massaker in usbekistan Westen fordert Aufklärung
Nach Augenzeugenberichten sollen Soldaten in Andischan im Fergana-Tal auch auf friedliche Demonstranten geschossen haben. In der überbevölkerten Region herrscht eine unheilvolle Allianz von Armut und Extremismus
Taschkent/Moskau/Berlin Nach dem von Regierungstruppen verübten Massaker in Usbekistan mit bis zu 500 Toten haben westliche Staaten eine schonungslose Aufklärung in der zentralasiatischen Republik verlangt. »Die Umstände der Gewaltanwendung müssen umgehend und in aller Offenheit untersucht werden«, forderte Bundesaußenminister Joschka Fischer am Montag in Berlin. Der britische Außenminister Jack Straw betonte, die Gewalt von Regierungsseite sei »nicht zu rechtfertigen«. Augenzeugen berichteten, wie Soldaten in der Stadt Andischan am Freitag auf friedliche Demonstranten schossen, darunter auch Frauen und Kinder. Die usbekische Führung sprach von einem »tapferen« Vorgehen des Militärs gegen »bewaffnete Extremisten«.
Nach der blutigen Niederschlagung des Aufstands in Andischan nahm die usbekische Polizei am Montag nach eigenen Angaben etwa 70 Menschen fest, die als mutmaßliche Aufrührer galten. Die Lage in der Stadt im Fergana-Tal normalisiere sich langsam, sagte der Innenminister Sakir Almatow.
Von allen Friedhöfen der 300 000-Einwohner-Stadt Andischan wurden zahlreiche Beerdigungen gemeldet. Die autoritäre Staatsführung in Taschkent dementierte die Schätzungen von 500 Toten und 2000 Verletzten. Die Nachrichtenlage blieb im Konfliktgebiet unübersichtlich, nachdem das Militär Journalisten zum Verlassen von Andischan zwang.
An der etwa 30 Kilometer entfernten Grenze zu Kirgisien riss der Strom usbekischer Flüchtlinge nach dem Blutbad von Andischan nicht ab. »Sie werden uns in der Heimat töten«, riefen einige Usbeken, die um Asyl im Nachbarland baten. In offiziellen Berichten hieß es dagegen, vor allem bewaffnete Aufständische suchten Schutz vor dem usbekischen Militär.
Bewaffnete Stadtbewohner hatten in der Nacht zum Freitag Gefängnisse gestürmt und tausende Gefangene befreit. Am darauf folgenden Abend war usbekisches Militär gegen das von den Aufständischen besetzte Gebäude der Gebietsverwaltung vorgegangen. Dabei schossen die Soldaten nach Berichten von Beobachtern in die Menge der vor dem Gebäude demonstrierenden Menschen.
»Am Freitagabend haben die Militärs das Feuer auf friedliche Bürger eröffnet. Dabei starben hunderte Menschen«, sagte der Leiter der Menschenrechtsorganisation »Apellazija« (Berufung), Saidschachon Sainabitdninow, in Andischan. Am nächsten Morgen seien die Toten, darunter viele Frauen und Kinder, mit Lastwagen und Bussen aus der Stadt gebracht worden. Menschenrechtsorganisationen sprachen in Andischan von bis zu 500 Toten. Es waren die schwersten Konflikte in Usbekistan seit der Unabhängigkeit der früheren Sowjetrepublik im Jahre 1991.
Der usbekische Präsident Islam Karimow hatte am Samstag extremistische Gruppierungen für das Blutbad verantwortlich gemacht. Beobachter hingegen sehen den Auslöser der Proteste in den miserablen Lebensbedingungen der Bevölkerung.
Armut und Extremismus in einer unheilvollen Allianz
Im dicht besiedelten Fergana-Tal an der einstigen Seidenstraße droht ein Gemisch aus Armut, islamischen Hasspredigten und staatlichen Repressionen zu explodieren. Die zum usbekischen Teil des Tals gehörende Provinz Andischan gilt seit langem als Hochburg radikaler Islamisten. Die auch in Deutschland verbotene Organisation Hisb-ut-Tahrir will hier einen muslimischen Gottesstaat (Kalifat) errichten.
Der autoritäre Präsident Islam Karimow regiert mit Repressionen statt mit Reformen die Ex-Sowjetrepublik. Der frühere Kommunistenchef propagiert einen gemäßigten Staatsislam und verfolgt die Opposition. Nach Schätzungen von Amnesty International sitzen derzeit 8000 Regimegegner in Gefängnissen. Die Menschenrechtsorganisation wirft der Regierung Folter und Misshandlungen von Häftlingen vor.
Die reale Gefahr eines radikalen Islamismus für Staat und Gesellschaft in Usbekistan ist umstritten. Kritiker behaupten, die autoritäre Führung schaffe sich durch ihre Unterdrückungsmaßnahmen erst jene Feinde, die sie bekämpfe. Im letzten Jahr erschütterte eine Reihe von Anschlägen Taschkent und die historische Stadt Buchara. Es wird vermutet, dass es enge Verbindungen zwischen den extremistischen Gruppen und der mächtigen Drogenmafia im Land gibt.
Sowohl die USA als auch Deutschland haben in Usbekistan Soldaten stationiert. Etwa 300 Bundeswehr-Soldaten versorgen von der südusbekischen Stadt Termes aus die Truppen im angrenzenden Norden Afghanistans. Präsident Karimow sieht seinen Kampf gegen islamistische Gruppen im eigenen Land als Beitrag zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus. Angesichts massiver Klagen von Menschenrechtsgruppen rückt die Führung in Washington zunehmend vom strategischen Verbündeten Karimow ab.
Das Fergana-Tal ist eine der unruhigsten Regionen im gesamten Zentralasien. Das Tal gehört größtenteils zu Usbekistan, erstreckt sich aber auch auf das Territorium von Kirgisien und Tadschikistan. Vom Fergana-Tal führt nur eine Hauptstraße zur knapp 300 Kilometer entfernten usbekischen Hauptstadt Taschkent.
Westliche Experten sehen die Gründe für die andauernden Konflikte im fruchtbaren, aber überbevölkerten Fergana-Tal weniger im religiösen Fanatismus als in der alltäglichen Not. "Wir sind keine Extremisten. Wir wollen Demokratie und Arbeit", riefen die bis zu 50.000 Demonstranten auf dem Platz von Andischan am Freitag.
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- Quelle 14.5.2005, ZEIT.de, dpa
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