Skandal Das andere Mahnmal
Während in Berlin mit einem monumentalen Stelenfeld des Holocaust gedacht wird, scheint man im größten NS-Archiv der Welt kein Interesse an der historischen Aufklärung jener Zeit zu haben
Appell: Größtes NS-Archiv der Welt endlich öffnen! »
Es war im Deutschland der ersten Nachkriegszeit, in der Situation zwischen gestern und morgen, da diese Geschichte ihren Anfang nimmt. In einem Land, das vorübergehend als niemandes Land erscheinen mochte, zwischen Entnazifizierungsversuchen und trotziger Ignoranz, Währungsreform und Wiederaufbau. Die Städte lagen in Trümmern, Trümmerwüsten, die zu versteppen drohten. Thomas Mann bekannte noch vor dem Wiedersehen mit der alten Heimat, dass er sich »vor den deutschen Trümmern fürchte – den steinernen und den menschlichen«. Hannah Arendt sah sich 1949/50 bei ihrem ersten Aufenthalt in Deutschland nach dem Krieg mit einer weitgehend gleichgültigen, realitätsflüchtigen, aber geschäftigen Bevölkerung konfrontiert: »Und man möchte aufschreien: Aber das ist doch alles nicht wirklich – wirklich sind die Ruinen; wirklich ist das vergangene Grauen, wirklich sind die Toten, die Ihr vergessen habt.«
»Wirklich« im Sinne Arendts waren aber auch die überlebenden Opfer, jene schätzungsweise acht bis zehn Millionen aus dem Ausland Verschleppten im Land, die nun als »Displaced Persons« (DPs) eingestuft wurden. Es waren zivile und kriegsgefangene Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie die befreiten KZ-Häftlinge, Juden wie Nichtjuden. Viele von ihnen hatten nicht nur ihre Familie verloren, sondern auch ihre Heimat. Staaten wie Estland, Litauen, Lettland gab es nicht mehr; andernorts hatten sich Grenzen um Hunderte Kilometer verschoben. Überall irrten Verlorene umher.
Die Stationen der Verfolgung und des Leidens vieler von ihnen sind in Akten verzeichnet worden, die im Archiv des International Tracing Service (ITS), des Internationalen Suchdienstes, in dem alten Residenzstädtchen Bad Arolsen, 30 Kilometer westlich von Kassel, erhalten sind. Es ist das weltweit größte Archiv über das nationalsozialistische Lagersystem, ein einzigartiges Gedächtnis der Zeitgeschichte. Die Hauptkartei enthält circa 47 Millionen Einzelhinweise auf über 17 Millionen NS-Opfer, sein Dokumentenbestand umfasst über 25.100 laufende Meter Akten. Darunter befindet sich übrigens auch ein inzwischen weltberühmtes Dokument: Schindlers Liste.
Im Gegensatz aber zum Bestand des früheren Berlin Document Center mit den Archivalien zum Leben der Täter, mit den Akten über NSDAP-Mitglieder, das heute dem Bundesarchiv untersteht, und im Gegensatz zu dem ebenfalls in Arolsen angesiedelten Sonderstandesamt, das, soweit auf Grundlage der ITS-Akten möglich, den Tod von KZ-Häftlingen beurkundet, ist das ITS-Archiv der Öffentlichkeit kaum bekannt. So blieb verborgen, dass es der Forschung seit rund einem Vierteljahrhundert verschlossen ist – auch heute noch, im Jahre 60 nach dem Ende des Krieges und des Nazi-Terrors. Ein schier unglaublicher Zustand.
Hervorgegangen ist der Dienst aus einem Suchbüro, das die Alliierten 1943 beim Britischen Roten Kreuz in London eingerichtet hatten. Über mehrere Stationen wurde daraus 1947 im unzerstört gebliebenen Arolsen, nahe dem prächtigen Barockschloss, der Suchdienst der International Refugee Organization. 1948 erhielt der ITS seinen Namen.
Die rechtlichen Grundlagen für den Dienst stammen aus dem Jahr 1955, als er im Zusammenhang mit den Pariser Verträgen neu geordnet wurde. Seine Leitung und Verwaltung liegen in den Händen des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz in Genf. Durch ein Abkommen wurde ein Internationaler Ausschuss errichtet, der mit dem Roten Kreuz die Richtlinien der Arbeit in Arolsen bestimmt, den Dienst beaufsichtigt – und über die Akten verfügt.
Dieser obskure Ausschuss, dem neben einem Vertreter des Berliner Auswärtigen Amtes Delegierte aus zehn weiteren Staaten angehören (Belgien, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Israel, Italien, Luxemburg, den Niederlanden, Polen und den USA), tagt einmal jährlich strikt vertraulich, eine Art Arkangremium, das sich jeder Einblicknahme entzieht. Finanziert wird der Dienst, für den zurzeit an die 400 Personen arbeiten, darunter offensichtlich keine Historiker oder ausgebildeten Archivare, ausschließlich von den deutschen Steuerzahlern; geleitet wird er seit 1985 von dem Schweizer Betriebswirt Charles-Claude Biedermann.
