Mitte der sechziger Jahre besuchen rund 10000 Kinder einen Kindergarten, fünfzehn Jahre später sind es schon 135240, dreißig Jahre später befinden sich 83Prozent der Kinder in Kindertagesstätten. 76Prozent aller Frauen sind nun berufstätig. Nur 4Prozent der Frauen arbeiten unter 19 Stunden, selbst die Hälfte aller Mütter von 3 Kindern arbeitet noch Vollzeit, während in Deutschland nahezu die Hälfte der Mütter nach der Geburt des ersten Kindes erst einmal ganz ausscheidet. Und weniger als 16 Prozent der Schulkindmütter voll berufstätig sind und sich fragen lassen müssen, wo die Nestwärme für die Kinder bleibe. "Ach, darüber haben wir in den sechziger Jahren auch debattiert", lächelt Barbro Hedvall, politische Leitartiklerin bei der Zeitung Dagens Nyheter, es ist, als schaudere es die weißhaarige Dame. Gab es Kämpfe um das Ehegattensplitting, die Subvention der Hausfrau? "Hausfrau!", da muss Frau Hedvall lachen. "Eine Hausfrau habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen!"

Nur zwei Prozent der Schwedinnen würden sich als Hausfrau bezeichnen. Statt zu Hause sind die Frauen in der Politik präsent. Seit jemand 1994 die Idee hatte, auf Wahllisten Männer und Frauen nach dem Reißverschlussprinzip abwechselnd zu platzieren, gab es kein Halten mehr. Saßen noch 1966 im Parlament gerade mal 5 Prozent Frauen, sind es heute 45,7 Prozent. 1973 gab es keine einzige Staatssekretärin, 30 Jahre später sind 38 Prozent dieser Positionen an Frauen vergeben. Seit den achtziger Jahren hat sich die Zahl der Ausschüsse, die Frauen leiten, auf 35 Prozent verdreifacht. Als der Ministerpräsident bei der letzten Kabinettsbildung in Schwierigkeiten geriet, witzelten die Zeitungen, es sei wohl schwierig, geeignete Kandidaten zu finden, um die Hälfte der Ministerposten an Männer vergeben zu können.

Auch in den Familien hat sich etwas geändert, eine neue Kultur des Miteinanders ist entstanden. Wenn Schweden über Frauen sprechen, Frauen oder Kolleginnen, Politikerinnen wie die legendäre Außenministerin Anna Lindh, dann sagen sie gerne: "Eine starke Frau!" Ohne jenen Klang von: "für Männer eine Zumutung". Vielleicht, weil starke Partnerinnen ein Vorteil sind in der Gemengelage zwischen Kita, Fußball-Terminen und Kochen, Putzen, Einkaufen – Tätigkeiten, die gemeinsam verhandelt werden. Beide Einkommen sind wichtig, schon weil es die Abgabenlast nicht erlaubt, von einem Gehalt zu leben. Und undenkbar sei, sagt der Parlamentssprecher von Sydow, der schon Universitätsprofessor und Verteidigungsminister war und Vater von vier Kindern ist, dass seine Frau, eine Virologin, für diese Karriere ihren Beruf hätte aufgeben müssen. Um ihm den Rücken freizuhalten? Daniel Torbiörnsson, der Software-Entwickler, hat einen Job gekündigt, weil die kinderlose Chefin seine Familienwochenenden mit Arbeit belegte. Er sagt: "Es geht ja darum, wofür man steht. Ob man einer ist, der Familie und Kinder will, oder einer, der rausgeht und das Fleisch jagt."

Eva, seine Frau, ist Krankenschwester und arbeitet 90 Prozent. Sie fängt um 6 Uhr an und kann Tochter Ebba um 16 Uhr vom Kindergarten abholen. Einen Tag in der Woche hat sie frei. Daniel beginnt um 9 Uhr und liefert Ebba in der Kita ab, ein Nachmittag gehört Ebba. Sein Job ist auf 37 Stunden zugeschnitten. Und wenn man ihn fragt, ob er angesichts von Evas sich erneut rundendem Bauch daran denkt, in Zukunft doch ein wenig bei der Arbeit aufzustocken, lässt er den Blick schweifen durch das kleine Wohnzimmer, das Sofa, die beiden Billy-Regale, den engen Flur, wo hinter der Tür Hunderte von Holzhäusern liegen, rot und gelb oder weiß gestrichen wie das, in dem er und Eva mit Ebba wohnen, und sagt: "Ich bin ziemlich unmaterialistisch. Meine Wünsche sind erfüllt."

Daniel sagt: "Sex and the City gibt natürlich, was das Frauenbild betrifft, stärkere Impulse als der Minister für Gleichstellung. Aber wenn die Leute selber denken, müssen sie zwangsläufig zu einer feministischen Sicht der Dinge kommen." Dann sagt er: "In Schweden leben doch alle so wie wir."

Männer beklagen die "Ursurpierung der Erziehung durch Mütter"

Nun, ganz so weit ist es noch nicht. Christian Holm, 28 Jahre alt, BWL-Student und stellvertretender Vorsitzender der Jungen Konservativen, stellt sich beispielsweise vor, dass es für Kinder bei ihrer Mutter zu Hause doch schöner sei als im Kindergarten, so wie er es als Kind erfuhr oder in Stuttgart, wo er ein Semester lang war. Aber mit solchen Ansichten gewinnt seine Partei in Schweden gerade 5 Prozent der Stimmen. Nachdem die neue Gesetzeslage andere Lebensweisen nahe legte, ist tatsächlich ein neues Denken über die Dinge entstanden. Vielleicht auch, weil Schweden, wie Enquist schreibt, nach dem Mord an Olof Palme erkannt hat, dass Fortschritte nicht durch Selbstzufriedenheit zu verteidigen sind. Das ganze Land befindet sich in einer Art von permanenter Fortbildung in Sachen Feminismus.