Was ist weiblich?

Im Land der weiblichen Männer

Warum fehlt es an Arbeitskräften? Wieso sitzen gut ausgebildete Frauen zu Hause? Vor vierzig Jahren gaben die Schweden die richtigen Antworten. Jetzt geht es ihnen gut

Stockholm

Sie sehen aus wie Männer. Sie kommen in Rustikal oder Elegant daher, sind ein wenig abgerissen wie der Busfahrer Per Gunnar Engblom oder tragen wie der Sprecher des schwedischen Parlaments Björn von Sydow Dreiteiler mit lachsfarbener Krawatte. Hocken mollig wie der Software-Entwickler Daniel Torbiörnsson auf ihrem Ikea-Sofa und kuscheln mit Töchterchen Ebba. Geben sich asketisch, im kragenlosen Hemd, wie der große Regisseur Mats Ek, oder jagen, wie der Abgeordnete Anders Ygeman, mit Rucksack und Kinderwagen, die Treppen in Stockholms Luxus-Kaufhaus NK zur Sportabteilung hoch. Wie gesagt: Männer. Was sie darüber hinaus gemeinsam haben, ist nicht zu sehen. Es ist die Art, wie sie die Welt sehen – mit weiblichem Blick. Diese Männer sind Feministen. So sagen sie und dass sie versuchen, danach zu leben. Sie sind natürlich Schweden. Verführerisch.

Tatsache ist: Schweden ist das Land der Welt, in dem die Gleichstellung der Geschlechter am höchsten entwickelt ist. So steht es im Report der Vereinten Nationen über die Fortschritte in dieser Angelegenheit, der seit der Weltfrauenkonferenz in Peking im Zweijahrestakt erscheint. Das Verhältnis von Mädchen zu Jungen in höherer Schulbildung: 98 zu 100. Erwerbsbeteiligung: 51 Prozent. Schweden steht auf Platz eins bei der Beteiligung der Frauen an der Macht, fast die Hälfte der Abgeordneten im Parlament ist weiblich. Ein schwedisches Kabinett besteht aus Tradition zur Hälfte aus Ministerinnen, das Wort war: Tradition. Im Deutschen Bundestag sitzten gerade mal 33 Prozent Frauen, sogar Costa Rica hat mehr Frauen im Parlament als wir, die wir auf der Hitliste der Gleichstellung erst auftreten dürfen, nachdem dort nach Schweden bereits Dänemark, Finnland, Norwegen, Island und die Niederlande stehen.

Die Gleichstellung von Mann und Frau ist in der deutschen Verfassung verpflichtend festgeschrieben. Gleichstellung ist eines von drei zentralen Millenniums-Zielen der Vereinten Nationen für globale Entwicklung, da kommt Gleichheit der Geschlechter gleich hinter Armutsbekämpfung und dem Recht auf Primärbildung. Gleichstellung ist Indikator für den Entwicklungsstand einer ganzen Gesellschaft, noch vor Bruttosozialprodukt, Kindersterblichkeit und Lebenserwartung. Weil ein Ausschluss von Frauen der alles entscheidende Indikator für Rückständigkeit ist, wie der indische Ökonom und Nobelpreisträger Amartya Sen es formulierte: weil er verhindert, dass eine Gesellschaft ihr Potenzial zur Entwicklung überhaupt ausschöpfen kann.

»Gleichstellung ist ein Menschenrecht«, sagt der Ombudsman

Auch in Schweden ist die Gleichstellung von Mann und Frau keineswegs vollendet. Viele Frauen stecken in unterbezahlten Jobs, ohne Aufstiegschancen. Der Arbeitsmarkt ist nach Geschlecht sortiert. Gute Positionen in der Wirtschaft sind Herrensache, nur in zehn Prozent der Vorstände finden sich Frauen. Aber zu Hause schuften die Frauen natürlich mehr als ihre Männer: acht Stunden jede Woche, unbezahlt. Auch Schweden ist kein Frauenparadies, selbst wenn Frauen sich dort ihre Kinderwünsche erfüllen können, was ja nicht wenig ist, Kinderlosigkeit ist ein Randphänomen. Drei Kinder haben Schwedinnen dreimal so häufig wie deutsche Frauen. Aber was dort wirklich anders ist: Auch Männer finden, dass die Gleichstellung vorangebracht werden muss.

