Zehn Wochen lang haben wir uns in der ZEIT mit der Frage beschäftigt, was "weiblich" sei. Um es gleich vorwegzusagen (sich zu entschuldigen, bevor man kritisiert werden kann, gehört unbedingt ins feminine Repertoire): Wir haben keine eindeutige Antwort gefunden. Und das, obwohl wir uns dem Thema "Weiblichkeit" aus vielen Richtungen genähert und das weibliche Gehirn ebenso wie die Literatur von Frauen, ihr Verhältnis zur Technik ebenso wie ihre Karriereplanung untersucht haben.

Fest steht nunmehr, dass die Jahrhunderte vorbei sind, während derer sich die Männer den Frauen körperlich und geistig überlegen wähnten, und auch die Jahrzehnte, in denen Frauen sich im Kampf gegen Benachteiligung und Unterdrückung selbst fanden. Der große Unterschied liegt kaum noch in der Körperkraft; weniger als je zuvor in dem Umstand, dass die einen Kinder bekommen können und die anderen nicht; ehrlich gesagt, auch nicht mehr darin, dass noch zu wenige Professorinnen und Chefredakteurinnen berufen werden. Wer wollte denn ernsthaft daran zweifeln, dass sich das ändern wird?

Natürlich gibt es immer noch viele Frauen, die von Feminismus und Frauenbewegung nicht profitieren konnten. Es gibt ungleiche Löhne. Es gibt Frauenhandel, Prostitution, Gewaltpornografie, Gewalt gegen Frauen überhaupt. Der Kampf gegen all dies bleibt die Aufgabe jeder zivilisierten Gesellschaft.

Doch wenn wir über unversehrte Lebensläufe nachdenken: Wer möchte da eigentlich noch ein Mann sein? Das männliche Geschlecht wirkt im Augenblick ein wenig wie das alte Europa, von Abstiegsängsten geschüttelt und einigermaßen ziellos. Was sollen sie denn noch erreichen? Ihnen kann nur genommen werden, und zwar von den Frauen; den Frauen mit ihren besseren Bildungsabschlüssen und ihrem seit Urzeiten antrainierten Organisationstalent. Die Frauen sind jetzt das Geschlecht des Wachstums, sie sind Portugal und Irland, sie sind die baltischen Tigerstaaten. Sie wissen, dass sie die Voraussetzungen – und jedes Recht – haben, um alles zu erreichen, was bisher den Männern vorbehalten war.

Natürlich ist das Wachstum dort am größten, wo die Infrastruktur den meisten Ausbau braucht – ganz egal, ob es um Straßenpflasterung geht oder darum, mehr Frauen in Spitzenjobs zu bringen. Es ist in gewisser Weise tragisch, dass Männer die Dynamik der weiblichen Entwicklung nur als Bedrohung erleben können. Wer sich bedroht fühlt, neigt zu Aggressionen, gräbt sich ein oder tritt in einen beleidigten Zeugungsstreik. Schon druckt die Frauenzeitschrift Brigitte besorgte Männerdossiers: "Nun reißt euch mal zusammen!"

Gerade weil Frauen dieses Gefühl der Aussichtslosigkeit noch aus eigener Erfahrung kennen, sollten sie nicht allzu unsensibel auftrumpfen. Angesichts all ihrer gewonnenen Möglichkeiten müsste es ihnen gelingen, klar zu machen, dass männliche Verhaltensweisen – sich der Karriere zu widmen, zu forschen, zu schreiben, sich etwas weniger um die geliebten Kinder und die alten Eltern und den Garten zu sorgen – für Frauen ein Gewinn sein können. Dass aber weibliche Verhaltensweisen – etwas weniger Stress im Beruf haben zu wollen und sich etwas mehr um die geliebten Kinder und die alten Eltern und den Garten zu kümmern – für Männer kein Verlust sein müssen.