Ich habe einen Traum

Wolfgang Leonhard, 84, veröffentlichte vor 50 Jahren sein berühmtes Buch »Die Revolution entlässt ihre Kinder«, eine Innenansicht des Stalinismus. Leonhard, 1921 in Wien geboren, wuchs in Berlin und Schweden auf. 1935 floh er mit seiner Mutter, einer Spartakistin, nach Moskau. Nachdem sie 1936 wegen »antisowjetischer Umtriebe« verhaftet worden war, kam er in ein Kinderheim und 1942 zur Komintern-Schule in Baschkirien abgeordnet, der wichtigsten Ausbildungsstätte für ausländische Kommunisten. Leonhard ist letzter Überlebender der »Gruppe Ulbricht«, die von 1945 an die sowjetische Siegermacht in Deutschland unterstützen sollte. 1949 flüchtete er nach Jugoslawien und kam 1950 in die Bundesrepublik. Seither ist er als Publizist und Hochschullehrer tätig gewesen. Hier erzählt er von seinem frühen Erwachsenwerden und seinen politischen Träumen

Alles, was üblicherweise Kindheit oder Jugend ausmacht, ist mir in meinem Leben entgangen: Tanzen gehen, in Bars herumlungern, mit Mädchen flirten, all das kannte ich nicht. Typische Kindheitsträume habe ich nie geträumt. Die Voraussetzungen dafür wären die Geborgenheit einer Familie gewesen und ein Alltag, der Raum für Träume lässt. Ich hatte weder das eine noch das andere, stattdessen durchlebte ich die großen Wendungen der Zeitgeschichte.

Meinen Vater, den Dramatiker Rudolf Leonhard, lernte ich erst kennen, als ich 26 Jahre alt war, und erlebte ihn nur ein paar Tage lang. Meine Mutter war Anfang der zwanziger Jahre ausschließlich mit der Weltrevolution beschäftigt. Ein Kind wurde da als störender Faktor empfunden, und so wurde ich schon als Säugling namens »Wladimir« bei wechselnden politischen Freunden geparkt. Mein sechstes bis zehntes Lebensjahr verbrachte ich bei millionenschweren Edelkommunisten, die mir vier sorgenlose Jahre in einer luxuriösen Villa bescherten.

Anzeige

Meine Mutter, eine arme Intellektuelle, die vom Schreiben von Rezensionen lebte, sah ich nur Sonntags, sofern sie überhaupt in Berlin war. Eines Tages jedoch nahm die behagliche Unterbringung bei meiner jüdischen Gastfamilie ein jähes Ende. Hitler hatte sie in die Emigration gezwungen.

Diesen ersten Bruch in meiner Biografie empfand ich als Schock. Meine Mutter und ich lebten nun in einer kargen 1-1/2-Zimmer-Wohnung in Reinickendorf-West von einem absoluten Minimallohn, den sie sich hart erarbeiten musste. In meinen ersten schemenhaften Erinnerungen sehe ich sie am Schreibtisch sitzen, mit einer Schere über Unmengen von Zeitungen gebeugt. Ich träumte davon, eines Tages selbst eine Schere zu besitzen und ebenfalls Zeitungen zu lesen – mein damaliges Lebensziel. Gesprochen wurde zwischen uns nicht, worüber auch, über kindliche Belange etwa? Die Beschäftigung mit persönlichen Bedürfnissen hielt meine Mutter für kleinbürgerlich und unnötig.

Unser baldiger Umzug in die Künstlerkolonie am Berliner Breitenbachplatz öffnete mir das Tor zu Welt. Umgeben von Leuten wie Axel Eggebrecht, Ernst Busch, Arthur Koestler, die dort wohnten, trat die Politik, die ich schon mit meinem ersten Atemzug inhaliert hatte, auch als aktive Betätigung in mein Leben. Ich wurde Mitglied der jungen Pioniere. Meine erste politische Tat vollbrachte ich am 1. Mai 1932. Jedes Mal, wenn »Hitler!« erschallte, skandierten wir »Verrecke!« zurück.

Was folgte, war, dem aufkeimenden Nationalsozialismus zum Trotz, eine glückliche Zeit. Meine Mutter wollte aus mir einen freiheitlich denkenden Aktivisten machen und schickte mich auf eine der aufgeklärtesten und modernsten Schulen, die es damals gab, das Landschulheim Herlingen. Seit nunmehr 70 Jahren verbindet mich mit den noch lebenden Schulfreunden von damals eine innige Freundschaft. Wir telefonieren wöchentlich, obwohl wir in der ganzen Welt verstreut leben. Ich weiß nicht, was es heißt, ein guter Vater zu sein – auch gegenüber meinem inzwischen erwachsenen Sohn nicht –, weil ich es selbst nie erlebt habe; aber Freundschaften haben bei mir, vielleicht als Kompensation für die fehlende Familie, stets tiefe Wurzeln geschlagen.

Als Hitler an die Macht kam, steckte mich meine Mutter mit zwölf Jahren in den Zug nach Schweden ins Internat, begleitet von den Worten: »Du bist doch ein erwachsener Junge!« Sie wollte schon immer einen erwachsenen Sohn haben. Die Idee der Kindheit als geschützter Raum war ihr fremd. Als ich ihr träumerisch von meinen wunderbaren Ausflügen in Herlingen erzählte, da erwiderte sie: »Junge, wir haben jetzt andere Sorgen, die Nazis sind an der Macht!« Da sie in Schweden als Flüchtling kein Visum bekam, nahm unsere Odyssee ihren Lauf. Meine Mutter verfügte über Verbindungen nach Großbritannien und in die Sowjetunion.

Es folgte das einzige persönliche Gespräch zwischen uns, an das ich mich erinnern kann. Da ich ja jetzt ein großer Junge sei, solle ich mich entscheiden, ob wir nach Manchester oder nach Moskau wollten. »Blöde Frage«, rief ich, »natürlich nach Moskau!«, schließlich war für mich die Sowjetunion das Arbeiterparadies, das Land, das die Werktätigen geschaffen hatten.

Service