Medizin Testlauf in der Herzkammer
Ein Infarkt kostete Olaf Christiansen beinahe das Leben. In einer fünfstündigen Operation transplantierten nun Chirurgen Muskelzellen aus seinem Oberschenkel ins Herz – Protokoll eines medizinischen Experiments
Am Abend des 22. März steht LH061 startbereit auf Piste 2-3, Flughafen Hamburg-Fuhlsbüttel. Im Frachtraum der A321 ruht, verwahrt in einem Kühlcontainer, ein Fläschchen biologische Nährlösung. Als der Lufthansa-Jet beschleunigt, wirbeln darin einige Fleischfetzen herum. Sie sind die große Hoffnung von Olaf Christiansen: zehn Gramm Muskel aus seinem Oberschenkel. Das geschnetzelte Fleisch soll ihn vor dem Herztod retten. Das Ziel der biologischen Fracht ist ein Speziallabor in Paris.
Drei Wochen muss Hermann Reichenspurner warten, bis die Spezialisten der Biotechnikfirma MG-Biotherapeutics ihm sechs Spritzen mit einer trüben Flüssigkeit zurückschicken. Dann wird er das Elixier in das Herz von Olaf Christiansen spritzen. Der ist für den Chef der Herzchirurgie in der Hamburger Universitätsklinik (UKE) kein gewöhnlicher Patient. Reichenspurner, sein Oberarzt Dieter Böhm und der Assistenzarzt Jens Brickwedel testen ein neues Verfahren, mit dem sich das Leben des schwer Herzkranken retten, verlängern oder zumindest erleichtern lässt. Vielleicht.
Der Infarkt traf den 53-Jährigen vor wenigen Monaten überraschend. Keine Schmerzen, keine Beschwerden, Christiansen fiel einfach um. »Mein Leben verdanke ich meiner Lebensgefährtin, die hat richtig reagiert«, sagt der Bremerhavener. Sein Humor ist auch norddeutsch. »Wäre ich allein in meiner Wohnung gewesen, würden jetzt Blümchen auf mir wachsen.« Seine Freundin alarmierte einen Rettungswagen, der Notarzt konnte ihn reanimieren. Als Christiansen in die Klinik eingeliefert wurde, versagte sein Herz erneut.
Auch die zweite Wiederbelebung gelang. Dann versenkten ihn die Ärzte für sieben Tage ins künstliche Koma, um das »Durchgangssyndrom« zu überbrücken – ein Herzstillstand hinterlässt viele schwer verwirrt, eine Folge der kurzfristig brachliegenden Hirndurchblutung. »Regelrecht renitent« seien Patienten in dieser Phase, sagt Reichenspurner. »Die ziehen sich schon mal nachts die Schläuche raus«.
Christiansen überlebte mit einem schweren Schaden in der Herzhinterwand. Der Infarkt hinterließ ein großes Narbengebiet aus Bindegewebe; und das pumpt nicht mehr mit. Schon zuvor habe sein Patient »mit Sicherheit mehrere kleinere Infarkte erlitten, die er nicht bemerkt hat«, versichert Reichenspurner. Ohnehin lebt Christiansen gefährlich. Diabetes, Bluthochdruck, und er war Raucher. »Besonders bei einer erblichen Belastung«, meint Oberarzt Böhm, »reicht das schon.«
Binnen weniger Wochen entstand bei Christiansen durch die Vernarbung und die schlechte Blutversorgung ein gefürchtetes Krankheitsbild: ischämische Kardiomyopathie, chronische Herzmuskelschwäche. Unbehandelt endet sie oft mit dem plötzlichen Tod durch Herzversagen. Christiansens schwächelndes Herz wirft mit jeder Kontraktion nur 25 Milliliter Blut in den Kreislauf. Bei einem Gesunden sind es rund 80 Milliliter. Das Herz des Profiradlers Jan Ullrich schafft 200.
Dass er am Morgen von Herz-OP-Rudi in den Operationssaal geschoben wird, bekommt Christiansen nicht mehr mit. Rudi, eins neunzig und von stabiler Statur, ist sein halbes Leben lang OP-Pfleger in der Herzchirurgie. Er sieht nicht aus, als habe ihn je etwas aus der Ruhe gebracht. »Macht mir hier ja nichts unsteril«, knurrt er in die Runde, zirkelt die OP-Liege mit Christiansen in die Saalmitte und arretiert die Räder. »Der schläft schön fest.« Die Herz-Lungen-Maschine steht bereit, daneben türmen sich Computer und Monitore.
Es ist kurz nach acht. In Christiansens Luftröhre steckt der Beatmungsschlauch, in der Speiseröhre ein Ultraschallkopf. Das Gerät wird in den nächsten fünf Stunden jede Regung im Herz vermessen und auf einem Monitor abbilden. »Alles auf einen Blick«, sagt der Anästhesist Oliver Herdben-Kirchhoff und zeigt auf den Schirm: »Vorhof rechts, Vorhof links, die beiden Hauptkammern.« Sie pumpen, aber nur schwach. »Das ist ein sehr krankes Herz«, flüstert er und schiebt dem Patienten seelenruhig zwei dünne Schläuche in die Halsvenen, immer tiefer, bis sie die Herzkammer und die Lungenarterie erreichen. Über die Katheter kann Herdben-Kirchhoff im Notfall stabilisierende Medikamente in Christiansens Körper pumpen: »Bei so schwer Erkrankten können sich Puls und Blutdruck unter der Narkose drastisch ändern.«
- Datum 19.05.2005 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 19.05.2005 Nr.21
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