Nur Mut!

Jugendwart im Sportverein? Zu spießig. Umweltschutz? Zu gutmenschlich. Kinder? Später mal, vielleicht. Ein Aufruf zum Erwachsenwerden

Das Thema ist ein Minenfeld, vor allem, wenn man es von meinem Standpunkt aus betritt. Man kann schnell verdächtigt werden, einen Feldzug gegen Freiheit und Individualität zu führen, schmallippig im Auftrag der Freudlosigkeit unterwegs zu sein, unter einem grauen Banner mit der Parole »Leute, werdet endlich erwachsen! Jetzt ist Schluss mit lustig!« Genau das ist schon der Irrtum.

Denn das, was nun folgt, ist kein Plädoyer gegen Spaß, gegen verwinkelte Lebenswege und gegen die Selbstverwirklichung. Es ist ein Plädoyer für all das. Es ist der Aufruf an meine Generation, auch an mich selbst, erwachsen zu werden; gegen äußere und innere Widerstände.

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In Deutschland haben sich in den letzten Jahren ein paar Zahlen angestaut. Wie Forscher späterer Jahrhunderte sie wohl deuten würden? 14 Prozent der 30-jährigen Männer wohnen heute noch bei ihren Eltern, so viele wie nie zuvor. Der Anteil junger Mitglieder in Ehrenämtern, Organisationen und Parteien ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten drastisch gesunken, in der SPD beispielsweise sind nur noch 8,3 Prozent der Mitglieder jünger als 36 (andere Parteien möchten sich schon gar nicht mehr äußern). Und jeder dritte Mann in Deutschland, der heute seinen 40. Geburtstag feiert, hat noch kein Kind.

Die Forscher aus der Zukunft würden all diese Zahlen vermutlich als Ausweis einer tiefen, kollektiven Verunsicherung deuten – entweder als Folgeschäden eines maladen Systems, das nachkommende Generationen nicht mehr einlässt, oder als schwer nachvollziehbare Indizien für mangelnden Lebensmut oder gesellschaftliches Desinteresse in einem immer noch sehr reichen Land, das vielen viele Möglichkeiten lässt. Insbesondere würden sie wohl von der »Einigelung des deutschen Mannes« sprechen. Jedenfalls nicht von Glück.

Belächelt – oder wie Exoten bestaunt – werden heute aber jene, die früh heiraten oder Kinder kriegen. Oder jene, die die Jugendarbeit in einem, sagen wir mal, Angelverein übernehmen. Oder Krötenwanderungen auch im Jahr 2005 noch wichtig finden. »Spießig«, »gestrig«, »blöd«, schallt es da zeitgeistig vor allem durch die Großstädte, wo jene den Ton angeben, die sich gern die Attribute »hip«, »cool«, »modern« anhängen. Welch seltsame Verschiebung: Ein Bekannter hat sich neulich ein Haus am Stadtrand gebaut, mit Erker, mit Garten. Für die Familie, für die Kinder. Er ist jetzt fertig, er würde gerne stolz sein – doch er traut sich nicht, seine großstädtischen Kollegen einzuladen. Er hat Angst vor ihrer Häme.

Dabei hat er Mut bewiesen: Er hat sich festgelegt, er ist ins Risiko gegangen. Cool eigentlich.

Nun kann auch (und gerade!) ein Hausbau den Rückzug ins Private nach sich ziehen. Auch haben die Entscheidung für Kinder und die für politisches Engagement nichts miteinander zu tun – aber da beides immer seltener wird, kulminiert beides zum aktuellen Phänomen des Nicht-mehr-erwachsen-Werdens. Denn wenn Erwachsenwerden bedeutet, eine irreversible Entscheidung zu treffen, und sei es nur für ein Haus, und wenn man Erwachsenwerden als Übernahme von Verantwortung definiert, von Verantwortung über den Beruf hinaus – wer von uns wird dann eigentlich noch erwachsen? Und wann begann das Erwachsensein nach dieser Definition altmodisch zu wirken? Wie konnte es dazu kommen, dass heute vor allem Über-50-Jährige eine Debatte führen, die wie gemacht ist für uns Jüngere: jene über den Kapitalismus? Haben wir alle zu lange Generation Golf gelesen, ein Buch, in dem der persönliche Stillstand gefeiert und das Engagement anderer nicht mehr nach inhaltlichen, sondern nur noch nach ästhetischen Kriterien (Latzhosen, Leinenröcke, Liegeräder) beurteilt – vielmehr: verurteilt – wurde?

Der Soziologe Paul Nolte schreibt in seinem Buch Generation Reform : »Was man zunächst als verzögerte Adoleszenz beschrieb – 25jährige, die noch von Mutter die Wäsche waschen ließen –, ging nahtlos in eine Infantilisierung des Erwachsenseins über. Auf der Strecke blieb all das, was uns inzwischen als politisches, keineswegs nur individuelles Defizit dämmert: Bildung, soziale Sicherung und soziale Integration, Verantwortung für Kinder.« Viel zu viele hätten den »Rückzug in die unpolitische Privatheit von Konsum und Selbstverwirklichung« angetreten.

