Politik Helfen kann tödlich sein
Mitarbeiter von Hilfsorganisationen leben gefährlich: In Afghanistan wurden in den letzten Tagen elf humanitäre Helfer getötet. Bangen auch um die entführte Care-Mitarbeiterin Clementina Cantoni – von der 32-Jährigen fehlt jede Spur
Mitarbeiter von Hilfsorganisationen bezahlen ihren selbstlosen Einsatz in Unruhegebieten häufig mit dem Leben. In Afghanistan sind Mitarbeiter von Hilfsorganisationen zum zweiten Mal in 48 Stunden zur tödlichen Zielscheibe von Extremisten geworden. Sechs Mitarbeiter einer Hilfsorganisation wurden von mutmaßlichen Taliban-Kämpfern getötet. Ein Sprecher der Provinzregierung von Sabul teilte mit, dass die sieben Helfer auf der Straße von Kabul nach Kandahar im Bezirk Schahdschoi in einen Hinterhalt geraten seien. Sie hatten den Leichnam eines Kollegen bei sich, der bei einem Anschlag am Vortag getötet worden war zu dem sich die Taliban bekannten.
Bereits am Mittwoch hatten Taliban-Extremisten das Fahrzeug einer Hilfsorganisation in der Nähe der Provinzhauptstadt Laschkargah im Süden von Afghanistan angriffen und alle fünf Insassen getötet. Die Angreifer beschossen den Wagen der Organisation „Landwirtschaftliches Einkommensprogramm“ mit einem Raketenwerfer. Die Organisation hatte an einem von den USA finanzierten Projekt zur Beendigung des Opium-Anbaus im Süden des Landes gearbeitet. Unter den Toten sei neben zwei Ingenieuren auch ein Polizist gewesen.
Am Montagabend war die italienische Care-Mitarbeiterin Clementina Cantoni entführt worden. Sie sei auf dem Weg in ein Restaurant gewesen, als vier bewaffnete Männer den Wagen der Italienerin gestoppt und die Fenster eingeschlagen hätten. Mit vorgehaltener Kalaschnikows sei die junge Frau dann in ein anderes Auto gezwungen worden, wie das italienische Außenministerium berichtete. Die 32 Jahre alte Mailänderin ist seit mehreren Jahren für die Hilfsorganisation Care International tätig.
In Kabul arbeitete sie in einem Projekt, das afghanische Kriegswitwen unterstützt. Ende des Monats wollte sie nach Italien zurückkehren. Das italienische Fernsehen berichtete, die Regierung in Kabul führe Gespräche mit dem Ziel der Freilassung der 32-Jährigen. Die Situation der Geisel in Kabul bleibt weiter unklar.
Zunächst war erklärt worden, dass sich eine kriminelle Vereinigung zu der Entführung der jungen Frau bekannt hatte. Die Bande wolle inhaftierte Mitglieder freipressen, erklärte der Leiter der Anti-Terror-Abteilung im afghanischen Innenministerium, Dschamil Dschumbesch. Am gestrigen Abend hatte sich ein Mann bei einem privaten Fernsehsender zu der Entführung bekannt und mit der Ermordung seiner Geisel gedroht, wenn seine Forderungen nicht erfüllt würden wie Der Spiegel berichtete.
Die stark religiös geprägten Forderungen, wie die Errichtung von mehr islamischen Schulen, dem Verbot von Alkohol und einer Alternative zum Drogen-Anbau lassen eher auf einen religiösen Hintergrund der Entführer schließen. Beweise, dass Cantoni sich in der Gewalt der islamischen Terrorgruppe befindet, existieren nicht. Ein Polizeisprecher bezweifelte, dass das Ultimatum ernst gemeint gewesen sein.
Die Hilfsorganisation Caritas international überlegt nach den jüngsten Rebellenangriffen, ihre Helfer aus dem Land abzuziehen. Eine reguläre Arbeit in dem Land sei nicht mehr möglich. „Afghanistan ist kurz davor zu kippen“, teilte die Organisation am Donnerstag mit. Die vier deutschen und dreizehn afghanischen Caritas-Mitarbeiter im Kabuler Büro hätten bereits seit vergangener Woche die Anweisung, ihre Unterkünfte nicht mehr zu verlassen.
In Italien geht die Befürchtung um, dass die Entführer ganz gezielt eine Italienerin als Opfer wählten. Zugeschrieben wird das der Lösegeldpolitik der Regierung Berlusconis, die in der Vergangenheit hohe Geldsummen an die Entführer gezahlt haben soll. Terroristische und kriminelle Gruppen können dadurch auf leichte Einnahmen hoffen. Von offizieller Seite wurden Zahlungen stets dementiert. Doch es bestand ein großer öffentlicher Druck - für die Freilassung der entführten humanitären Helferinnen Simona Pari und Simona Toretta und der Journalistin Giuliana Sgrena waren Hunderttausende Italiener auf die Straße gegangen.
- Datum 19.05.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) ZEIT.de, 18.5.2005
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