Wer verstehen will, was heute im Nahen Osten passiert, der sollte Tom Segev in die Vergangenheit begleiten, zurück zur Zeit der britischen Mandatsherrschaft in Palästina – alles andere als ein Ruhmesblatt der Geschichte. Der israelische Historiker und Journalist zeigt, wie seinerzeit Fehler gemacht wurden, die bis in die Gegenwart wirken. Auf über 600Seiten hält er seine Leser mit Anekdoten und anschaulichen Porträts von Zeitgenossen, mit Witz und lebhaften Bildern in Atem. Die anregende Lektüre mildert indes nicht die harten Fakten: Wie schon in seinem Standardwerk Die siebte Million räumt Segev mit manchen Mythen und Missverständnissen auf.

Es ist nicht neu, dass die Engländer mit der Balfour-Erklärung von 1917 die Quadratur des Kreises bewerkstelligen wollten: Sie versprachen den Juden eine Heimstätte in Palästina und meinten, dieses Versprechen mit den Interessen der am Ort ansässigen Araber vereinbaren zu können. Neu ist die Erkenntnis, dass die britischen Kolonialherren, entgegen der herkömmlichen Ansicht, zugunsten der Araber gegen die Zionisten gearbeitet zu haben, maßgeblich an der Schaffung des Staates Israel beteiligt waren. Dabei hatte ihr Engagement in Palästina Segev zufolge weder finanziellen noch strategischen Nutzen, es sei vielmehr einer befremdlichen Mischung aus biblischer Romantik und folkloristischer Gefühlsduselei entsprungen: Sie hätten Palästina "als Land der Bibel wie ein riesiges Wachsfigurenkabinett" behandelt.

Als nicht geringes Motiv erscheint Segev aber auch ein unverblümter Antisemitismus. Mehrere britische Premierminister, darunter Winston Churchill, glaubten es bei der zionistischen Bewegung mit einer Weltmacht zu tun zu haben, ja, sie meinten, die Juden lenkten den Lauf der Geschichte. In Wirklichkeit operierten die Zionisten seinerzeit "aus vier kleinen, dunklen Räumen am Piccadilly Circus in London", das Archiv unter Betten verstaut. Auch noch Ende der 1920er Jahre hatten sie weder eine Armee noch Geld. Ihre Stärke bestand allein darin, sich öffentlichkeitswirksam darzustellen, sich Gehör bei britischen Politikern zu verschaffen und diese von der Gemeinsamkeit der Interessen zu überzeugen. Ein Meister in der "Taktik des stufenweisen Fortschritts" war Chaim Weizmann: "Aber er bluffte nur: Weder hatte das jüdische Volk ihn geschickt, noch besaß er Macht."

Was als Blenderei und Vision begann, nahm aber rasch Formen an. Während intensiver Phasen von Terror und Gegenterror, von Diplomatie und vergeblichen Versuchen der zaudernden Kolonialherren, aus ihrer Doppelverpflichtung gegenüber Juden und Arabern herauszukommen, schufen die Zionisten konsequent die sozialen, politischen, wirtschaftlichen und militärischen Grundlagen für ihren Staat. "Ende der dreißiger Jahre konnten die Araber die nationale Heimstätte nicht mehr gefährden. An den institutionellen Grundlagen, die die Zionisten mit britischer Unterstützung in den ersten zwanzig Jahren der Mandatsherrschaft geschaffen hatten, war nicht mehr zu rütteln."

Am Ende warfen die Briten entnervt das Handtuch

Segev verwirft deshalb die Behauptung, die Staatsgründung sei eine Folge des Holocaust gewesen. Richtig sei vielmehr, dass die Zionisten zu keinem Zeitpunkt logistisch oder infrastrukturell in der Lage gewesen wären, die Millionen Juden aus Europa zu retten. Außerdem seien sie am Schicksal der Juden in Europa auch gar nicht interessiert, sondern einzig auf ihre eigenen Bedürfnisse im Nahen Osten fixiert gewesen.

Segev widerlegt auch die geläufige Interpretation, die Briten seien letztendlich von den jüdischen Terrorgruppen verjagt worden. Es sei der arabische Aufstand Ende der Dreißiger gewesen, der den Briten Palästina verleidet habe, denn dieser hätte ihnen vor Augen geführt, dass ein Kompromiss zwischen Juden und Arabern unmöglich sei. Als die Briten 1947 entnervt das Handtuch warfen und ihr Mandat an die Vereinten Nationen abtraten, sagte der Befehlshaber einer britischen Kompanie über die dreißigjährige Mandatsherrschaft: "Wenig ist erreicht worden." Ironisch fügt Segev hin, dass das natürlich nur für die Briten stimmte: "Die Juden hatten die Unabhängigkeit erreicht."

Tom Segev hat ein fabelhaftes, hoch aktuelles Buch geschrieben, das, vor fünf Jahren erstmals in den USA veröffentlicht, nun auch endlich auf Deutsch erschienen ist. Es bestätigt Indira Ghandis Feststellung: "Geschichte ist der beste Lehrmeister mit den unaufmerksamsten Schülern."