Alter Oma muss ranSeite 10/10
Die Lebensarbeitszeit ist ein weiteres Reformthema. Obwohl ältere Menschen körperlich und geistig fitter werden, steigen sie immer früher aus dem Arbeitsleben aus. Warum ist dies so? Neben dem Aspekt ökonomischer Anreize, so lautet meine Hypothese, liegt ein wesentlicher Grund darin, dass es keine Kultur der Arbeit im Alter gibt, dass das, was heute als Arbeitsinhalt und Arbeitsform dem älteren Arbeitswilligen angeboten wird, nicht altersfreundlich ist, dass es uns also bisher nicht gelungen ist, die Arbeit auf das Alter und das Altwerden abzustimmen. Altersgerechte Arbeit, nicht die Weiterführung der Arbeit des bisherigen Lebens, muss zu den Planungsoptionen hinzukommen.
Unser System lässt Menschen am selben Arbeitsplatz, in derselben Firma alt werden. Doch statt im selben Job seniorisiert und frustriert zu werden, gilt es, das Umsteigen in neue und auch weniger prestige- und einkommensträchtige Berufe zu erleichtern. Das ist eine präventive Aufgabe. Sie muss viele Jahre vor jenem Zeitpunkt beginnen, an dem der Ausstieg ansteht.
Beim Umstellen unserer Gesellschaft und insbesondere der Wirtschaft auf den neuen Lebensverlauf und das Alter hilft die Erkenntnis, dass ein wesentlicher Teil unserer gesellschaftlichen Innovation, unserer Kultur im allgemeinsten Sinne, immer schon nur deshalb entstanden ist, weil es ein zu bewältigendes Defizit gab. Das Riesenpotenzial für die Entwicklung von altersfreundlichen Dienstleistungen, Infrastrukturen und Technologien ist ein Beispiel. Gleiches könnte man über die Obsoletheit unserer gesellschaftlichen und demografischen Strukturen und die neuen Herausforderungen des Alters in einer globalisierten Welt sagen. Diese beinhalten auch Chancen, sie sind nicht nur Probleme.
Denn trotz der Melancholie über die Aussichten für das hohe Alter steht zunächst das Positivpotenzial des jungen Alters im Vordergrund. Zumindest aus der Sicht der Gegenwart liegen dort die noch zu hebenden Schätze. Dann wird auch der Nachwuchs folgen. »Alt für Jung« ist mein Lieblingsmotto.
Paul Baltes ist Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Leiter des neu gegründeten Internationalen Forschungsnetzwerks Alter der Max-Planck-Gesellschaft. Der Text beruht auf einem Vortrag im Zürcher Schauspielhaus
- Datum 17.09.2009 - 13:49 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 19.05.2005 Nr.21
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