Wenn schwedische Männer begründen, warum sie Gleichstellung für wichtig halten, kleckern sie nicht. »Eine Frage der Menschenrechte«, sagt beispielsweise Claes Borgström, ein hochberühmter Anwalt in Schweden und nun als Ombudsman für Chancengleichheit angeheuert, um dem schwedischen Gleichstellungsgesetz von 1980 Durchschlagskraft zu geben, das jeden Betrieb zwingt, Frauenförderpläne vorzulegen. Und Borgström die Macht gibt, jedes Jahr rund 200 Verstöße vor Gericht zu zerren. »Ich fühle schon einen ordentlichen Adrenalinstoß, wenn ich mir vorstelle, was Diskriminierung ist. Einer Frau weniger Gehalt zu zahlen: absurd!«, sagt Borgström.

»Eine Frage des Charakters«, sagt Lars Wittenmark, der im Wirtschaftsministerium sitzt und für die Regierung einen nationalen Aktionsplan zur Durchsetzung von Gleichstellung ausarbeitet, über dessen Erfolge sie dem Parlament Rechenschaft schuldet. »Eine Frage der Demokratie«, sagt Björn von Sydow, Sprecher dieses Parlaments, Nachfolger einer Frau, die ihm ein Donnerstag-Frühstück der Parlamentarierinnen vererbte, und der nach Berichten – weibliche Abgeordnete fühlten sich durch Kollegen im Parlament behindert – eine Untersuchung der Vorwürfe angestoßen hat. Und in Vorwegnahme der Ergebnisse schon mal alle bis ins Kabinett hinein zu Schulungskursen in Gleichstellung verdonnert hat – er müsse Sorge tragen, dass ein Wahlkreuz für eine Frau das gleiche Gewicht habe wie das für einen Mann. »Ich rede von kollektiver Verantwortung«, sagt Jens Orback, Minister für Gleichstellung, »und nie werde ich akzeptieren, dass meine Töchter geringere Chancen im Leben haben sollten.«

Wo kommen solche Männer her? Nun, sie sind nicht selten Söhne von Müttern, die schon vor einem halben Jahrhundert der Kategorie emanzipierte berufstätige Frau angehörten. Der Schriftsteller Per Olov Enquist beispielsweise, der in seinem jüngsten Roman Das Buch von Blanche und Marie so schmerzlich nah aus der Sicht zweier Frauen über die Liebe schreibt, sagt: »Als ich vor über 70 Jahren zur Welt kam, wurde ich in ein Matriarchat hineingeboren.« Die Mutter war Dorflehrerin, der Vater Waldarbeiter. »Es war eine Gesellschaft, in der die Kontrolle über die Erziehung, die Religion, das Geld bei den Frauen lag, und von diesen Dörfern gibt es noch heute in Schweden Hunderttausende, in denen es ganz natürlich ist, die Gleichheit von Frauen zu erfahren.«

