die zukunft des kapitalismus Die Angst, überflüssig zu seinSeite 2/2

Diese neue Unsicherheit ist keineswegs nur eine unerwünschte Folge der unsteten Märkte; sie ist in den neuen Kapitalismus einprogrammiert. Sie ist kein ungewolltes, sondern ein gewolltes Element.

Ohne Frage ist das Gespenst der Nutzlosigkeit eine große Herausforderung für den Sozialstaat. Doch seine Erfolgsbilanz auf diesem Gebiet ist nicht sonderlich überzeugend. Selbst in Ländern wie Großbritannien und Deutschland mit ihrem guten Bildungssystem erwies es sich als äußerst schwierig, die technisch bedingte Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Politiker verstanden nicht, wie grundlegend Automatisierung den Produktionsprozess verändert. Der Staat schreckte vor der gewaltigen Aufgabe zurück, diesen Wandlungsprozess abzufedern. Auch Gewerkschaften scheuten sich, dem Problem ins Auge zu sehen. Statt die künftige Arbeitswelt mitzugestalten, konzentrierten sie sich auf den Schutz der bestehenden.

Was kann der Staat für Menschen tun, die nicht mehr gebraucht werden? Wenn Reformer akzeptieren, dass Nützlichkeit ein öffentliches Gut darstellt, können sie etwas gegen die Angst der Menschen vor ihrer Überflüssigkeit unternehmen – gegen jene Angst, die von den dynamischsten Sektoren der Wirtschaft ausgelöst wird. Das gilt nicht nur für Politiker. Wir alle müssen nach Möglichkeiten suchen, damit Menschen als nützliche Mitglieder der Gesellschaft Anerkennung finden.

Bei meinen Forschungen habe ich versucht, so tief wie möglich in eine Lebensweise einzudringen, die immer oberflächlicher wird, in eine neue Kultur, welche die für eine handwerkliche Einstellung typische Mühe und Selbstverpflichtung ablehnt. Da Menschen nur dann Halt in ihrem Leben finden können, wenn sie versuchen, etwas um seiner selbst willen gut zu tun, scheint mir der Triumph der Oberflächlichkeit in Arbeit, Schule und Politik sehr zweifelhaft. Vielleicht wird die Revolte gegen diese entkräftete Kultur die nächste neue Seite der Geschichte sein, die wir aufschlagen müssen.

Der amerikanische Soziologe Richard Sennett lehrt an der London School of Economics. Von ihm erscheint in den nächsten Tagen im Berlin Verlag »Die Kultur des neuen Kapitalismus« (160 Seiten, 18,– €). Am 27. Mai wird Sennett im Rahmen der Reihe »go create resistance« zu Gast im Deutschen Schauspielhaus Hamburg sein

Aus dem Englischen von Michael Bischoff

 
Service