Es gibt zwei Grundarten der Reduktion in der Literatur. Entweder man lässt allen direkten Ausdruck von Gedanken, Empfindungen und Gefühlen weg und konzentriert sich auf die Beschreibung von Handlungen und Sachverhalten. Oder die Reduktion verkehrt umgekehrt: Sie lässt die Welt weg und konzentriert sich von vornherein und ganz und gar auf das Eigentliche: die Metaphysik der Gefühle. Dort lauert die Gefahr der Einfalt, hier die des Geschwurbels.

Roger Willemsen hat für seinen literarischen Versuch Kleine Lichter das zweite Verfahren gewählt. Ein enorm heikles, denn es setzt im Kern ein religiöses Weltverhältnis voraus: Alles kommt an einem Punkt zusammen. Warum unternimmt er dieses zweifellos mutige Abenteuer? Wir spekulieren. Wenn wir, der Imagebildung von Autor und Verlag entsprechend, davon absehen, dass Roger Willemsen bereits 1987 mit dem umfangreichen Roman Figuren der Willkür literarisch debutierte (warum wird dieses intellektuell ambitionierte Werk eigentlich verschwiegen?), dann haben wir es mit einer vollständigen Konversion der publizistischen Arbeit Willemsens zu tun. In all den Jahren seiner erfolgreichen Moderatoren-, Talkmaster- und Interviewertätigkeit bei 0137, Willemsens Woche, Willemsens Zeitgenossen, Willemsens Musikszene, Nachtkultur mit Willemsen und in seinen Filmen und Büchern mit Gesprächen wie zuletzt Gute Tage von 2004 – in all diesen Jahren einer ganz außergewöhnlichen Karriere, die einen typischen Intellektuellen ganz untypisch populär werden ließ, hat Willemsen fast immer zugehört. Ausgerechnet er, der erkennbar so viel zu sagen hatte, musste die Rolle des aufmerksamen Zweiten spielen, der bestenfalls geistreich verarbeitet, was andere zu sagen haben.

Die verzückte Stimme erzählt von der Ekstase der Liebe

Jetzt, nach über fünfzehn Jahren, dreht der Autor den Spieß um, das heißt: Er, der allem seinen Namen leiht und doch nicht richtig zum Zug kommt, wird endlich im emphatischen Sinn selbst Autor und beginnt ungehemmt zu reden. Zu diesem Zweck schickt er – in der Fiktion, versteht sich, wir wollen keine billigen Scherze machen –, sein Gegenüber ins Koma und textet ihn zu. Man darf diesen Ausdruck einer pietätlosen Jugendsprache hier wörtlich nehmen: Tatsächlich wird der seit einem halben Jahr im Wachkoma liegende Geliebte mit Namen Rashid von der Erzählerin Valerie betextet. Reduziert in allen Lebensfunktionen, aber nicht tot, wird das Opfer einer schier endlosen Liebeserklärung ausgesetzt. Da wir nicht erfahren, was den attraktiven Rashid hingestreckt hat, müssen wir behelfsweise annehmen, es ist der Monolog der Geliebten selbst. Er entspringt allein ihrem exaltierten Begehren und, technisch konkret, einem am Krankenbett zurückgelassenen Tonband. Der Ärmste! Die verzückte Stimme macht sich erst gar keine Mühe, ihm eine eigene Geschichte zu geben, auch ihre eigene übrigens interessiert nur am Rande: Es zählt nur, was die Ekstase einer Liebe an Selbstüberschreitungen und in sich selbst zurücklaufenden Denkfiguren erzeugt.

Marginal die Daten aus der Außenwelt: Sie ist Asiatica-Händlerin mit Wohnsitz in Tokyo, er alteuropäischer Kunstwissenschaftler und -konservator in Wien. Dort die "neueste Welt" ("über und über beschriftete, tätowierte Wände"!), dort die alte Welt mit sich überlagernden Farbschichten auf Marienfiguren. Ein interkultureller Erkundungsgang wird trotzdem nicht daraus. Denn das Interesse gilt allein diesem nunc stans, wie es in der Mystik heißt, diesem unmöglichen Augenblick der vollkommenen Verschmelzung von Ich und Liebesobjekt, das hier nicht verzückt erlebt, sondern verzückt erinnert wird. Und da es kein zweihundertseitiges Prosa-Tremolo des Erlöstseins durch die Liebe geben kann, gibt es immer wieder Fallen und Schlaufen, durch die die Liebenden sich verfehlen und wieder begegnen; immer berichtet im hochtourigen Diskurs der Liebe (Danke, Roland Barthes!), nie auch nur auf zwei Seiten zusammenhängend sinnlich erzählt. Kurz: Kleine Lichter ist eine Ekstase der erotischen Selbstbegegnung eines zwanghaften Kopfarbeiters (in der Fiktion weiblich), der klug genug ist, all die Textsperenzchen und -manöver selbst zu kennen, weshalb er/sie das Gesagte auch unentwegt selbst erklärt, kommentiert und auf diese Weise aufschaukelt zu neuen Unendlichkeiten, die, bitte schön, auch alle mit der Liebe verknüpft seien. Geschwurbel der intellektuellen Premiumklasse eben.

Komakörper sind ideale Textkörper und, wie man sieht, auch Textfallen. Die Schriftstellerin Ulrike Kolb hat vor wenigen Jahren in ihrem Roman Diese eine Nacht eine verblüffend ähnliche Textkonstruktion gewählt. Ihre Sprecherin am Krankenbett erzählt dem Komatösen allerdings die gemeinsame Geschichte als eine ihm unbekannte. Sie erzählt ihm Altes aus neuer Sicht. Bei Ulrike Kolb wacht der Besprochene am Ende auf, ein märchenhaft-literaturfrommer Schluss eines gelungenen Romans. Bei Roger Willemsen endet die umgekehrte therapeutische Sitzung überraschend anders: erst zum Erstaunen, dann zum Ärgern, schließlich zum Begreifen anders. Nicht Rashid, wird wach oder scheidet dahin, sondern Valerie, die Erzählerin, verliert die Lust am Weiterreden, weil der andere sich nicht meldet aus seiner Ferne. Dämmre weiter, Exgeliebter, und Schluss, aus.

Ja darf das denn sein nach zweihundert Seiten pathetischer Liebes- gleich Totenbeschwörung?, fragt sich der moralisch düpierte und ästhetisch geleimte Leser und begreift schließlich: Das ist der Preis für die Ausblendung des anderen. Dass man die Lust am eigenen Reden, an den eigenen Gefühlstiraden, die Lust an sich selbst verliert! Viel-leicht hat ja Roger Willemsen damit etwas abgegolten – vor den Augen des in doppeltem Sinne mitgenommenen Publikums –, und die publizistische Form kommt künftig in akzeptable Balance. Dann muss auch nicht mehr die Liebe derart malträtiert werden. Denn wie bereits Johannes Mario Simmel wusste: Liebe ist nur ein Wort.