saga Der überfüllte HimmelSeite 2/2

Der Mythos Star Wars entsteht nicht zuletzt aus der Spannung zwischen seiner inneren und seiner äußeren Gestalt. Man darf als Fan Luke und Anakin Skywalker in George Lucas sehen und umgekehrt. Darum sind Star Wars- Trivia, Gerüchte und Statements von der »Skywalker-Ranch«, Umsatzzahlen und die Namen von Computerprogrammen und Kameraverfahren keine Desillusionierung, sondern Teil der Erzählung. Daraus entsteht eine dritte Geschichte, die der biografischen Auflösung. Für viele Menschen begann 1976 mit dem ersten Star Wars- Film die Entdeckung des Kinos, für andere wurde dieser eigentlich lächerliche Kinderfilm, in dem aber eben doch eine enorme innovative Energie steckte, zum Totenlied auf die Kino-Moderne. Der postmoderne Blockbuster war geboren, der als Zentrum einer gewaltigen Vermarktungsmaschine funktionierte. Von Star Wars nicht berührt zu werden war und ist unmöglich, und sei es durch das Zeug in der Cornflakes-Packung, die Baseballkappen der Kids oder diesen blöden Spruch der Kollegen: Möge die Macht mit dir sein! Fast genauso unmöglich ist es, über diesen Mythos zu sprechen, ohne die Gefühle einer »Gemeinde« zu verletzen, die aus der Kino-Erzählung die Mutter aller Kult-Phänomene zu machen verstand. Womit wir wieder bei der Neurose wären.

Warum eigentlich muss Anakin Skywalker vom »auserwählten« Helden zum Inbild des Bösen werden? Weil er nach dem Tod der Mutter auch den Tod der Ehefrau träumt? Weil Bösewerden die einzige Möglichkeit ist, dem Schicksal des Erwachsenwerdens zu entgehen? Weil Anakin-Hamlet sich als seinen Vater eben nicht den freundlichen Kenobi aussucht, der ihn zur Selbstständigkeit erzieht, sondern den finsteren Imperator, der vollständige Hingabe verlangt? Weil dieser Held-Schurke nicht Vater werden will? Weil er narzisstisch gekränkt wurde, weil Macht eine ansteckende Krankheit ist, weil das Töten zur finsteren Lust wird oder weil Anakin Skywalker glaubte, nur durch das Böse seine Liebe retten zu können? George Lucas’ Antwort ist großzügig: Von allem ein bisschen was. Und neben der neurotischen löst der unglückliche Schöpfergott der Star Wars damit auch gleich die politische Struktur seiner Kosmologie im Unverbindlichen auf. Die Verwandlung der Republik ins Imperium, die eigentliche Intrige hinter dem gewaltigen Krieg, bleibt eine rhetorische Geste. Alltag, Ökonomie und Interesse kommen ebenso wenig vor wie das eigentliche Subjekt einer Demokratie, der einfache Mensch (oder Wookie, Ewok, was auch immer). Hamlet erklärt Ödipus und umgekehrt; das Böse der Diktatur erklärt das Gute der Republik und umgekehrt. Alles andere löst sich im Krieg.

Der Erfinder, George Lucas, ist ein begnadeter Müllmann der Träume

Filme funktionieren indes nicht nur als »Erzählungen in Bildern«; es sind auch Schulen der Empfindung von Raum und Zeit. Mit der allerersten Raumschlacht des ersten Filmes war ein neues Bewegungsgefühl geboren, eine Egoshooter-Grammatik und das stürzende Mittendrin in Mehrfachbewegungen. Im sechsten, letzten Teil, Die Rache der Sith, der mit einer solchen Raumschlacht und Leistungsschau digitaler Effekte beginnt, ist die Gleichzeitigkeit von Unübersichtlichkeit und Kontrolle ins Absurde gesteigert. Alles stürzt, gleitet, fliegt, immer ist der Himmel total überfüllt. Im Star Wars- Weltraum gibt es keine Einsamkeit, nicht Schwerelosigkeit noch Stille. Ein zweiter, semiotischer Urknall hat stattgefunden und gewaltige Mengen Design-Partikel ins All geschleudert. In Star Wars ist es passiert: Wir haben das Universum zugemüllt!

Das entspricht ganz dem Wesen des Schöpfers: George Lucas, Inhaber der Effekt-Firma Industrial Light & Magic, kann einfach nichts wegwerfen, nichts aus- und hinter sich lassen. Er ist ein begnadeter Messie, der seinen Spleen kapital und kosmisch ausgedehnt hat. Er ist aber auch ein unglücklicher Schöpfer, der nie zufrieden mit seinem Werk ist. So ist auch für ihn der einzige Ausweg ein endloses Kreisen im Mythen-Müll. Nach wie vor ist dies das Faszinierende an Star Wars: dass die Filme entstehen wie eine Wundertüte. Drinnen tanzen die Zeichen: Leni Riefenstahl mit Fritz Lang, Spätromantik mit Präraffaeliten. Jede Sequenz wartet mit neuen Maschinen, neuen Lebewesen, neuen absurden Landschaften auf, und auf Grandioses folgt Verkorkstes, der eine Schauspieler gibt Shakespeare, der andere Pulp Fiction, und Hayden Christensen verdient sich als Anakin Skywalker einen Ehrenpreis als Erfinder eines neuen Schauspielstils, nennen wir ihn Comic-Kabuki. Man muss es lieben oder lassen. Aber, ach, melancholisch kann man trotzdem werden. Nicht weil man sich von einem Traum verabschieden müsste. Sondern weil einem bei all dem digitalen Wundertüten-Aufwand etwas erschreckend deutlich wird: dass man auf dem Weltmarkt der Pop-Kultur von nichts anderem erzählen kann als von alten Neurosen und von neuen Kriegen.

 
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