, nein, die drei Soldaten auch nicht, der Mann dort mit dem eigenartigen Hut, der ist zu alt, das wird zu kompliziert. Aber wir müssen uns beeilen, der Zug hätte eigentlich schon dasein sollen. Richtig, der Mann da hinter dem nicht zu übersehenden Bayern, der seine Bildzeitung weit aufgeschlagen hat, das ist er, das muß er sein, zerzauste Frisur aus nicht allzuviel Haar, Augen wäßrig von der Kälte, nein, nicht der dahinter, der nützt uns nichts. Falsche Richtung, der andere da, der ist es, der Mann, der jetzt schon zweimal auf seine Armbanduhr geschaut hat, ja, genau, der. Wildlederschuhe, englisch, ein wenig fahl, Baumwollhose in dieser unbestimmten Armeefarbe, grauer Lodenmantel, roter Schal, Kaschmir, das denn doch. In diesem Aufzug stecken ein paar Gegensätze, sowohl was die Farbe betrifft als auch in puncto Alter. Eine Spur Künstler, ein Kapitän außer Dienst, jemand, der sich in Laren das Hockeyspiel seiner Tochter ansieht, so versuchen die Kleidungsstücke sich gegenseitig aufzuheben, als sei sich ihr Träger unschlüssig, wer er nun sein will, und habe versucht, diese Unschlüssigkeit mit dem aufreizenden Rot seines Schals zu überspielen. Also näher heran. Es wäre denkbar, daß manche Frauen den Mann attraktiv finden, wenngleich dies vielleicht nicht sein bester Moment ist. Er sieht sich um, ob vielleicht doch noch jemand kommt, aber das kann er vergessen. Der Zug hat jetzt gerade Haarlem passiert, also: fangen wir an. Leben gründlich durcheinanderzumischen, wenn auch nur für kurze Zeit, ist keine Kleinigkeit. Es gibt Elemente, wie in der Chemie, die einander suchen und abstoßen. Leben werden nun mal in langwierigen Prozeduren zubereitet. Genau, wie Gerichte. Nein, das stimmt, es gibt niemanden, der kocht, es sei denn, man wolle das Leben selbst als Koch bezeichnen, warum auch nicht? Jedenfalls ist die Chemie, die hier erforderlich ist, nicht unkompliziert. Das eine kocht länger als das andere, die Herde stehen an verschiedenen Orten der Erde, was dabei herauskommt, ist ungewiß. Dieser Vergleich hat hier in unserer Geschichte die längste Zeit gehabt, jetzt nur noch so viel: Das Leben, um noch kurz bei dieser dummen Abstraktion zu bleiben, ist als Koch ein völliger Idiot. Darunter leiden, meistens, die Menschen, und davon profitiert, manchmal, wenngleich nicht allzu häufig, die Literatur. Wir werden sehen.
- Datum 11.05.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 11.05.2005 Nr.20
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