Sprachreisen »Jeszcze, jeszcze«*
Fünf Tage lang Polnisch lernen in Krakau. Geflüstert ist diese Sprache unwiderstehlich
Polnisch lernen, in Krakau, eine Woche lang, nur um mal zu sehen, wie’s ist – welch eine verrückte Idee! Aber dafür bin ich genau der Richtige: Meine letzte Reise nach Polen liegt Jahrzehnte zurück, und von damals kenne ich bloß das eine Wort, das alle Deutschen damals lernten, weil es Europa veränderte: . So hieß die Gewerkschaft dieses Danziger Elektrikers Lech Wa sa, der in den Nachrichten zwei Jahre lang ausgesprochen wurde, bis sich jemand fragte, was eigentlich die kleinen Striche an l und e bedeuteten. Von da an hieß er
Ein anderer Pole, der in diesem Frühjahr die Welt bewegte, war Papst und einst Kardinal von Krakau. Damit es da auch kein Vertun gibt, heißt der Flughafen nach ihm, ein kleiner, schneller Flughafen; kaum gelandet, trage ich schon meinen Koffer davon und werde von einem älteren Herrn begrüßt, den die Sprachschule geschickt hat. In seinem Wägelchen zuckeln wir über breite Prospekte der Stadt zu, an einer wahren Radarfallenparade vorbei. Im Zentrum deutet mein Fahrer auf Fluss und Burg, dann biegt er ab und hält an einer lärmenden Straße vor einem schäbigen Mietshaus. Hier werde ich wohnen.
Mir öffnet ein bärtiger Mann. Er ist noch jung, zeigt aber schon Spuren des Lebens. Über seinen Bauch spannt sich ein grobkariertes Hemd, an seinen Füßen kleben Sandalen. Den alkoholischen Hauch am Sonntagnachmittag weiß ich nicht zu deuten: Kündet er noch vom Abend zuvor, oder weist er schon auf den kommenden hin? Jedenfalls ist das Robert, er spricht etwas Deutsch, von seinem Großvater her. Ich stelle mich als der Untermieter aus Hamburg vor und folge ihm in die dunkle Erdgeschosswohnung. Drei Zimmer, Küche, Bad, ein quadratischer Flur mit monumentaler Sitzgruppe.
Robert zeigt mir meine Kammer: rechts eine leere Schrankwand, links ein deckenhohes Regal und ein Sofa, auf dem Tierbettwäsche liegt. Das Laken ziert Kermit, der Frosch; den Bezug bevölkern Schwäne. Sehr schön, sage ich, bloß sei das Sofa für mich viel zu kurz!
Kein Problem, meint Robert, an Betten fehle es nicht, und er stößt die Tür zum Nachbarzimmer auf, da steht eine längere Couch mit einer zerwühlten Decke darauf. Wohl durch die Lautstärke unserer Unterhaltung kommt Leben in die Decke, und es schält sich eine junge Frau heraus. Sie ist ziemlich schön, ziemlich unbekleidet und ziemlich klein, weshalb Robert findet, sie könne auf meinem Sofa schlafen und ich auf ihrer Couch. Er redet auf sie ein, sie flüstert zurück, und polnisches Flüstern im Halbschlaf, das klingt schon sehr, sehr gut, selbst wenn man kein Wort versteht.
Bevor ich mich diskret auf die Straße zurückziehen könnte, fasse ich schon mit an, und wir rücken schnaufend die Möbel von Zimmer zu Zimmer. Robert stößt gegen das Regal in meiner Kammer, laut knallt die Rückwand zu Boden. Die Staubwolke leistet mir noch Gesellschaft, als ich meinen Koffer auspacke.
Später, zu dritt in der Küche, reden wir auf Deutsch und Englisch über das schlechte Bier, den guten Wodka und die vertrackte Sprache. Dass ich mal eben Polnisch lernen will, erheitert meine Mitbewohner. Robert kennt sich mit Sprachen aus, er verdient sein Brot als Fremdenführer, Ela hingegen ist Tänzerin, und sie sind kein Paar, wenn ich es recht verstehe, sondern eine Wohngemeinschaft mit wechselnden Untermietern.
Tänzerin im Ballett?, frage ich. Ela lacht herzerfrischend. Im Nachtklub! Deswegen sei sie noch so müde. Sie habe am Abend zuvor erstmals wieder getanzt. Nach dem Tod des Papstes sei der Klub eine Woche lang zugeblieben, ein Akt der Trauer.
- Datum 19.05.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 19.05.2005 Nr.21
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