Der Fernsehspot spielt in den Siebzigern, man erkennt es an den verwackelten und rotstichigen Bildern der Super-8-Kamera. Ein kleiner Junge, er mag vier Jahre alt sein, pinkelt im Stehen, rempelt beim Fußball seinen Vater um und ballt seine Fäuste zur Siegerpose. Die nächste Einstellung zeigt ihn auf einer Einkaufsstraße. Als er eine junge Frau passiert, dreht er sich um, blickt gebannt auf ihren wippenden Hintern und grinst so dreckig, wie es nur Erwachsene können. "Für Jungs, die damals schon Männer waren", steht knapp in weißen Buchstaben auf schwarzem Grund. Der Werbespot wechselt in die Gegenwart. In satten Farben fährt der neue Golf GTI ein. Am Steuer sitzt vermutlich das physisch gealterte Kind aus der Rückblende; hinter dunkel getönten Scheiben bleiben seine Gesichtszüge verborgen.

Die Differenz von Alter und Kindheit ist in diesem Spot ausgelöscht. Während der Junge bereits den Habitus eines Erwachsenen angenommen hat, scheint der Erwachsene einer infantilen Sehnsucht zu erliegen: Er fährt ein teures Retro-Auto mit Heckspoiler, freut sich vermutlich über die mächtige Abgasanlage mit Doppelrohrauspuff und schwelgt in nostalgischen Kindheitsträumen. Mit den Protagonisten Mann und Kind bleibt zugleich eine Lebensphase ausgeblendet: die Jugend. In seinem geheimen Zentrum macht der Werbespot sie dennoch zum Gegenstand. Der Mann, der den GTI fährt, das Kind, das jedem Minirock hinterherschaut: Beide sind halbstarke Jugendliche, ausgestattet mit einem guten Schuss Testosteron und lässigem Übermut. Längst nicht angekommen in der Welt bürgerlicher Sesshaftigkeit und gleichzeitig der Kinderwelt entschlüpft, verharren sie in ihrer Pubertät. Der Junge war schon immer ein Mann. Der Mann bleibt ein ewiges Kind.

Der Volkswagen-Konzern hat es mit dem GTI auf eine Käufergruppe abgesehen, die sich ewig jung fühlt. Sie verlangt nach Konsumgütern, die ihr Gefühl noch verstärken. Diese Konsumenten werden als eine Gesellschaft ohne abgrenzbare Lebensphasen gedacht, deren Befindlichkeiten in einer kollektiven Jugendlichkeit synchronisiert sind. Man kann das, wie kürzlich Gerhard Matzig in der Süddeutschen Zeitung, beklagen und darauf verweisen, dass eine " All-Age- Gesellschaft", in der die Altersklassen verschwimmen, der modernen Massenproduktion entgegenkommt.

Bildet der Spot im Topos des Kindmannes tatsächlich unsere Wirklichkeit ab? Werden wir nicht mehr erwachsen? Sind unsere Lebensalter bis zur Unkenntlichkeit eingeebnet? Jeder kennt die Junggebliebenen unserer Großstadtkultur: 50-jährige Unternehmer tragen Gola-Turnschuhe zum Hugo-Anzug; statt das Abendmenü für den Gatten anzurichten, schmoren 40-jährige Hausfrauen heute im Solarium; geliftete Politiker haben den würdevollen Elder Statesman abgelöst, und noch mit 46 Jahren singt Madonna Like a virgin und sieht in Videoclips jünger aus als je zuvor.

Claudius Seidl, Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, spricht in seinem Buch Schöne junge Welt von einer "Revolution der Altersstrukturen". Im 19. Jahrhundert hatte sich unsere Lebenstreppe ausdifferenziert: Der Geburt folgte die Kindheit, der Kindheit die Jugend, der Jugend die Reife. Wer das Glück hatte, die 40 zu überschreiten, sonnte sich noch eine Weile in seiner Altersweisheit, bevor er zum Greis mutierte. Doch die klaren Wegweiser ins Erwachsenendasein haben sich weitestgehend aufgelöst; jene bürgerlichen Lebensbaupläne, die uns vorschrieben, in welchem Alter geheiratet wird, wann wir Kinder bekommen oder ein Haus bauen sollten.

Diese Beobachtung wird von Sozialwissenschaftlern gestützt. Die Adoleszenz hat sich in den letzten drei Jahrzehnten weit nach hinten verschoben. Während die sexuelle Reife immer früher eintritt, hat sich die Jugend sozial ausgedehnt. Ihre Verlängerung besteht aus Weiterbildung, Job- und Beziehungsexperimenten und der Suche nach persönlicher Erfüllung. Middle youth nennen Briten das Phänomen, wenn Erwachsene leben und fühlen wie Jugendliche; kidults werden jene genannt, die Jünglinge bleiben bis in ihre Vierziger.

Gegen die Behauptung einer allumfassenden Jugendlichkeit ließe sich einwenden, dass sie erstens nur die glatte Oberfläche unserer Großstadtkultur beschreibt und damit nicht repräsentativ ist. Zweitens gibt es sehr wohl noch Schwellen der Reife. Für manche ist es das Abitur oder der Studienabschluss, für andere die erste langfristige Beziehung, der erste Sex, das erste Kind oder das erste Auto. Bei anderen mag ein Schicksalschlag den Punkt des Erwachsenwerdens markieren, die schockierende Konfrontation mit dem Tod eines nahe stehenden Menschen oder mit einer schweren Krankheit. Für die meisten ist es noch immer das erste Gehalt und damit die finanzielle Unabhängigkeit von den Eltern. Es gibt noch Initiationsriten, die Mädchen zu Frauen, Jungen zu Männern machen; Zeitpunkte, zu denen die Pickel der Jugend einer wieder glatteren Haut, die Wirrnisse der Pubertät einer neuen Abgeklärtheit weichen. Verantwortung für die Familie, Pflichten im Job treten an die Stelle adoleszenter Neugier; Spontaneität und kindliche Unbeschwertheit machen Wissen und Erfahrung Platz. Wir streifen unsere pubertäre Orientierungslosigkeit ab.

Und doch scheint das Erwachsenwerden schwieriger als je zuvor. Das Abitur ist nach den Pisa-Studien ein zweifelhaftes Dokument. Der ersten Liebe folgen, seit wir uns von der Adenauer-Republik emanzipierten, noch eine ganze Reihe sehr ähnlicher Beziehungen. Vom Auto und von einem ersten Gehalt soll gar nicht erst die Rede sein. Zu müde ist das Lächeln derer, die sich nach dem Studium von Praktikum zu Praktikum, von einem Job zum nächsten hangeln. Der Dauerauftrag der Eltern, zu Beginn des ersten Semesters eingerichtet, läuft bei vielen stillschweigend weiter, als wäre das Leben nach dem Magister nur ein neuer Studiengang. Wer, schon leicht ergraut, von der Großmutter dennoch hin und wieder 50 Euro zugesteckt kriegt, der ahnt, wie sehr sich die Wirklichkeit von unserer alten Idee der Lebensphasen entfernt hat.