Doch darf, in einem zum Glück freiheitlichen Land, nicht jeder sein Leben leben? Schließlich zeichnet sich eine Gesellschaft durch ihre Vielfalt und Buntheit aus. Was aber, wenn diese Vielfalt fast wieder zu einer Jeder-für-sich-Einfalt wird? Ist es falsch festzustellen, dass sich erst durch manch »erwachsene« Entscheidung eine Gesellschaft konstituiert? Und dass nur Teilhabe sie am Leben hält?

Es gibt die, die aufräumen, wenn das Fest vorbei ist. Und es gibt die, die einfach gehen.

Kein Wunder, dass Noltes Buch für die Bundespolitiker in Berlin zu einer Art Bibel geworden ist: Manchmal wirkt es, zumal und ausgerechnet in der Hauptstadt, als hätten die Infantilen die Gesellschaft übernommen, die immer nur danebenstehen und kommentieren. Eine große Gruppe der Raushalter und Besserwisser quer durch alle Altersgruppen ist entstanden, die dem Kanzler beim Scheitern zusieht – aber selbst den Schritt zum Handeln nicht wagt, sondern lieber den Einsatz anderer Leute zynisch zerlegt. Der Schriftsteller Nick Hornby lässt in seinem Buch How to be good seine Protagonistin, eine gut verdienende Londoner Ärztin, aufseufzen: »Zynismus ist unsere gemeinsame Sprache, ein Esperanto, das sich wirklich durchgesetzt hat…Ob man sich nun über die Bürgermeisterwahlen in London oder Demi Moore oder Posh und Becks und Brooklyn unterhält, man ist zu ätzenden Bemerkungen verpflichtet, schon um zu beweisen, dass man ein funktionstüchtiger und denkfähiger Weltstädter ist.«

Nichts gegen Zynismus, nichts gegen Ironie (vor allem, wenn sie sich gegen einen selbst richtet). Nur irrt, wer denkt, dass mit Witzeleien auf höchstem Niveau der Gipfel der Adoleszenz erreicht ist. Trotz Pisa, trotz Wirtschaftskrise sind viele von uns immer noch reich an Wissen, Geist und Witz, haben Geld – beste Bedingungen, ins Leben zu treten, sich einzubringen. Aber wir tun es nicht. So kommt es zu der bizarren Situation, dass Juristen, Journalisten, Banker, Künstler, die sich ausschließlich in ihren Arbeits- und Erlebniswelten bewegen, über die mangelnde Lebenserfahrung von Berufspolitikern schimpfen. Wie Schaulustige fahren sie an kleinen und großen Katastrophen vorbei. Doch das Schaulustigen-Syndrom kann nicht nur auf der Autobahn zum Problem werden, sondern auch für ein Gemeinwesen.

Ein Vorwurf, dem – von der Verantwortung für Kinder einmal abgesehen – auch ich mich stellen muss. Mein politisches Engagement beschränkt sich auf Zeitung lesen und Zeitung machen, die paar Euro an die Welthungerhilfe sind eher ein Ablasshandel, auch bringe ich mit meinen 33 Jahren keinen Jugendlichen Fußballspielen, Turnen, Segeln bei, wie Erwachsene das bei mir einst taten. Vielleicht aber sind eigene Kinder eine Einladung zur Rückkehr in die Welt des Mitmischens.

Es stimmt ja: Erwachsenwerden ist schwierig geworden, und das ist erst mal eine gute Nachricht. Da ist keine Kirche mehr und kein diktatorischer Staat, der uns als Erwachsene zu seinen Zwecken rekrutiert. Und macht sich heute nicht lächerlich, wer noch zu wissen glaubt, wie das Leben läuft? »Flexibilität« und »Mobilität« sind die Wörter der globalisierten Welt, wer wagt da mit 30 noch zu sagen, wo – und wer – er mit 60 sein wird? Doch ist das schon Rechtfertigung genug für den Rückzug auf die Zuschauerplätze?

Es geht nicht um jene, denen das Leben den Zutritt verweigert, um die von der Konjunktur Zurückgewiesenen. Es geht um jene, die freiwillig im Provisorischen bleiben ebenso wie um die Integrierten, die Gutverdiener, nur mit ihrem Beruf verheiratet – Männer, die denken, sie hätten es geschafft. Aber was haben sie geschafft? Und für wen?

Vielleicht haben wir nicht nur ein Unterschichtenproblem, sondern auch ein Mittelschichtenproblem. Was bei den einen die Verwahrlosung, ist bei den anderen die Infantilisierung – beides läuft auf das Gleiche hinaus: Nicht-Teilnahme. Was den einen der Fernseher scheinen den anderen Reisen, Fitnessstudio und Büro zu sein. Die kreativere, originellere Variante quasi.