Offizielle Aufgabe des ITS ist die Erfüllung seines »humanitären Mandats«, sein Dienst für die NS-Opfer. Unterlagen über die in Konzentrations- und Arbeitslager verschleppten Menschen, Deutsche wie Nichtdeutsche, sollen gesammelt, geordnet, aufbewahrt und insbesondere den Opfern selbst (oder ihren Hinterbliebenen) zugänglich gemacht werden. Sie können mit Hilfe der weltweit anerkannten Bescheinigungen des ITS Zwangsarbeit, Verfolgung, Haft und Krankheit nachweisen und ihre Entschädigungs- und Rentenansprüche geltend machen.
Obwohl der Dienst stets beteuert, die Opfer gingen vor, ihrer Betreuung gelte die absolute Priorität vor allem anderen, insbesondere vor den Interessen der Forschung, bekamen und bekommen viele Betroffene erst nach Jahren Antwort aus Arolsen. 2004 belief sich die Zahl der vom ITS insgesamt noch zu bearbeitenden Anfragen auf knapp 500.000.
Auch die Opfer fordern schon lange die Öffnung des Hauses
Auf diese Weise ist der ITS zum Nadelöhr geworden, durch das alle müssen, die keine beziehungsweise zu wenig Belege für ihre Leidenszeit in Deutschland oder den von der Wehrmacht besetzten Ländern haben. Alles hängt an den Akten in Arolsen. Bereits 1948, in jenen grauen Jahren zwischen Krieg und Frieden, erhielt der ITS die bedeutenden Konzentrationslager-Dokumente, darunter Einzelakten, Zugangslisten, Bestandsmeldungen, die bei der Befreiung der KZs sichergestellt worden waren und bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen 1945/46 Verwendung gefunden hatten. Hinzu kamen später die so genannten Kriegszeit-Dokumente, die bei der 1946 in allen Besatzungszonen eingeleiteten »Ausländersuchaktion« sichergestellt wurden, der Grundstock des Archivs. Es handelt sich dabei um Auszüge aus Akten, die während der Kriegsjahre in Melde- und Standesämtern, von Unternehmen und Verwaltungen über die Zwangsarbeiter angelegt worden waren.
Hinzu kamen außerdem Unterlagen aus der ersten Nachkriegszeit, die Auskunft geben über das Schicksal vieler DPs nach der Befreiung. Schließlich gibt es noch die Historische Abteilung, die allgemeine Dokumente über Verfolgung und KZs enthält. Deren »nicht-personenbezogener« Bestand (im Umfang von rund zwei Prozent des Gesamtbestands des Archivs) wurde gnädigerweise Anfang 1996 für die Forschung geöffnet.
Zu den Personendaten des Archivs gelangt man über die Zentrale Namenkartei, in der alle Familiennamen nach einem alphabetisch-phonetischen System geordnet sind. Sie wurde inzwischen vollständig elektronisch erfasst. Die Verarbeitung des restlichen Dokumentenbestands soll 2007 abgeschlossen sein.
Doch der Wissenschaft nützt das alles nichts. Historiker müssen draußen bleiben. Der Dienst begründet es damit, dass die Forschung nicht zum »humanitären Mandat« der Einrichtung gehöre. Zudem seien Persönlichkeitsschutzrechte besonders zu berücksichtigen, da 98 Prozent der Unterlagen personenbezogen sind.
Demgegenüber fordern seit langem gerade die NS-Opfer selbst, das Haus endlich wieder zu öffnen. Der Verfolgtenverband Fédération Nationale des Déportés et Internés Résistants et Patriotes (FNDIRP) mit Sitz in Paris veranstaltete sogar 1998 beim Europarat in Straßburg ein von zahlreichen Verbänden der Verfolgten und von den Gedenkstätten unterstütztes Internationales Symposium zu diesem Thema. Vor der Geschichtsschreibung, vor angeblichen »unangenehmen Wahrheiten«, so versicherte Maurice Voutey, Mitglied des Präsidiums der FNDIRP, habe keiner Angst – sie alle sähen sich vielmehr in der Pflicht des Gedenkens an ihre toten Kameraden.
Günter Morsch, der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, sekundierte und wies bei der Straßburger Tagung darauf hin, wie Wissenschaft und »humanitäres Mandat« sich ergänzen könnten. So sei bestimmten Opfergruppen, da eine seriöse Forschung über sie gefehlt habe, lange Zeit kein Interesse entgegengebracht worden. Dies wiederum hatte zur Folge, dass ihre Leiden nicht anerkannt wurden und sie also auch keine Entschädigung erhielten. Morsch nannte das Beispiel der Homosexuellen: Die erste Studie über die Leiden der Homosexuellen in den KZs basiert auf einer teilweisen Auswertung Arolser Dokumente, die Anfang der siebziger Jahre noch möglich war.
