Hochschul-Ranking 2005
Medien-was?
Bei Abiturienten begehrt, international geachtet, dennoch ein rätselhaftes Fach: Die Medienwissenschaft. Der erste Teil einer Serie über Fächer im aktuellen Ranking
Schon der Name. Heißt das Fach nun Kommunikationswissenschaft? Medienwissenschaft? Publizistik? Journalistik? Die Lösung: Alle Namen sind richtig. Es kommt darauf an, mit wem man spricht. Denn einig sind sich die Vertreter aller Fachströmungen lediglich in einem. »Das Fach hat ein Komplexitätsproblem«, sagt Romy Fröhlich, Professorin für Kommunikationswissenschaft (KW) in München. Kaum einer, der nicht dazugehört, weiß genau, worum es eigentlich geht. Und jene, die dazugehören, verbringen viel Zeit damit, genau diese Frage auszudiskutieren.
Die Studenten schreckt das nicht ab. Tausende von Abiturienten strömen jedes Wintersemester an die überfüllten Institute von Mainz bis München, und sie sind nur die glücklichen wenigen, die angenommen werden in einem Fach, das sich schon seit vielen Jahren mit einem Einser-NC abschotten muss. Die Demografie der Studienanfänger ist dabei ziemlich eindeutig. Sie sind intelligent, in der großen Mehrheit weiblich, und sie wollen »in die Medien«. Was auch immer das ist. Irgendwer hat ihnen gesagt, dass sie mit einem kommunikations- oder medienwissenschaftlichen Studium richtig bedient seien. Fast so, als sei das Ganze eine Art Casting-Veranstaltung fürs Fernsehen.
Und worum geht es wirklich in diesem Modefach? Beispiel Kommunikationswissenschaft. Die Vorlesungen tragen Titel wie »Einführung in die Statistik«, Seminare beschäftigen sich mit den »Theorien und Modellen der Massenkommunikation«, und dann sind da noch die Kurse zur computergestützten Datenanalyse. Vorbereitung auf den Job eines Journalisten? Gleich null. Stattdessen jede Menge größerer und kleinerer Forschungsprojekte schon vor dem Examen. Das ist der große Widerspruch der Kommunikationswissenschaft: Auf der einen Seite ist sie international wettbewerbsfähig wie kaum ein anderes Fach in Deutschland, werden die Beiträge deutscher Wissenschaftler in internationalen Fachzeitschriften zitiert wie sonst nur die von Amerikanern. Das weltweite Gewicht der deutschen Kommunikationswissenschaftler zeigt sich auch darin, dass mit dem Dresdner Professor Wolfgang Donsbach seit vergangenem Jahr erstmals ein Deutscher der weltweit größten Fachgesellschaft für Kommunikationswissenschaften, der International Communications Association (ICA), vorsitzt. Eine tolle Bilanz.
Beeindruckende Forschung, schwacher Praxisbezug
Wäre da nicht die Schattenseite: Seit jeher drücken sich die meisten Fachvertreter um ihre Verantwortung für die praktische Journalistenausbildung, im Gegensatz zu ihren Kollegen aus den USA und anderen Ländern. Das Ergebnis ist ein ziemlich zerrüttetes Verhältnis der Absolventen zu ihrem hochtheoretischen Fach, das an enttäuschte Liebe erinnert. Jene, die am Ende und trotz allem tatsächlich in den Medien landen, nutzen ihre publizistische Macht nicht selten, um sich zu rächen. Zum Beispiel, indem sie das Fach weitgehend ignorieren. Vielleicht weiß deshalb auch kaum einer, dass Deutschland mit führend ist beim Entwickeln neuer, verlässlicher Umfragetechniken oder dem Einsatz moderner Untersuchungsmethoden wie der im Fach vorherrschenden so genannten Inhaltsanalyse von Medienprodukten. Wenn Absolventen dann doch einmal zur Feder greifen, kommt dabei oft ein Frontalangriff heraus wie der fast legendäre Artikel von Annette Ramelsberger in der Süddeutschen Zeitung: »Schlage dich ohne Führer durch das Labyrinth der Theorie, grabe unter meterdickem Staub nach dem versteckten Schatz des Wissens. Und falls du keinen findest, versuche trotzdem, daraus eine gute Story zu machen.«
Die Fachvertreter wehren sich. »Die Ausbildung für die Berufspraxis ist nicht Sache des wissenschaftlichen Studiums«, sagt Hans Wagner, lange Jahre prägende Figur des Münchner Instituts für Zeitungswissenschaft, das sich inzwischen in Institut für Kommunikationswissenschaft umbenannt hat. Laut Michael Haller, ehemaliger Spiegel- Redakteur und jetzt Journalistikprofessor in Leipzig, ist jedoch genau diese Einstellung das Problem: »Das Rollenverständnis des Akademismus ist vielerorts unverändert. Vor ein paar Jahrzehnten war das noch berechtigt, heute mutet es eher komisch an in Zeiten von Massen-Unis als Durchlauferhitzer.«