Carl Tham, der heute schwedischer Botschafter in Berlin ist, von 1995 bis 1998 Bildungsminister war und mit List und etwas Druck die Quote der Professorinen von 8 auf 15 Prozent hochgetrieben hat – allein 30 Frauen haben eine so genannte Tham-Professur –, erzählt auch von seiner Mutter, einer Lehrerin. »Ich wurde von einer Feministin erzogen«, sagt sein ehemaliger Parteifreund Gabriel Romanus, der für die Liberalen im Parlament sitzt, nicht ungern in Arbeitsgruppen, in denen Frauen in der Mehrheit sind und Themen in Richtung Soziales akzentuieren – er erinnert sich, wie beschäftigt seine Mutter, die Ärztin, immer war. Jens Orback, Minister für Gleichstellung, erzählt von aufregenden Unternehmungen mit seinem Vater, wenn die Mutter weg war – und wird prompt von seiner Frau per Handy unterbrochen, er möge die Tochter vom Tennis abholen, sie sei unterwegs. Erst gestern hat der Minister einen ganzen Nachmittag freigenommen: um mit den Kindern schwimmen zu gehen! Der Regisseur Mats Ek kommt aus einer Dynastie legendärer Künstlerinnen – und hat jüngst in seinem Kaufmann von Venedig die Rolle des Shylock an eine Schauspielerin vergeben, weil eine Frau, so glaubt er, die Randständigkeit des Juden besonders akzentuieren könne, aus der eigenen »Paria-Erfahrung« heraus. »Haben wir nicht Hände, Sinne, Gefühle, Leidenschaften wie ihr?!«, schleudert sie dem Publikum im Staatsheater Dramaten entgegen.

Nun soll nicht behauptet werden, einige Mütter könnten schon eine nationale Männerschar neu positionieren. Es braucht mehr, um eine Gesellschaft auf modernen Kurs zu bringen, die in eine Geschlechterhierarchie sortiert ist – mehr solcher Frauen, viele einsichtige Männer. Den richtigen historischen Zeitpunkt. Politiker, die ihn erkennen. Und das Thema hochziehen, nicht lange fackeln, womöglich ein paar Jahre auf »Bewusstseinsveränderungen« hoffen, sondern die notwendigen Gesetze durchziehen, Fakten schaffen.

In Schweden ereignete sich dieses – sagen wir: Wunder – in den sechziger Jahren. Damals wurden in Schweden in kürzester Zeit alle Weichen neu gestellt. Ausgangspunkt war eine Wahl, erinnert sich Botschafter Carl Tham. Die Sozialdemokraten suchten ein Thema. Die Liberalen lagen in Konkurrenz. Mag sein, dass es, wie Gabriel Romanus sich erinnert, die Ehefrauen junger Abgeordneter waren, die drei Dinge thematisierten. Erstens: Wieso saßen sie zu Hause bei den Kindern, wo sie ebenso gut ausgebildet waren wie ihre Männer? Zweitens: Es gab doch Arbeitskräftemangel! Drittens: Wie ließen sich eins und zwei zusammenrechnen?

Veränderungen bedürfen einer Vision. In Schweden kam sie von Alva Myrdal, einer Ikone des modernen Frauenbildes. Studierte Philosophin, Direktorin der Abteilung Soziales bei den Vereinten Nationen in New York, Chefdelegierte bei den Abrüstungsverhandlungen in Genf, Nobelpreisträgerin – und Verfasserin des Reports über Ungleichheit im Wohlfahrtsstaat von 1969. Alva Myrdal, Mutter von drei Kindern, hatte schon in den dreißiger Jahren ihr Bild einer Familie mit gleichgestellten Partnern entwickelt. Ein Gedanke, der sich nicht einfach gegen Männer richtet. Eine Idee mit der Strahlkraft eines Leuchtturms – Gleichheit, nicht hoher Lebensstandard, ist als Ziel der Gesellschaft definiert, für Frauen, Männer, Kinder.