Denn tatsächlich: Noch 1950 hieß es in einer Publikation des ITS, die Arbeit des Dienstes solle auch diejenigen unterstützen, die »eines Tages die Geschichte von Deportation und Zwangsarbeit schreiben werden«. Zu einem 1969 erschienenen Vorläufigen Lagerverzeichnis wünschte sich der damalige ITS-Direktor N. Burckhardt, es möge »nicht ausschliesslich zur Bearbeitung von Entschädigungsansprüchen dienen«, und es lägen weitere, »sehr eingehende Informationen« über KZs und andere Haftorte vor, »die der ITS auf Anfrage gern bekanntgibt«.
Diese Bereitschaft währte nicht lange. Bald darauf schlossen sich die Pforten in Bad Arolsen, Große Allee 5–9, und so ist es bis heute geblieben. Ein veritabler Skandal, denn wäre dieses einzigartige Material zugänglich, dann könnte, wie der Leiter der KZ-Gedenkstätte Buchenwald Volkhard Knigge feststellt, »das ganze Panorama des NS-Unrechtsstaates« erkennbar werden. Diese Akten allein weisen die Namen von Millionen Opfern und Verfolgter nach, dokumentieren den zwangsweisen Aufenthalt in Deutschland, geben Aufschluss über Stationen der Verfolgung, benennen die Orte auch kleinster Lager – und Firmen.
Alle Versuche, den Internationalen Ausschuss zum Einlenken zu bewegen, schlugen fehl. Der Zentralrat der Juden in Deutschland mahnte und mahnt; das Koblenzer Bundesarchiv forderte und fordert. Seit Jahren bemühen sich Wissenschaftler, Opferverbände und Gedenkstätten in immer neuen Appellen und Anträgen um die Öffnung des Archivs.
So tritt nicht nur die Pariser FNDIRP dafür ein. Auch die Leiter der KZ-Gedenkstätten Bergen-Belsen, Breitenau, Buchenwald, Dachau, Neuengamme, Ravensbrück und Sachsenhausen beklagen die mangelnde Zusammenarbeit mit Arolsen. Ein Appell des Verfassers, das Archiv der Forschung wieder zu öffnen, wurde von über 200 Wissenschaftlern und Gewerkschaftern unterzeichnet. Ebenso machten sich schon 1995 die Teilnehmer einer internationalen Konferenz in Weimar über die Konzentrationslager, angeführt von den Historikern Ulrich Herbert und Eberhard Jäckel, diese Forderung zu eigen.
Ein Anachronismus, ein bürokratischer Saurier
Nur kurz schien, aufgrund des großen nationalen wie internationalen Drucks, etwas Bewegung in die Sache zu kommen. Aber wieder produzierte man in Arolsen beziehungsweise bei der jährlichen Sitzung des Internationalen Ausschusses, die jedes Mal in einem anderen Mitgliedsland stattfindet, nur Ankündigungen. So wurde im Jahr 2000 laut Auswärtigem Amt beschlossen, die Öffnung vorzubereiten; Nutzungsbedingungen und die Finanzierung der entstehenden Kosten seien allerdings noch zu regeln. Als frühester Öffnungstermin wurde der 1. Januar 2003 festgelegt, falls bis dahin die neuen Bestimmungen von allen Staaten ratifiziert gewesen seien. Der Termin verstrich. Es stellte sich heraus, dass ein Staat seine Zustimmung zum Änderungsentwurf widerrufen hatte. Weitere Reformvorschläge folgten.
In diesem Jahr nun will der Elferrat erneut über das Thema beraten. Doch nach all den Erfahrungen der letzten Jahre besteht kaum Grund für Optimismus. Zumal der Internationale Ausschuss ein Geheimgremium geblieben ist, das sich jeder öffentlichen Diskussion verweigert, ein bürokratischer Saurier, ein Anachronismus, wie er sich absurder kaum denken lässt.
Dabei sind sich alle einig, übrigens auch in Berlin, wie wichtig der Zugang zum Arolser Archiv ist. Die Unterstellung, die NS-Opfer seien vor der Arbeit der Historiker zu schützen, ist widersinnig. Im Gegenteil: Wer das Schwinden der Zeitzeugen beklage, meint Volkhard Knigge von der Gedenkstätte in Buchenwald, müsse dafür sorgen, dass möglichst viele Dokumente erschlossen, Akten verfügbar gemacht werden und dürfe nicht die Quellen vor der eigenen Tür verschließen. Knigge sieht die Kluft »zwischen den symbolischen Formen der Erinnerung an den Nationalsozialismus und der wissensbasierten konkreten Auseinandersetzung damit« wachsen. »Ein Gedenken ohne Wissen aber ist haltlos!«
In der Tat, das riesige Holocaust-Mahnmal neben dem Brandenburger Tor in Berlin mag eindrucksvoll sein. Was aber nützt es, wenn das andere Mahnmal, das wahre Mahnmal in Arolsen geschlossen bleibt?
Der Autor ist Politologe und lebt in Schwetzingen
- Datum 19.05.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 19.05.2005 Nr.21
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