Es gibt sie schon, die Journalistikstudiengänge wie der von Haller in Leipzig, einige davon mit hervorragendem Ruf wie der am Dortmunder Institut für Journalistik. In den siebziger und achtziger Jahren war die Journalistik sogar groß im Kommen. Doch anstatt sich wie in Amerika zum Königsweg in den Job zu entwickeln, blieb sie stecken im Morast der Mittelmäßigkeit. Was an ebenjener theoretischen Ausrichtung der Professoren liegt, die auch Hans Wagner beschreibt. »Bis auf ein paar Praktika haben doch die wenigsten Professoren Praxiskompetenz. Wie sollen die da für den Beruf vorbereiten?« Daran konnte auch der Einkauf einiger Journalisten für einzelne Seminare wie »Ressortkunde Wirtschaft« nichts ändern. In denen ohnehin nur Platz ist für einen geringen Teil der Studenten. Der Rest findet sich wieder in akademisch orientierten Programmen, die sich durch eine Vielzahl an Namen und Philosophien auszeichnen, bei denen sogar Fachvertreter den Überblick verlieren.
»Der große Paradigmenstreit existiert weiter, der Streit um die Frage: Verfolgen wir einen kulturwissenschaftlichen Ansatz, oder sind wir vor allem Empiriker?«, sagt Wolfgang Donsbach. Sicher ist das in einem Fach, dessen Vertreter seine Komplexität mehr rühmen als beklagen, eine Verkürzung, doch lässt sich folgende Formel anwenden: Die Kommunikationswissenschaft, auch Publizistik genannt, ist die sozialwissenschaftliche Strömung, die Medienwissenschaft die geisteswissenschaftliche. Viele sprechen daher sogar von zwei getrennten Fächern.
Die KW hat sich in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker der empirischen Forschung zugewandt. Studenten schauen sich zum Beispiel im Auftrag ihres Professors Nachrichten öffentlich-rechtlicher und privater Fernsehsender an und vergleichen den Anteil politischer Nachrichten mit der Zahl von Katastrophenmeldungen oder Promi-News. Das mag sich trivial anhören. Doch für eine Mediendemokratie ist von entscheidender Bedeutung, ob ihre Bürger politisch ausreichend informiert werden. Ein anderer Forschungsschwerpunkt ist der Zusammenhang von Gewalt in den Medien und Gewalt im wirklichen Leben. Hier wird auch der Unterschied zwischen der KW und der Medienwissenschaft deutlich. Während sich die KW eher für die Frage interessiert, ob und unter welchen Umständen Kinder mit übermäßigem Fernsehkonsum gewalttätig werden, debattieren Medienwissenschaftler darüber, was Gewalt im Fernsehen über den Zustand einer Gesellschaft aussagt, und analysieren Filme oder Bücher mit literaturwissenschaftlichen Mitteln. Wobei die Übergänge fließend sind. Es gibt auch Kommunikationswissenschaftler, die dem traditionellen kulturwissenschaftlichen Ansatz treu geblieben sind. Doch innerhalb der Kommunikationswissenschaft hat sich der Paradigmenstreit längst entschieden – zugunsten der Empiriker. Die Mehrheit der Nichtempiriker hat sich in der Medienwissenschaft versammelt.
Seit einigen Jahren gibt es eine Entwicklung, die Romy Fröhlich als »gefährliche Ausfledderung« bezeichnet: Von der Informatik bis zur Betriebswirtschaft haben sich Studiengänge mit dem Zusatz »Medien« versehen, was genauso konkret ist wie die Vorstellungen der meisten Studienanfänger. Und genau an dieser Stelle wird es so kompliziert, denn am Ende weiß tatsächlich keiner mehr, was hinter welchem Angebot steckt. »Einige betreiben da Etikettenschwindel«, sagt Fröhlich, die zugleich Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) ist. »Um Personalstellen vor den Sparmaßnahmen zu retten, strickt man sich mit sehr heißer Nadel schnell ein dünnes Journalistikprogramm oder vermeintlich bahnbrechende neue Medienstudiengänge, die bei genauer Betrachtung nicht einmal den Minimalanforderungen an Ausstattung oder Inhalt gerecht werden und damit viel Schaden anrichten.« Wieder wird mit dem Reizwort »Medien« gearbeitet, in der Hoffnung, dass die Abiturienten darauf hereinfallen. Mit Erfolg. Auch die neuen Studiengänge sind überlaufen, die Professuren damit gerettet. Journalisten aber werden am Ende die wenigsten Absolventen.