Am Anfang standen neue Gesetze, am Schluss gab es eine neue Art zu denken

»Wenige Kinder leben in einem Milieu, das ihnen alles das geben kann, was sie zu ihrer sozialen, seelischen und intellektuellen Entwicklung brauchen«, heißt es in dem Myrdal-Report. Und lapidar: »Der Familienkreis ist oft zu klein.« Daraus ergibt sich die Idee einer Vorschule mit Förderung – durch Musik, Theater, Kunst. Die Ganztagsschule wird als Raum skizziert, in dem »Schularbeit als etwas Positives und Erfreuliches« zu erleben ist. Schluss mit der Versorgerrolle des Ehemanns, die immer ihm die größte Last aufbürdet, noch bis nach der Scheidung und bis über den Tod hinaus. »Die Selbstständigkeit der Ehepartner sei zu schützen«, heißt es, Schluss mit der steuerlichen Hausfrauensubvention. Es war nicht schwierig, die Schweden für eine bessere Familienpolitik zu gewinnen. Im Land von Astrid Lindgren gab es ja noch eine zweite starke Vision, die, »dass Kinder der Gemeinschaft Bedürfnis und Notwendigkeit sind – weil auch die Gemeinschaft der Erwachsenen durch Kinder eine bessere wird«, so sagt es Björn von Sydow. Die Gesetze kamen Schlag auf Schlag: Ausbau der Kindergärten, Einführung von Ganztagsschulen. Abschaffung der Ehegattinensubvention durch Steuer oder Witwenrenten. Befreit vom Geldfluss, der Frauen so gern zurück ins Heim spült, drängten sie nun auf den Arbeitsmarkt. Und eine andere Gesellschaft entstand. Zwanzig Jahre nach den ersten Reformen waren den Frauen weit über eine Million Arbeitsplätze erwachsen, davon allein 720000 in Pflege, Kindergärten, Schulen, eine weitere halbe Million im öffentlichen Dienst. Unbezahlte Hausfrauenarbeit hatte sich in steuer- und sozialversicherungsträchtige Beschäftigung verwandelt.

Mitte der sechziger Jahre besuchen rund 10000 Kinder einen Kindergarten, fünfzehn Jahre später sind es schon 135240, dreißig Jahre später befinden sich 83Prozent der Kinder in Kindertagesstätten. 76Prozent aller Frauen sind nun berufstätig. Nur 4Prozent der Frauen arbeiten unter 19 Stunden, selbst die Hälfte aller Mütter von 3 Kindern arbeitet noch Vollzeit, während in Deutschland nahezu die Hälfte der Mütter nach der Geburt des ersten Kindes erst einmal ganz ausscheidet. Und weniger als 16 Prozent der Schulkindmütter voll berufstätig sind und sich fragen lassen müssen, wo die Nestwärme für die Kinder bleibe. »Ach, darüber haben wir in den sechziger Jahren auch debattiert«, lächelt Barbro Hedvall, politische Leitartiklerin bei der Zeitung Dagens Nyheter, es ist, als schaudere es die weißhaarige Dame. Gab es Kämpfe um das Ehegattensplitting, die Subvention der Hausfrau? »Hausfrau!«, da muss Frau Hedvall lachen. »Eine Hausfrau habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen!«

Nur zwei Prozent der Schwedinnen würden sich als Hausfrau bezeichnen. Statt zu Hause sind die Frauen in der Politik präsent. Seit jemand 1994 die Idee hatte, auf Wahllisten Männer und Frauen nach dem Reißverschlussprinzip abwechselnd zu platzieren, gab es kein Halten mehr. Saßen noch 1966 im Parlament gerade mal 5 Prozent Frauen, sind es heute 45,7 Prozent. 1973 gab es keine einzige Staatssekretärin, 30 Jahre später sind 38 Prozent dieser Positionen an Frauen vergeben. Seit den achtziger Jahren hat sich die Zahl der Ausschüsse, die Frauen leiten, auf 35 Prozent verdreifacht. Als der Ministerpräsident bei der letzten Kabinettsbildung in Schwierigkeiten geriet, witzelten die Zeitungen, es sei wohl schwierig, geeignete Kandidaten zu finden, um die Hälfte der Ministerposten an Männer vergeben zu können.

