die zukunft des kapitalismus Die Angst, überflüssig zu sein

Zwang zur Anpassung: Warum der neue Kapitalismus unsere Freiheit nicht vermehrt hat

An der Neuen Linken, der ich in meiner Jugend angehörte, war vieles verrückt. Doch mit ihrem Gründungsdokument bewies die Bewegung vor fünfzig Jahren echte Weitsicht. Das sah nämlich voraus, dass der Staatssozialismus untergehen würde. Er werde von der Last der Bürokratie erdrückt und eines sozialen Todes sterben. Der Kapitalismus hingegen werde bleiben. Und damit auch das Problem. Damals hoffte die Neue Linke, das »stahlharte Gehäuse« (Max Weber) des starr durchorganisierten Kapitalismus werde sich von innen her auflösen. In der Tat, die aktuelle Geschichte erfüllt ihr diesen Wunsch auf eine perverse, wenn auch nicht ganz so radikale Weise, wie ich es in meiner Jugend erhofft hatte.

Der Grund liegt auf der Hand: Der alte soziale Kapitalismus erodiert. Unternehmen, die ihren Beschäftigten eine lebenslange Stellung sicherten, gehören der Vergangenheit an. Auch die Institutionen des Gesundheits- und Bildungswesens sind in ihrer Form nicht mehr so eindeutig festgelegt und deutlich kleiner als früher. Und Politiker verfolgen heute dasselbe Ziel wie die Radikalen von früher: die Zerschlagung starrer Bürokratien.

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Doch dieser Wandel, vor allem die Fragmentierung der Großinstitutionen, bedeutet für viele Menschen eine Fragmentierung ihres Lebens. Ihr Arbeitsplatz ähnelt eher einem Bahnhof als einem Dorf. Die neuen Anforderungen an ihre Arbeit haben eine Desorientierung des Familienlebens mit sich gebracht. Auch hat die Zerschlagung der Institutionen nicht zu mehr Gemeinschaft geführt. Im Übrigen sind die neuen Institutionen weder kleiner noch demokratischer; stattdessen kam es zu einer neuen Zentralisierung der Macht.

Früher waren multinationale Konzerne eng mit den Nationalstaaten verflochten; heute haben die weltweit agierenden Unternehmen Investoren und Anteilseigner in aller Welt. Die Besitzverhältnisse sind zu komplex, als dass sie sich den Interessen eines einzelnen Landes unterordnen ließen. Gewiss gibt es auch positive Entwicklungen. Es haben sich zum Beispiel neue Ich-Eigenschaften herausgebildet, die es dem Einzelnen ermöglichen, sich in dem flacher werdenden institutionellen Leben zurechtzufinden. Zudem wurde im vergangenen halben Jahrhundert ein unvergleichlicher Reichtum geschaffen, in Asien und Lateinamerika und in den Ländern des Nordens – ein Reichtum, der eng mit der Zerschlagung staatlicher Strukturen und bürokratischer Unternehmensverwaltungen zusammenhing. Es wäre unvernünftig, die Ansicht zu vertreten, diese wirtschaftliche Explosion hätte niemals stattfinden dürfen.

Dennoch fordert ein solches Wachstum einen hohen Preis, und zwar eine wachsende ökonomische Ungleichheit und zunehmende soziale Instabilität. Derzeit scheint der Kapitalismus mit dieser instabilen Energie völlig aufgeladen zu sein – und zwar wegen der globalen Ausbreitung der Produktion, der Märkte und der Finanzdienste. Zu dieser Instabilität gesellt sich die Ungleichheit. Sie ist die Achillesferse der modernen Ökonomie und erscheint in vielen Formen: als gewaltige Erhöhung der Bezüge für Topmanager; als Verbreiterung der Einkommensunterschiede zwischen den Beschäftigen auf höheren und denen auf niedrigen betrieblichen Ebenen; als Stagnation der Einkommen der mittleren Schichten im Verhältnis zur Elite. Das Muster »the winner takes it all« erzeugt extreme materielle Ungleichheit. Und der wachsenden materiellen Ungleichheit entspricht wiederum eine wachsende soziale Ungleichheit.

