Wie das Leben wohl weitergeht, wenn er am 22. Mai verlieren sollte? Wenn er vielleicht nicht mehr nach Düsseldorf fahren muss, weil es dort für ihn nichts mehr zu tun gibt? Gertrud Steinbrück sitzt bei einem Glas Tee in ihrem Wohnzimmer in Bad Godesberg und schaut hinaus auf einen blühenden Kirschbaum, wahrscheinlich steht ihr Mann gerade wieder in einer verqualmten Halle und rühmt die SPD. "O nein", sagt sie, "der Peer den ganzen Tag zu Hause, nein, besser nicht." Sie lacht. Dann wird er wohl wieder pausenlos in Katalogen blättern, dicke Bücher bestellen, der Briefkasten wird überquellen. Könnte auch sein, dass er oben in seinem Zimmer wieder Modellschiffe basteln wird wie ein fanatisches Kind. In jedem Fall müsste dieses Haus groß genug sein für all die überschießende Energie dieses Mannes. Kein Haus wäre dann groß genug.

Wird Peer Steinbrück die Wahl in Nordrhein-Westfalen gewinnen? Oder wird er nach 39 Jahren SPD-Herrschaft die Macht am Rhein abgeben müssen? Danach sieht es im Moment aus, aber Steinbrück ist ein schwer auszurechnender Gegner. "Die Wahl", glauben seine Leute, "wird in den letzten Tagen entschieden."

Gut möglich, dass Kanzler Schröder ihn nach einer Niederlage in Düsseldorf zum Nachfolger von Finanzminister Hans Eichel machen will. Gut möglich, dass Steinbrück das gar nicht will, weil er dann bei der Bundestagswahl im kommenden Jahr wieder ums politische Überleben kämpfen müsste.

Peer Steinbrück, Ministerpräsident. Vor 58 Jahren in Hamburg geboren, ein Spross aus dem hanseatischen Bürgertum, sein Vater erfolgreicher Architekt. Studium der Volkswirtschaft in Kiel, glänzendes Diplom, Schiffsnarr, Kenner der Marine. Verheiratet, zwei Töchter, ein Sohn. Der erste Norddeutsche an der Spitze in Nordrhein-Westfalen. "Herr Schteinbrück", sagen die anderen in Talkshows, er aber sagt "Sss-teinbrück", wenn er sich vorstellt. Auf die Idee, dass er seit 30 Jahren in Bonn lebt, käme man nicht.

Peer Steinbrück, Spitzenkandidat. Müntefering und Schröder umringen ihn unentwegt, sie erdrücken ihn fast, jetzt, da es nicht mehr nur um Steinbrück geht, nicht allein um die bröckelnde Bastion NRW, sondern um ein deutsches Experiment mit dem Namen Rot-Grün. Es hängt so viel an einem Mann, der von sich sagt, er wolle nicht so viel versprechen.

Der Morgen, an dem Peer Steinbrück zu einem "Sicherheitsrisiko für die Bundesrepublik Deutschland" wurde, begann früh um halb sieben, jemand läutete Sturm an der Wohnungstür. Der Student Steinbrück lebte damals, zu Beginn der siebziger Jahre, in einer Wohngemeinschaft in Kiel. Acht Freunde waren zusammengezogen, in Steinbrücks Zimmer standen Regale voller Bücher, an einer Wand hing ein Poster mit einem Schiff. Steinbrück schlief noch, als seine Mitbewohnerin Veronique die Tür öffnete und von dem Lauf einer Maschinenpistole zur Seite gedrückt wurde. Zwanzig, dreißig Polizisten stürmten herein, schrien "Aufstehen!", stellten alles auf den Kopf. Verdutzt fragte Steinbrück:"Haben Sie überhaupt einen Durchsuchungsbefehl?"

Es gab keine Che-Guevara-Plakate in dieser WG, es gab das Rotationsprinzip beim Kochen, und Peer Steinbrück mogelte sich mit seinen einfallslosen Toasts Hawaii daran vorbei. Alles ganz harmlos. "Peer war zwar viel politischer als wir, aber er war auch nicht so richtig links", sagt ein ehemaliger Mitbewohner heute. Die Fahnder nahmen ein Morsealphabet mit, weil sie dachten, damit würden Nachrichten nach Moskau abgesetzt.