Auch in den Familien hat sich etwas geändert, eine neue Kultur des Miteinanders ist entstanden. Wenn Schweden über Frauen sprechen, Frauen oder Kolleginnen, Politikerinnen wie die legendäre Außenministerin Anna Lindh, dann sagen sie gerne: »Eine starke Frau!« Ohne jenen Klang von: »für Männer eine Zumutung«. Vielleicht, weil starke Partnerinnen ein Vorteil sind in der Gemengelage zwischen Kita, Fußball-Terminen und Kochen, Putzen, Einkaufen – Tätigkeiten, die gemeinsam verhandelt werden. Beide Einkommen sind wichtig, schon weil es die Abgabenlast nicht erlaubt, von einem Gehalt zu leben. Und undenkbar sei, sagt der Parlamentssprecher von Sydow, der schon Universitätsprofessor und Verteidigungsminister war und Vater von vier Kindern ist, dass seine Frau, eine Virologin, für diese Karriere ihren Beruf hätte aufgeben müssen. Um ihm den Rücken freizuhalten? Daniel Torbiörnsson, der Software-Entwickler, hat einen Job gekündigt, weil die kinderlose Chefin seine Familienwochenenden mit Arbeit belegte. Er sagt: »Es geht ja darum, wofür man steht. Ob man einer ist, der Familie und Kinder will, oder einer, der rausgeht und das Fleisch jagt.«

Eva, seine Frau, ist Krankenschwester und arbeitet 90 Prozent. Sie fängt um 6 Uhr an und kann Tochter Ebba um 16 Uhr vom Kindergarten abholen. Einen Tag in der Woche hat sie frei. Daniel beginnt um 9 Uhr und liefert Ebba in der Kita ab, ein Nachmittag gehört Ebba. Sein Job ist auf 37 Stunden zugeschnitten. Und wenn man ihn fragt, ob er angesichts von Evas sich erneut rundendem Bauch daran denkt, in Zukunft doch ein wenig bei der Arbeit aufzustocken, lässt er den Blick schweifen durch das kleine Wohnzimmer, das Sofa, die beiden Billy-Regale, den engen Flur, wo hinter der Tür Hunderte von Holzhäusern liegen, rot und gelb oder weiß gestrichen wie das, in dem er und Eva mit Ebba wohnen, und sagt: »Ich bin ziemlich unmaterialistisch. Meine Wünsche sind erfüllt.«

Daniel sagt: »Sex and the City gibt natürlich, was das Frauenbild betrifft, stärkere Impulse als der Minister für Gleichstellung. Aber wenn die Leute selber denken, müssen sie zwangsläufig zu einer feministischen Sicht der Dinge kommen.« Dann sagt er: »In Schweden leben doch alle so wie wir.«

Männer beklagen die »Ursurpierung der Erziehung durch Mütter«

Nun, ganz so weit ist es noch nicht. Christian Holm, 28 Jahre alt, BWL-Student und stellvertretender Vorsitzender der Jungen Konservativen, stellt sich beispielsweise vor, dass es für Kinder bei ihrer Mutter zu Hause doch schöner sei als im Kindergarten, so wie er es als Kind erfuhr oder in Stuttgart, wo er ein Semester lang war. Aber mit solchen Ansichten gewinnt seine Partei in Schweden gerade 5 Prozent der Stimmen. Nachdem die neue Gesetzeslage andere Lebensweisen nahe legte, ist tatsächlich ein neues Denken über die Dinge entstanden. Vielleicht auch, weil Schweden, wie Enquist schreibt, nach dem Mord an Olof Palme erkannt hat, dass Fortschritte nicht durch Selbstzufriedenheit zu verteidigen sind. Das ganze Land befindet sich in einer Art von permanenter Fortbildung in Sachen Feminismus.

Die Organisation der Jungsozialisten lädt alle neuen Mitglieder zu Wochenendkursen zum Thema Chancengleichheit, seit bemerkt wurde, dass junge Frauen sich in der Parteihierarchie schwerer tun als Männer. Krankenhausbelegschaften bitten Yvonne Hirdmann, feministische Professorin an der Universität Stockholm, um eine Schulung in Sachen Gleichberechtigung. Anders Rönquist, Leiter der Afrika-Abteilung in der schwedischen Entwicklungshilfe-Organisation SIDA, hat einen Aktionsplan zur Gleichstellung vorgelegt, der die Frage berührt, wie Gleichstellung voranzubringen sei, hinsichtlich der eigenen Organisation wie auch bei der Förderung von Projekten in Namibia, Tansania, Indien oder Estland. Der Busfahrer Per Gunnar Engblom, Vater zweier Kinder, bietet in seiner Freizeit Kurse für werdende Väter an, um ihnen die Augen zu öffnen, was Kinder vom Vater brauchen. Das Stichwort, sagt er grimmig, sei nicht Immobilie, sondern Zeit. Männer müssten umdenken.

