was ist weiblich? Den Frauen sei Dank

Arbeitslosenquote, Rentenprognosen, Armutsbericht: Alles sieht besser aus, wenn Ökonomen gezielt auf den weiblichen Faktor achten

Die Frauen sind schuld. Die freiheitsliebenden und die konsumfreudigen, die karrieregeilen, die alleinerziehenden Ernährerinnen und natürlich alle, die einfach keinen männlichen Ernährer finden. Alle Frauen, die unbedingt berufstätig sein wollen, tragen zur deutschen Krankheit bei – der hohen Arbeitslosigkeit. Zumindest rechnerisch.

Ihretwegen übersehen wir nämlich oft, dass Deutschland seit den fünfziger Jahren ein wahres Jobwunder erlebte und die Zahl der festen Stellen bis vor kurzem ununterbrochen wuchs. In der Öffentlichkeit ist so viel von Stellenabbau und Betriebsschließungen die Rede, dass oft nicht bemerkt wird, dass allein in Westdeutschland die Zahl der Jobs von 26,3 Millionen im Jahr 1960 auf 36 Millionen im Jahr 2004 stieg. An diesem positiven Trend in Gesamtdeutschland änderten selbst die Deutsche Einheit, die Politik der Treuhandanstalt und die Massenentlassungen in früheren DDR-Betrieben nichts: Der Zuwachs im Westen war bis zum Jahr 2001 stets stärker als die Verluste im Osten. Erst danach ging die Zahl der Erwerbstätigen leicht zurück, auf 38,4Millionen Stellen in ganz Deutschland im Jahr 2004.

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Warum merken wir davon nichts? Weil die Nachfrage schneller stieg als das Angebot. Und das liegt erstens am Bevölkerungswachstum und zweitens an den Frauen. Die Zahl der weiblichen Erwerbstätigen stieg zwischen 1960 bis heute von knapp zehn auf knapp 16 Millionen an. Man stelle sich vor, die komplette Bevölkerung des Landes Hessen bestünde nur aus Frauen und müsste in den deutschen Arbeitsmarkt integriert werden – dann entsteht ein Bild davon, wie das veränderte Rollenverständnis der Frauen sich auswirkt.

»Rein rechnerisch hat die Erwerbsneigung der Frauen zur Arbeitslosigkeit beigetragen«, sagt deshalb Hans-Uwe Bach, Referent beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. »Nur lässt sich daraus nicht ableiten, dass die Frauen zu Hause bleiben sollen. Genauso gut könnte man fordern, dass alle Männer freiwillig verzichten. Oder alle Blonden. Oder alle Dicken.« Hinzu kommt: Viele europäische Länder, darunter Dänemark oder Großbritannien, haben eine höhere Erwerbsquote der Frauen als wir und dennoch weniger Arbeitslosigkeit.

Der Drang der Frauen in die Berufstätigkeit hat den deutschen Arbeitsmarkt und auch den Sozialstaat in den vergangenen Jahrzehnten stärker geprägt als der demografische Wandel oder die Globalisierung. Doch manchmal verlaufen die größten Revolutionen besonders leise. Wer zum Beispiel weiß schon, dass in Berlin oder Mecklenburg-Vorpommern längst mehr Frauen als Männer in sozialversicherten Jobs beschäftigt sind?

Ein einfacher Ost-West-Vergleich zeigt, wie ausschlaggebend die Frauenjobs etwa für den Streit über die Folgen der deutschen Einheit sind. Die Ökonomen des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle rechnen seit Jahren vor, dass die Erwerbsquote, also der Anteil der regulär Beschäftigten an der Gesamtbevölkerung, in Ost- und Westdeutschland nahezu gleich hoch ist. Im Jahr 2003 betrug die Erwerbsquote im Osten 62,9 (ohne ABM), im Westen lag sie bei 69,9 Prozent. Die Arbeitslosenquoten lagen viel weiter auseinander: In Ostdeutschland (18,3 Prozent) war sie fast doppelt so hoch wie im Westen (8,9 Prozent). Aber ist der Osten wirklich so arm dran, wenn doch in einer durchschnittlichen Stadt fast so viele Menschen Arbeit haben wie im Westen? Wenn die westdeutschen Arbeitslosenzahlen vor allem deswegen niedriger sind, weil sich weniger Frauen arbeitslos melden?

Sicher ist jedenfalls: Schauen Ökonomen in ihren Berechnungen gezielt auf den Faktor Frau, lesen sich viele Tabellen plötzlich ganz anders – Rentenprognosen beispielsweise.

Sie glauben, dass die Rentner in Zukunft weniger Geld vom Staat bekommen werden als heute? Stimmt, wenn Sie an die einzelnen Rentner denken. Stimmt nicht, wenn Sie auf Rentnerehepaare und veränderte Frauenbiografien schauen. Viele künftige Rentnerhaushalte werden über mehr Geld verfügen als ältere westdeutsche Ehepaare von heute – weil beide Ehepartner momentan berufstätig sind und Ansprüche für morgen und übermorgen erwerben. Deshalb wiegt es nicht ganz so schwer, wenn das Rentenniveau beispielsweise auf 60 statt 70 Prozent der Bruttolöhne sinkt. Denn 60 Prozent der Einkünfte von Mann und Frau ergibt in den meisten Fällen deutlich mehr als 70 Prozent des einen Männereinkommens.

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