mittlerer ostenDer irakische Albtraum

Amerika findet keine Antwort auf die eskalierende Gewalt. Jetzt bieten die Europäer ihre Hilfe an

Als wollte sie die Flammen des Aufruhrs persönlich austreten, eilte Condoleezza Rice am Pfingstsonntag zum Blitzbesuch nach Bagdad. Das Signal sollte sein: Amerika hat die Lage im Irak unter Kontrolle. Aber eine Außenministerin in Stahlhelm und Splitterweste wirkt wenig beruhigend, zumal dann, wenn am selben Tag die Leichen von 41 Männern gefunden werden, Opfer dreier neuer Massaker.

Die Wahrheit lautet: Nichts ist im Irak unter Kontrolle. Die Zahl der Selbstmordanschläge, der Überfälle und Autobomben hat sich seit Februar verdoppelt, auf etwa 70 pro Tag. Das Pentagon setzt diesem Grauen trotzige Zuversicht entgegen. Amerika verfolge keine »exit strategy«, sagt ein enger Mitarbeiter Donald Rumsfelds indigniert, sondern eine »strategy for victory«. Mit der Präzision einer PowerPoint-Präsentation trägt er die vier Etappen dieser Strategie vor. Erstens: Befreiung. Zweitens: Besatzung. Drittens: Partnerschaft (die gegenwärtige Phase). Viertens: Selbstbehauptung.

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Doch in ihrer dritten Phase gerät die »Strategie für den Sieg« ins Stocken. Nicht nur, weil der terroristische Aufstand einen furchtbaren Blutzoll fordert; nicht nur, weil viele Iraker sich aus Angst vor Kriminellen kaum noch vor die Haustür wagen. Sondern auch, weil es wirtschaftlich nicht vorangeht. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 30 bis 40 Prozent, die Stromversorgung funktioniert bis heute nicht zuverlässig, ein Viertel der Kinder leidet unter Mangelernährung.

Ende Januar schienen sich die Dinge zum Guten zu wenden, als Millionen Iraker zu den Wahlurnen gingen. Ihr Mut, ihr fester Wille, sich nicht einschüchtern zu lassen, waren eindrucksvoll. Doch dieser glückliche Moment war schnell dahin, verspielt in einem dreimonatigen Machtpoker um die Bildung der neuen Regierung.

Die Iraker hätten sich »der Demokratie verschrieben«, sagte Condoleezza Rice vor ihrem Rückflug, »das ist die Botschaft, die ich mit nach Hause nehme«. Ob sie das wirklich glaubt? Die Demokratisierung des Nahen und Mittleren Ostens ist die einzige Legitimation für den Irak-Krieg, die der Regierung Bush nach dem Nichtauffinden der Massenvernichtungswaffen und der nicht nachweisbaren Zusammenarbeit zwischen Saddam Hussein und al-Qaida geblieben ist. Und tatsächlich: Ist nicht der Irak, wie von Bush vorausgesagt, zum »Leuchtturm« geworden für die Wähler in Palästina, die Demonstranten im Libanon, die Opposition in Ägypten? Hat nicht, wie der aus dem Libanon stammende, an der Johns-Hopkins-Universität lehrende Nahostkenner Fouad Ajami in Foreign Affairs schreibt, der »Herbst der Autokraten« begonnen?

Man sollte warten, bevor man auf den Siegeszug der Demokratie in den arabischen Ländern allzu hohe Summen setzt. Amerika hat kein Interesse daran, dass seine wichtigsten Verbündeten – vom reaktionären Hause Saud bis zum Polizeiregime des Ägypters Mubarak – durch unkontrollierbare Freiheitskämpfer vertrieben werden.

Der irakische Leuchtturm selbst ist bisher eher eine blakende Funzel. Schätzungsweise 20000 Aufständische kämpfen derzeit gegen die Regierung in Bagdad und deren Schutzmacht USA, unter ihnen etwa 2000 ausländische Dschihad-Terroristen.

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