Das tun nicht wenige. Und auch Frauen. Familienförderung gilt nicht als lästige Transferleistung, sondern als Entwicklung wettbewerbsfähiger Märkte, so schreibt es die Ökonomieprofessorin Lena Sommestad. Kein eitles Gejammer über die kinderlose Akademikerin, das Recht der berufstätigen Frau auf Kinder wurde schon vor einem halben Jahrhundert formuliert, von Alva Myrdal. Diskutiert werde heute weniger, ob man die Wirtschaft gesetzlich zwingen müsse, Frauen in Spitzenpositionen zu lassen, sondern, so erklärt es Joakim Palme, Direktor des Stockholmer Instituts für Zukunftsstudien, ob die Wirtschaft es sich in Zukunft werde leisten können, auf den bestqualifizierten Teil der Bevölkerung zu verzichten. Und auch das Genöle über die Väter, die ihre Elternzeit nicht wahrnähmen, klinge heute anders. Männer, so Palme, würden wach gegenüber der Tatsache, dass sie ein Recht auf die Erziehung ihrer Kinder hätten, jenseits der zwei Monate, die ihnen die Elternversicherung garantiere.

Eine Umfrage dieser Einrichtung, die für die Elternzeit einen Verdienstausfall zu 80 Prozent ersetzt, hätte ergeben, dass Frauen gar nicht daran dächten, ihren Männern von den kostbaren zwölf Monaten abzugeben, die verhandelbar sind und meist bei ihnen landen. Palme spottet über die »Usurpierung der Erziehung durch Mütter«. Der sozialdemokratische Abgeordnete Anders Ygeman jedenfalls hat die Diskussion um ein neues Gesetz, das für jeden Elternteil individuell die gleiche Erziehungszeit festschreibt, vorweggenommen und sich sechs Monate für Sohn Joar gesichert.

Auf so viel Freiwilligkeit vertrauen nicht alle Schweden. Ja, es gibt ein Gefühl der Bedrängnis. Es gebe, unter Männern, eine ziemliche Wut, sagt Barbro Hedvall, jedenfalls bei den Verlierern der Gesellschaft. »Was Anna Lindh passierte, war nicht dasselbe wie der Mord an Olof Palme. Er war eine kontroverse Figur, sie nicht. Manche Männer hassen Politiker, aber sie hassen Frauen noch mehr.« Auch bei den Frauen hat sich einiges angestaut. Manchmal scheint es, als sei eine Stagnation eingekehrt. »Wir haben Angst, wir könnten in einer Parenthese der Geschichte gelebt haben«, sagt Ebba Witt-Brattström, Literaturwissenschaftlerin, eine charismatische Intellektuelle nicht nur in der feministischen Diskussion und jetzt Mitbegründerin einer neuen Frauenpartei, die zur nächsten Wahl antreten will. Es werde hart hergehen in Zukunft, sagt Ebba Witt-Brattström. Männer stünden an der Schwelle zur Erkenntnis, dass Gleichstellung sie etwas koste, etwa Arbeitsplätze. Am Ziel seien Frauen doch erst, »wenn meine Söhne wissen, die Position kriege ich nur aufgrund meiner Meriten und nicht wegen der Extrakompetenz zwischen den Beinen«.

Hunderttausende von wütenden Frauen in unterbezahlten Jobs sind in Schweden ein politisches Argument. Angestrebte Prozentzahl der Frauenpartei: 15 Prozent. Das wäre eine außerordentliche Gefahr für die Regierung der Sozialdemokraten. Schon weil sich, wie schon einmal geschehen, andere Parteien bemühen könnten, den Wünschen der Frauen entgegenzukommen. Und das finden übrigens in Stockholm auch gar nicht wenige Männer gut.

 
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