Manchmal entsteht dabei der Eindruck, dass es Lebensängstlichkeit ist, die da in Pseudoglück umgewandelt wird. Dass sich viele an den Kreuzungen des Lebens nicht weitertrauen. Aber muss immer alles »optimal passen«, ehe man sich weiterwagt? Ist das Leben Vollkasko oder Risiko? Alleinerziehende, Patchworkfamilien, Menschen, die sich auch in unsicheren Zeiten etwas getraut haben – das sind die Helden des Alltags. Wer sich alles offen hält, wird irgendwann feststellen, dass er immer noch am alten Abzweig steht.

Das Plädoyer für den Spätstart wird meist mit einem Argument verbunden, das nur auf den ersten Blick logisch wirkt: Man müsse erst »sich selbst verwirklichen«. Diese Sichtweise stützt sich auf den irrigen Verdacht, die Persönlichkeitsentwicklung würde sich verlangsamen, sobald man sich festlege, etwa eine Familie gründe. Man würde zum Stillstand kommen. Verspießern. Versteinern.

Doch stimmt das? Kinder beispielsweise sind permanentes Hinterfragen, eine ziemlich gute Lebensversicherung gegen Frühvergreisung. Dabei ist die Entscheidung für Kinder nicht der einzig mögliche Schritt ins Erwachsenendasein, manchen bringt sie auch kein Stück weiter. Aber sie ist einer der sichtbarsten Schritte. Einer zumal, der wirklich nicht rückgängig zu machen ist, der deshalb exemplarisch gegen das Offenhalten aller Optionen steht. (Man kann sich natürlich auch ein Arschgeweih tätowieren lassen.)

Wenn »spießig sein« heißt, keine Veränderungen zu wollen, Neuem gegenüber verschlossen zu sein – ist es dann nicht spießig, mit 40 immer noch zu leben wie mit 20? Zu denken, mit der akribischen Arbeit an der Playlist des iPod sei der Gipfel erklommen? Cafés aufsuchen, Städtereisen machen, all das, was heute als »jung« gilt … das machen Rentner auch. Manch alte Junge lassen das große Dazwischen weg. Nur Mut, Männer! Man kann auch Verantwortung und Turnschuhe tragen.

Denn »Erwachsensein« und »Ernst« sind nicht das Gleiche. Das ist ein Angstbild derer, denen in einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach auf die Frage »Was bedeuten Kinder für Sie?« zu 92 Prozent die dunkel dräuende Antwort »Verantwortung tragen« einfiel, aber nur zu 38 Prozent »ein erfülltes Leben«. So antworteten die Kinderlosen. Die haben noch nie eine Vierjährige Luftgitarre spielen sehen. Auf die Frage, welche Gründe gegen Kinder sprächen, erwiderten nur 14 Prozent von ihnen: »Es wäre schwer, die Betreuung des Kindes sicherzustellen« – aber fast doppelt so viele, 27 Prozent: »Ich möchte mich nicht einschränken müssen«. Laut einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung sagen mittlerweile 26 Prozent der Männer zwischen 20 und 39 Jahren (aber nur 15 Prozent der Frauen), dass sie sich überhaupt kein Kind mehr wünschen. Wenn sie dann etwas anderes täten! »Eine Absage an Kinder ist eine Absage an das Leben«, hat Otto Schily dazu angemerkt, der Bundesinnenminister, 72 Jahre alt, zwei Töchter.

Hat Schily Recht? Oder lebt er in einer gestrigen, saturierten Welt? Anders als in Schilys jungen Jahren prosperiert dieses Land nicht mehr, dafür ist die patriarchale Gesellschaft zum Glück Vergangenheit. So stellt sich beim Wagnis Familie die Frage: Wer bringt das berufliche Opfer, Frau oder Mann? Alle Umfragen zeigen, dass die Männer Probleme haben, sich auf die neuen Verhältnisse einzustellen. Dass sie schwer damit zurechtkommen, wenn ihnen ihre Frauen Verzicht abverlangen in einer Zeit, in der Arbeit und Sicherheiten ohnehin verschwinden, einfache Wahrheiten sowieso. In einer Zeit, in der auch die Politik teilweise infantil geworden ist. Am eindringlichsten hat das die FDP mit dem Guidomobil bewiesen.

Doch resignieren? Nein. Herausforderungen suchen. Anlaufen, abspringen, durchbrechen. Auch auf die Gefahr des Scheiterns hin. Die gibt es nämlich immer. Auch für die, bei denen nach vermeintlich spießigen Kriterien »alles glatt gelaufen« ist. Haus hier, Verpflichtungen dort, Familie und so. Das ist kein Selbstläufer, sondern ständiges Improvisieren. Wie groß der Verlust da erst wäre.

Aber man kann ja nicht nur auf Probe leben.

 
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