Alter Oma muss ranSeite 9/10

Radikale Veränderungen: sie könnten das besorgniserregende Bild entscheidend aufhellen. Notwendige gesellschaftliche Reformen betreffen die Gestaltung des Lebensverlaufs und aller mit Produktivität zusammenhängenden Bedingungen. Um den Lebensverlauf und das Alter zu optimieren, um die latenten Potenziale der späteren Lebensalter besser zu aktivieren, wird es allerdings um mehr als um Reparaturen gehen müssen. Praktisch alle gesellschaftlichen Institutionen und Sektoren harren der Reform. Schließlich beginnt Altern schon in der Kindheit. Nicht nur das Alter, der ganze Lebenslauf steht auf dem Prüfstand.

Auf der allgemeinsten Ebene geht es vor allem um das Prinzip, aus einer alterssequenzierenden Gesellschaft – zuerst Bildung, dann Arbeit, dann Familie, dann der immer länger werdende Ruhestand – eine horizontale, parallelisierende entstehen zu lassen. Lebenslange Entwicklung braucht ein stärkeres Neben-, Durch- und Miteinander dieser verschiedenen Lebenssektoren, mit einem hohen Grad an Variabilität und Durchlässigkeit.

Zudem gilt es zu verhindern, dass aufgrund von Staus im Lebenslauf einzelne Altersabschnitte durch Mehrfachbelastung überfrachtet werden und deshalb wesentliche Komponenten der Lebensgestaltung suboptimiert sind. Einen derartigen Lebensstau gibt es in Deutschland für das junge Erwachsenenalter, die heutigen 20- bis 40-Jährigen. Die Bildung dauert länger, der Beruf lässt länger auf sich warten und erfordert einen längeren Einstieg. So bleibt wenig Zeit und Energie für die Familiengründung. Entzerrung mit Parallelisierung ist angesagt. Kinder zu haben und sie großzuziehen, muss leichter werden.

Die Struktur der Hochschulen ist ein weiteres Beispiel. Man stelle sich vor, wir würden vor dem Hintergrund unseres jetzigen Wissens über Lebenserwartung, gesellschaftlichen Wandel und lebenslange Entwicklungsperspektiven eine Hochschule konzipieren. Der Campus würde von allen Lebensaltern des Erwachsenenalters bevölkert sein, die Universität würde es ermöglichen, berufliche Renaissance sowie Neubildung als zweiten Eckpfeiler ihrer Lehraufgabe zu verstehen. Die Frage der Studiengelder für Erwachsene wäre politisch weniger belastet, der private Sektor würde eher in die Finanzierung einsteigen, Neubildung ist ihm wichtig, um sein Humankapital zu pflegen.

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