Skandal Das andere MahnmalSeite 4/4

Ein Anachronismus, ein bürokratischer Saurier

Nur kurz schien, aufgrund des großen nationalen wie internationalen Drucks, etwas Bewegung in die Sache zu kommen. Aber wieder produzierte man in Arolsen beziehungsweise bei der jährlichen Sitzung des Internationalen Ausschusses, die jedes Mal in einem anderen Mitgliedsland stattfindet, nur Ankündigungen. So wurde im Jahr 2000 laut Auswärtigem Amt beschlossen, die Öffnung vorzubereiten; Nutzungsbedingungen und die Finanzierung der entstehenden Kosten seien allerdings noch zu regeln. Als frühester Öffnungstermin wurde der 1. Januar 2003 festgelegt, falls bis dahin die neuen Bestimmungen von allen Staaten ratifiziert gewesen seien. Der Termin verstrich. Es stellte sich heraus, dass ein Staat seine Zustimmung zum Änderungsentwurf widerrufen hatte. Weitere Reformvorschläge folgten.

In diesem Jahr nun will der Elferrat erneut über das Thema beraten. Doch nach all den Erfahrungen der letzten Jahre besteht kaum Grund für Optimismus. Zumal der Internationale Ausschuss ein Geheimgremium geblieben ist, das sich jeder öffentlichen Diskussion verweigert, ein bürokratischer Saurier, ein Anachronismus, wie er sich absurder kaum denken lässt.

Dabei sind sich alle einig, übrigens auch in Berlin, wie wichtig der Zugang zum Arolser Archiv ist. Die Unterstellung, die NS-Opfer seien vor der Arbeit der Historiker zu schützen, ist widersinnig. Im Gegenteil: Wer das Schwinden der Zeitzeugen beklage, meint Volkhard Knigge von der Gedenkstätte in Buchenwald, müsse dafür sorgen, dass möglichst viele Dokumente erschlossen, Akten verfügbar gemacht werden und dürfe nicht die Quellen vor der eigenen Tür verschließen. Knigge sieht die Kluft »zwischen den symbolischen Formen der Erinnerung an den Nationalsozialismus und der wissensbasierten konkreten Auseinandersetzung damit« wachsen. »Ein Gedenken ohne Wissen aber ist haltlos!«

In der Tat, das riesige Holocaust-Mahnmal neben dem Brandenburger Tor in Berlin mag eindrucksvoll sein. Was aber nützt es, wenn das andere Mahnmal, das wahre Mahnmal in Arolsen geschlossen bleibt?

Der Autor ist Politologe und lebt in Schwetzingen

 
Service