Nun behaupten die Apostel des neuen Kapitalismus, ihre Version der drei Grundthemen – Arbeit, Qualifikation, Konsum – sorge für größere Freiheit in der Gesellschaft. Ich streite nicht mit ihnen über die Frage, ob ihre Version der Wirklichkeit entspricht. In der Tat, Institutionen, Qualifikationen und Konsummuster haben sich verändert. Ich behaupte vielmehr, dass diese Veränderungen den Menschen keine Freiheit gebracht haben. Warum? Weil die Menschen äußerst besorgt und beunruhigt sind im Hinblick auf ihr Schicksal unter den Bedingungen des »Wandels«. Was ihnen fehlt, ist ein mentaler und emotionaler Anker. Nachdem sich der alte, soziale Kapitalismus aufgelöst hat, erzeugen die neuen Institutionen nur ein geringes Maß an Loyalität und Vertrauen, dafür aber ein hohes Maß an Angst vor Nutzlosigkeit.

Die Menschen leiden darunter, dass fortschrittliche Institutionen mit ihrer kurzen, kaum greifbaren Zeitperspektive ihnen das Gefühl einer lebensgeschichtlichen Entwicklung und biografischen Einheit nehmen. Denn ein bloß kurzfristig orientiertes Ich, das vergangene Erfahrungen bereitwillig aufgibt, ist – freundlich ausgedrückt – eine ungewöhnliche Sorte Mensch. Die meisten Menschen sind nicht von dieser Art. Sie brauchen eine durchgängige Biografie und legen Wert auf Erfahrungen, die sie in ihrem Leben gemacht haben.

Das vom gewandelten Kapitalismus erhobene Ideal dagegen verletzt viele der in diesem System lebenden Menschen. So gehört es zu den großen Ironien der New Economy, dass sie alte soziale und emotionale Ängste – die Furcht vor Abhängigkeit und die Sorgen um den Verlust der Selbstbestimmung – nur in eine neue Form gebracht hat.

Diese neue Unsicherheit ist keineswegs nur eine unerwünschte Folge der unsteten Märkte; sie ist in den neuen Kapitalismus einprogrammiert. Sie ist kein ungewolltes, sondern ein gewolltes Element.

Ohne Frage ist das Gespenst der Nutzlosigkeit eine große Herausforderung für den Sozialstaat. Doch seine Erfolgsbilanz auf diesem Gebiet ist nicht sonderlich überzeugend. Selbst in Ländern wie Großbritannien und Deutschland mit ihrem guten Bildungssystem erwies es sich als äußerst schwierig, die technisch bedingte Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Politiker verstanden nicht, wie grundlegend Automatisierung den Produktionsprozess verändert. Der Staat schreckte vor der gewaltigen Aufgabe zurück, diesen Wandlungsprozess abzufedern. Auch Gewerkschaften scheuten sich, dem Problem ins Auge zu sehen. Statt die künftige Arbeitswelt mitzugestalten, konzentrierten sie sich auf den Schutz der bestehenden.

Was kann der Staat für Menschen tun, die nicht mehr gebraucht werden? Wenn Reformer akzeptieren, dass Nützlichkeit ein öffentliches Gut darstellt, können sie etwas gegen die Angst der Menschen vor ihrer Überflüssigkeit unternehmen – gegen jene Angst, die von den dynamischsten Sektoren der Wirtschaft ausgelöst wird. Das gilt nicht nur für Politiker. Wir alle müssen nach Möglichkeiten suchen, damit Menschen als nützliche Mitglieder der Gesellschaft Anerkennung finden.

Bei meinen Forschungen habe ich versucht, so tief wie möglich in eine Lebensweise einzudringen, die immer oberflächlicher wird, in eine neue Kultur, welche die für eine handwerkliche Einstellung typische Mühe und Selbstverpflichtung ablehnt. Da Menschen nur dann Halt in ihrem Leben finden können, wenn sie versuchen, etwas um seiner selbst willen gut zu tun, scheint mir der Triumph der Oberflächlichkeit in Arbeit, Schule und Politik sehr zweifelhaft. Vielleicht wird die Revolte gegen diese entkräftete Kultur die nächste neue Seite der Geschichte sein, die wir aufschlagen müssen.

Der amerikanische Soziologe Richard Sennett lehrt an der London School of Economics. Von ihm erscheint in den nächsten Tagen im Berlin Verlag »Die Kultur des neuen Kapitalismus« (160 Seiten, 18,– €). Am 27. Mai wird Sennett im Rahmen der Reihe »go create resistance« zu Gast im Deutschen Schauspielhaus Hamburg sein

Aus dem Englischen von Michael Bischoff

 
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