Doch was, wenn nicht Journalisten, sollen sie nun werden, all die Studenten der Kommunikations- und Medienwissenschaft? Die wichtigste Antwort: So schlecht sind sie gar nicht, die Berufschancen der Absolventen – solange sie sich nicht auf den Journalismus festgelegt haben. »Das Fach Journalistik ist eben nicht mehr so wichtig«, sagt Klaus Schönbach, der Professor in Amsterdam und Herausgeber des Fachorgans Publizistik ist. »Das heißt aber nicht, dass der Praxisbezug weg ist. Wir bilden jetzt vor allem Leute aus, die ins Medienmanagement und in die Werbung gehen.« Was auch viel mehr Sinn ergibt. Denn anstatt das journalistische Handwerk zu trainieren, lernen Studenten im Fach vor allem über den Journalismus und wie er sich beeinflussen lässt.
So schwierig es für Außenstehende ist, Kommunikationswissenschaft, Publizistik, Medienwissenschaft und Journalistik auseinander zu halten, so wichtig ist es, dass sich die Studienanfänger zum ersten Mal auf ein vernünftiges Ranking zur Orientierung stützen können. Allerdings spiegelt sich die Komplexität des Faches selbst im CHE-Ranking wider. Alle Fachströmungen werden gemeinsam bewertet, was den Vergleich schwer macht. »Das Ranking ist nur ein erster Versuch, das Fach in seiner Vielfalt einzufangen«, sagt CHE-Leiter Detlef Müller-Böling. »Die Abgrenzung der unterschiedlichen Angebote ist in der Tat extrem schwer, daher bin ich mir nicht sicher, ob wir das diesmal schon richtig abbilden.« Auf jeden Fall, so Müller-Böling, sollten sich angehende Studenten zusätzlich sehr genau auf den Internet-Seiten der jeweiligen Institute informieren.
Erfurt, Münster und Hannover liegen vorn
Doch auch wenn das Ranking also noch seine Schwächen hat, gibt es einige überraschende Ergebnisse. In der Spitzengruppe liegen die Kommunikationswissenschaftler der erst wenige Jahre alten Universität Erfurt, ihre Kollegen der Universität Münster und, als weitere Vertreterin der Medienwissenschaften, die Hochschule für Musik und Theater Hannover. Die Universität Mainz dagegen, die das Fach seit Jahrzehnten dominiert, schneidet in beiden getesteten Fachbereichen, Publizistik wie Medienwissenschaft, etwas schlechter ab. Das Ranking berücksichtigt allerdings nur die Lehre, die Forschungsleistung eines Instituts bleibt diesmal aus methodologischen Gründen noch unberücksichtigt.
Genau das sollte eigentlich den praxisorientierten Journalistikstudiengängen entgegenkommen. Doch sie schneiden meist nur durchschnittlich ab. Ausnahme sind die Katholische Universität Eichstätt, die mit Ausnahme der Reputation bei den Professoren nur Spitzenplätze belegt, und das Lehrangebot der Uni Dortmund, deren Journalistikprogramm bundesweit als vorbildlich gilt. Die Uni Leipzig hingegen erzielt zwar Spitzenwerte in der Beliebtheit bei den Professoren und in ihrem Praxisbezug, bekommt aber Minuspunkte bei Betreuung und Studienorganisation. Die Universität Hamburg tut sich lediglich beim Praxisbezug hervor. Ansonsten ist sie ebenfalls nur Mittelmaß.
Der Befund ist eindeutig, die Journalistik, im Gegensatz zur fröhlich forschenden Kommunikationswissenschaft, steckt in der Krise. Mittlerweile befinden sich viele Journalistikstudiengänge im Umbruch, werden wie im Hamburger Angebot von Diplom- in Master-Aufbauprogramme umgewandelt. Mit dem Journalistikstudium von Anfang an ist es damit vorbei, die neuen Strukturen sehen ein beliebiges Fachstudium vor, die praktische Journalistenausbildung gibt es dann obendrauf. Die Details der Studienreform sind mancherorts noch unklar, doch eines steht heute schon fest: Übersichtlicher wird das Fach dadurch mit Sicherheit nicht.
- Datum
- Quelle (c) DIE ZEIT 19.05.2005 Nr.21
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