Das Dritte Lebensalter startet mit der Rente. Freut euch, denn es wird golden! Aber wehe, das Vierte beginnt: Mit 85 fängt der mürbe Körper an, den Geist zu schwächen

Fotos: Silvia Otte/photonica

Altert Deutschland richtig? Haben wir die Alten, die wir brauchen? Gehen wir mit ihnen fair um? Die Wissenschaft vom Altern ist jung, und ihr Thema umfasst ein riesiges inhaltliches Spektrum. Altern ist ein biologisches, körperliches, psychisches, geistiges, soziales und gesellschaftliches Phänomen. Wenn es um die Zukunft des Alters geht, muss man zwei Perspektiven unterscheiden, sie dann aber zusammenführen: Die erste ist das Altern des Einzelnen, die zweite sind die Altersstrukturen der Bevölkerung.

Es ist eine heikle Frage, die das Zusammenführen der beiden Perspektiven erforderlich macht: die Frage des geistigen Innovationspotenzials und der Konkurrenzfähigkeit einer im internationalen Vergleich älteren Bevölkerung. Ich habe mich bisher gescheut, dieses Thema anzugehen. Ich wollte nicht, dass sich negativ anmutende Aussagen dem gesellschaftlichen Reformprojekt einer besseren Kultur des Alters in den Weg stellen. Jetzt aber muss bei allem Optimismus des Alterns – immer mehr werden immer gesünder immer älter – eine warnende Stimme erhoben werden; vor allem, weil auch der Nachwuchs fehlt.

Es gibt tatsächlich eine Reihe von Befunden, die das bisherige, so dominant negative Altersstereotyp als revisionsbedürftig erscheinen lassen. Was das Altern des Einzelnen angeht, ist Optimismus durchaus angemessen. Die Chancen stehen gut, bei einer optimistischeren Grundstimmung latente Schätze des Alters zu finden und zu heben.

Das Dritte Alter: Aufbruchstimmung. Menschliches Altern ist dynamisch und beeinflussbar. Diese Eigenschaften werden als Variabilität und Plastizität bezeichnet. Man kann sie an einem Beispiel verdeutlichen: Stellen Sie sich vor, Sie seien in der Lage, den Marathon in der Zeit von drei Stunden zu laufen. Mit dieser Zeit würden Sie in Berlin unter den ersten Tausend ins Ziel kommen; von etwa 28000 Teilnehmern also in den top vier Prozent. In der Tat, nicht schlecht!

Die für die Variabilität und Plastizität des Lebensverlaufs und des Alters interessante Frage ist nun, wie alt man sein müsste, um mit dieser Zeit von drei Stunden den jeweiligen Altersweltrekord zu halten. Wie alt war also weltweit der Jüngste, wie alt der Älteste, der den Marathon in drei Stunden absolviert hat? Es gab nach den mir bekannten Statistiken einen Übersiebzigjährigen und einen Unterzehnjährigen, denen dies gelungen ist. Welche Altersbreite in der Expression von Topleistungen, selbst im körperlichen Bereich!