Für das neue, vergangene Woche vom Bundeskanzler eröffnete BMW-Werk in Leipzig hat die Londoner Architektin Zaha Hadid das Zentralgebäude entworfen. Es wirkt von außen wie ein überdimensionierter Walkiefer, aber es ist keine für sich stehende Bauskulptur. Hadids Gebäude ist eine hochsymbolische und zugleich extrem funktionsfähige Architektur. Um zu verstehen, dass es kein reines Schaustück ist, muss die Arbeit sichtbar sein, und Hadid macht sie auch sichtbar.

Der Empfangsbereich weist unmittelbar in die handfesteren Bereiche der Autoproduktion, in Richtung Karosseriebau und Lackiererei. Über dem Staunenden gleiten in Stockwerkshöhe die neuen 3er-BMWs gemächlich der Endfertigung entgegen, und die Tiefe der zentralen Halle erschließt sich über kaskadenartig aufsteigende, als Schreibtisch-Arbeitsbereiche ausgewiesene Ebenen. Kein Büro, nirgends. Zaha Hadid versichert, die postfordistischen Bedingungen dieser neuen Produktionsanlage hätten sie sehr inspiriert. Die Anforderungen des Auftraggebers an das Gebäude seien erstaunlich gut mit ihren künstlerischen Ideen vereinbar gewesen.

Die Aufgabe der Architektur bestand immerhin darin, einer ganz neuen betrieblichen Wirklichkeit nicht nur Ausdruck zu geben, sondern sie mitzuerschaffen. Und diese neue, anregendere und gleichzeitig produktivere Art der betrieblichen Zusammenarbeit soll nicht bloß nach innen weisen, sondern auch ein verändertes Verhältnis zwischen Großinvestor und Umgebung signalisieren.

Dabei ist die Vorgeschichte der BMW-Standortauswahl ganz profan: Als der Zuschlag am 18. März 2001 an Leipzig erging, zählten nicht patriotische, sondern wirtschaftliche Gründe. In Sachsen, wo seit hundert Jahren Autos gebaut werden, gibt es besonders gute Chancen, qualifizierte Fachkräfte zu werben. Die Stadt legte die bürokratischen Hürden so niedrig wie möglich, außerdem ist die Infrastruktur für einen Produktionsbetrieb hier ausgesprochen günstig. Und in einer Region, die 20 Prozent Arbeitslosigkeit beklagt und in der bereits drei von vier Betrieben individuelle Vereinbarungen zur Arbeitszeitregelung schließen, musste die IG Metall dem Konzern weit entgegenkommen: Wenn das Werk im kommenden Jahr volle Kapazität fährt und täglich 400 Wagen vom Band rollen, wird an sechs Tagen 140 Stunden pro Woche produziert werden.

Den 1,3 Milliarden investierten Euro stehen etwa 370 Millionen EU-Subventionen entgegen, weniger als BMW erhoffte. Weil diese Gelder per definitionem nicht dem Unternehmen, sondern der Region zugute kommen sollen, muss BMW pfleglich mit Leipzig umgehen. 5500 Leute werden hier in einem Jahr arbeiten, noch einmal so viele Arbeitsplätze sollen im Umkreis des Werks hinzukommen. Es fließen 250 Millionen geschätzte Euro Löhne und Gehälter in die Region, die Stadt wird sich an 20 Millionen Steuereinnahmen erfreuen. Bei der Auswahl der Zulieferer wurden kleine und mittlere Betriebe bevorzugt.

BMW tritt folglich nicht als Heilsbringer auf, sondern wirbt um die Leipziger. Man sitzt in einem Boot. Das Unternehmen engagiert sich dezent, aber nachhaltig in den kulturellen Einrichtungen der Stadt, zumal in der kürzlich eröffneten Gemäldegalerie, es fördert aber auch soziale Projekte. Kooperativität dürfe nicht nur einer Seite abverlangt werden, meint Werksleiter Peter Claussen, er hält diese Art des Miteinanders für selbstverständlich, wenn das wirtschaftliche Engagement dauerhaft sein soll. Das beliebte Spiel der Investoren, den Standort mit Forderungen und Drohungen in Unsicherheit zu halten, erscheint ihm bizarr. Man könnte das als kommunale Intelligenz bezeichnen, und es ist nicht selbstverständlich im deutschen Wirtschaftsleben.

Vielleicht ist Leipzig ein positives Fallbeispiel, der Fall einer durchdachten Planung und eines ehrgeizigen Konzepts, das (bisher) nicht durch schlechte Kompromisse verwässert wurde. Zaha Hadids Architektur ist ein Bestandteil dieses Konzepts. Sie habe, sagt sie, in ihrem Zentralbau die Energie- und Kommunikationsströme des Werkes bündeln und sichtbar machen wollen. Tatsächlich sind "White Collar"- und "Blue Collar"-Bereiche eng miteinander verschränkt worden. Die Kluft zwischen Hirn- und Handarbeit soll so klein wie möglich ausfallen, räumlich, aber auch in der Betriebsorganisation. Transparenz soll den Fluss der Informationen fördern. Nicht einmal der Werksleiter verfügt noch über einen abgeschlossenen Raum. Und weil die Sichtbarkeit auch einen Stressfaktor darstellt, haben sich in der Belegschaft schnell ganz eigene Rituale der Diskretion herausgebildet. Auch die Nichtkommunikation muss sich hier neu organisieren.

Dabei schließt sich der Arbeitsraum nicht von der Umgebung ab. Natürliches Licht dominiert. Das Interieur wirkt durch die verwendeten Materialien Beton und Metall technisch, aber makellos. Die Förderbänder sind durch blaue Leuchtstreifen als Linien markiert. Weswegen der Besucher hier ist, soll durch die Prozession der Autos über den Köpfen sinnfällig bleiben. Leere bekommt dieser Architektur gar nicht gut, der Bau ist auf sichtbare Arbeitsabläufe angewiesen, auf Menschen, die in diesem Raumkontinuum hin und her strömen. Die dynamisierte Architektur benötigt geradezu die an diesem Ort erforderlichen Bewegungen. So folgt Form hier der Funktion.