Auf einem internationalen Megafestival wie Cannes wird die Leinwand zum Seismografen politischer Stimmungen und Atmosphären, hier zeigt sich immer noch am besten, wie die Welt gelaunt ist. Im vergangenen Jahr verlieh die Festival-Jury die Goldene Palme an Michael Moores Dokumentarfilm Fahrenheit 9/11 und verpasste der Regierung von George W. Bush einen symbolischen Tritt vors Schienbein. Nun, während der ersten Cannes-Ausgabe nach Bushs Wiederwahl, scheint sich das Amerika-kritische Gegrummel gleich in mehreren Filmen und an verschiedenen Festivalfronten fortzusetzen.

Tatsächlich kam die erste Stichelei aus den Staaten selbst. Mit der Weltpremiere des letzten Teils von George LucasStar Wars- Saga erreichte der populärkulturelle Supertanker auch die Côte d’Azur. Während der Regisseur auf dem vor Cannes liegenden Kreuzfahrtkoloss Queen MaryII mit einem Galaempfang beglückt wurde und Sharon Stone auf dem roten Teppich die Klonkrieger abknutschte, wurde im Kinosaal unverschleiert Politik betrieben. In Star Wars – Die Rache der Sith entpuppt sich die Figur des kriegstreiberischen und oft in Reagan-Zitaten sprechenden Kanzlers Palpatine als präsidiale Karikatur. Mit der Aushebelung galaktischer Rechte und der Instrumentalisierung äußerer Feinde für innenpolitische Zwecke neigt sich die Pixel-Saga unaufhaltsam in Richtung der finalen Botschaft: Der wahre Feind der amerikanischen Demokratie hockt in ihrem Innern.

Ähnlich schlicht ist auch David Cronenbergs Amerika-Kritik. In seinem Wettbewerbsbeitrag A History of Violence stöbert er in den gewalttätigen Urgründen der amerikanischen Psyche. Sein properer Held Tom Stall (Viggo Mortensen) ist der Inbegriff des amerikanischen Idealspießers: Hausbesitzer und treuer Ehemann, Vater zweier hübscher Kinder und Inhaber eines Diners mit selbstgebackenem Kuchen und anständigem Kaffee. Cronenberg bringt die schmutzige Seite des keksduftenden Kleinstadtlebens zum Vorschein. Als Toms Diner von Kriminellen überfallen wird, offenbart sich der Familienvater als virtuoser Killer, der seinen Gegnern wie nebenbei das halbe Gesicht wegschießt. Nach und nach erschließt sich die verbrecherische Vergangenheit des Helden. A History of Violence will von den zwei Gesichtern der amerikanischen Gesellschaft erzählen, und doch erliegt Cronenbergs Thesenthriller seinem eigenen Ästhetizismus: Wenn die großkalibrige Munition sauber durch Stirnen und Brustkörbe schlägt, wenn Arme wie Ästchen gebrochen und die Feinde mit rhythmischer Präzision erlegt werden, neutralisiert Cronenberg ein Stereotyp durch das andere. Hier die comichafte Kinogewalt, dort die naturnahe Americana-Idylle. Auf der einen Seite die beim Abendessen wartende Modellfamilie und auf der anderen der erschöpfte, seine Wunden verbergende Heimkehrer, der in den Wohnzimmern der weiten Welt das eine oder andere Massaker angerichtet hat.

Auf wesentlich kompliziertere Weise nimmt sich hingegen ein Skandinavier die amerikanischen Mythen und Selbstbilder vor. Lars von Trier hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass seine Amerika-Trilogie als groß angelegter Kinofeldzug gedacht ist. Nachdem er in Dogville bereits die Bigotterie der amerikanischen Provinz sezierte, stößt er in Manderlay zum abstoßendsten Kapitel der US-Geschichte vor: der Sklaverei. Diesmal landet die Gangstertochter Grace (Bryce Dallas Howard), die in Dogville noch von Nicole Kidman gespielt wurde, in einem abgelegenen Südstaaten-Dorf. Obwohl die Handlung in den dreißiger Jahren spielt, hat hier eine Plantage überdauert, in der die Baumwollpflücker nach wie vor als Sklaven gehalten werden. Unter den vorgehaltenen Pistolen der Gangster zwingt Grace die Leibeigenen in ein hoch didaktisches Demokratisierungsprojekt. Die Plantage wird zur autoritär geleiteten Kommune, in der die ehemaligen Sklaven sogar über die richtige Uhrzeit abstimmen.

In Manderlay setzt von Trier die zeichenhafte, fast gänzlich auf Dekor verzichtende Theaterästhetik von Dogville fort. Wieder schwebt der Regisseur wie ein hohnlachender Gottvater über den stümperhaften Weltverbesserungsversuchen seiner Helden. Wieder führt er den Menschen als von egoistischen Impulsen und zerstörerischen Leidenschaften geleitetes Wesen vor. In Manderlay mündet die verordnete Freiheit in die demokratisierte Unterdrückung. Am Ende wird Grace als legal gewähltes Plantagenoberhaupt ebenjenen Schwarzen auspeitschen, gegen dessen Bestrafung sie zu Beginn einschritt.

In seiner ideologischen Arroganz ist Manderlay ein ungerechter, zynischer Film, ein Pamphlet gegen den selbstgefälligen amerikanischen Demokratiebegriff. Andererseits hat das Kino gerade auf einem Festival wie Cannes alles Recht der Welt, politisch auf die Pauke zu hauen. Und vielleicht musste einfach auch einmal auf der Leinwand festgestellt werden, dass es kaum etwas weniger Liberales gibt als einen Amok laufenden Liberalismus.