Nordrhein-Westfalen »Was bringt das hier?«

Tanja Brakensiek verkörperte die Zukunft der CDU in Nordrhein-Westfalen. Nach zehn Jahren im Landtag wirft sie die Brocken hin

Wie sie da laufen, diese winzigen Figuren unten auf dem Platz, wie sie auf schnurgeraden Bahnen hin- und herrücken, als würden Püppchen auf unsichtbaren Magnetbändern gezogen. »Hier oben wird man sehr ruhig«, sagt Tanja Brakensiek und schaut herab. Im Fernsehturm neben dem Landtag in Düsseldorf ist sie mit dem Aufzug hochgefahren, während einige dieser Figuren 168 Meter unter ihr einen Machtwechsel vorbereiten. Die CDU-Abgeordnete Tanja Brakensiek will nicht mehr dazugehören, ihr Büro ist schon fast leer. »Meine Bilder muss ich noch holen.« Sie sagt das sehr fröhlich, sie wirkt erleichtert. Von diesem politischen Betrieb da unten fühlte sie sich erdrückt, deshalb hat Tanja Brakensiek beschlossen, nicht mehr zu kandidieren – und das, obwohl die CDU jetzt glänzende Aussichten hat, nach 39 Jahren SPD-Herrschaft in Nordrhein-Westfalen die Regierung zu übernehmen.

Tanja Brakensiek ist 36 Jahre alt, Juristin, beflissen, in ihrem Dortmunder Wahlkreis beliebt, aufgewachsen in einer Großstadt, zupackend, attraktiv. Tanja Brakensiek sollte einmal die Zukunft verkörpern in einem CDU-Landesverband, dessen Vorzeigeleute ergraut sind in der starren Warteschlange vor der Pforte der Macht. »Warum haben wir so eine nicht?«, fragten Sozialdemokraten in Dortmund neidisch. Und jetzt – weshalb kneift Tanja Brakensiek? »Da ist doch diese Lebensweisheit«, antwortet sie, »es gibt kein richtiges Leben im falschen.« Man kann sie nach ihrem letzten Kinobesuch fragen oder ihrer Schulzeit, immer antwortet sie gerade heraus. Aber den Fragen nach ihren zehn Landtagsjahren weicht sie zunächst aus.

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Am 16. Mai des Jahres 1995 steht sie in der Eingangsschleuse vor dem Landtagsfoyer, ihr erster Tag als Abgeordnete. Zunächst erkennt sie den unscheinbaren Mann nicht, der auch darauf wartet, dass die Glastür sich automatisch öffnet. Sie sieht ihn erst nur von hinten, dann wendet er sich ihr zu, höflich grüßend. Tanja Brakensiek hatte sich den Ministerpräsidenten Johannes Rau etwas anders vorgestellt, größer.

Ein alter FDP-Abgeordneter mit zerzausten Haaren kommt ihr mit einem vollen Aktenwagen entgegen. Der Mann sieht mitgenommen aus und spricht sie gleich an. Die FDP sei aus dem Parlament geflogen, er glaube nicht an eine baldige Rückkehr. Schwitzend steht er vor ihr. Gleich wird er wohl all seine Politik in einen Reißwolf stecken, denkt Tanja Brakensiek. Der Alte tut ihr leid in diesem Moment, später sagt sie still zu sich selbst: »Diese Wählermacht.« In ihren Worten liegt viel Bewunderung für die Regeln der Demokratie.

Sie ist »das Küken«. Und natürlich »die mit den langen blonden Haaren«

Tanja Brakensiek schreibt ihre Reden selbst und hat den Ehrgeiz, überall eine andere Rede zu halten. Sie liest und schreibt und liest und schreibt. Sie glaubt, sich sehr anstrengen zu müssen, sie ist die jüngste Abgeordnete in diesem Parlament. »Das Küken«, nennen sie Ältere im Landtag, »die mit den langen blonden Haaren«. In ihrem ersten Auftritt vor dem Plenum verlangt sie vom SPD-Justizminister, mehr Geld ins Justizpersonal zu investieren. Die CDU-Fraktion hat die junge Juristin zur Gefängnis-Beauftragten gemacht, und Tanja Brakensiek verblüfft die Direktoren von Gefängnissen, als sie dort unangemeldet auftaucht und sich über Haftbedingungen informieren will. Später erfährt sie, dass niemand in ihrer Fraktion dieses Thema übernehmen wollte, aber das macht ihr nicht viel aus.

Sie kämpft für die Erhaltung des Bürgerfunks Offener Kanal in Dortmund, für eine Erweiterung der forensischen Kliniken in Dortmund, gegen Gewalt in der Familie, für Ganztagsschulen, gegen die Schuldenspirale in Dortmund. Immer wieder diese Stadt. Alles dreht sich um ihren Wahlkreis. Dortmund-Eving, Dortmund-Mengede, graubraune Mietshäuser, Schrotthändler, ehemalige Zechensiedlungen: kein klassisches CDU-Gebiet, genau das Gegenteil. Für die Menschen dort will sie sich einsetzen, von ihnen hat sie das Mandat. Tanja Brakensiek fordert mehr Lehrer in Schulen, sie gründet eine Interessengemeinschaft, die zwischen Deutschen und Türken vermitteln soll, und sie regt sich darüber auf, dass die Dortmunder Polizei ein Neonazikonzert duldet.

Sie sieht sich als politischen Lautsprecher ihrer Heimat, aber es fällt ihr zunächst schwer, laut im Landtag zu sprechen. Sie nimmt sich nicht wichtig genug und setzt sich am liebsten in die letzte Stuhlreihe. »Sie ist so nachdenklich«, sagt einer der altgedienten CDU-Abgeordneten wohlwollend, »sie ist ganz anders.« – »Sie versteht doch nichts von Politik«, sagen Hartgesottene.

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