Pharmaindustrie Geben und einnehmenSeite 5/5
Seither gibt es die pharmaunabhängige Stiftung Koalition Brustkrebs, von der man in der Öffentlichkeit allerdings kaum etwas hört, und die pharmagesponserte Organisation Pink, die von den übrigen Initiativen gegründet wurde. Die Pink-Gruppen entfalteten innerhalb kurzer Zeit mehr öffentliches Aufsehen als die altgediente »Frauenselbsthilfe nach Krebs« in Jahrzehnten. Insbesondere die Augsburger Gruppe Mamazone tut sich mit medienwirksamen Aktionen hervor. Sie kürt jährlich einen Brustkrebsforscher zum »Busenfreund« und schult Frauen zu »pharmafähigen Diplompatientinnen«. Mamazone-Mitglieder gehören auch zu den Gründerinnen der Stiftung Path, die Tumormaterial von erkrankten Frauen für die Forschung sammelt. Zum Politikum wurde das Überlebensbuch Brustkrebs, das Rita Rosa Martin von Breast Health gemeinsam mit Mamazone-Gründerin Ursula Goldmann-Posch verfasste. Die aufwändige Publikation nennt Krebsmedikamente mit Markennamen, Herstellern und Preisen. »All das sind Informationen, die kritische Patientinnen wissen müssen«, sagt Rita Rosa Martin.
»Das Buch vermischt sehr häufig und für den Leser in keiner Form erkennbar objektive Information mit Vermarktungsstrategien der pharmazeutischen Industrie«, urteilt hingegen der Onkologe Wolf-Dieter Ludwig. Der 53-Jährige ist Chefarzt am Helios Klinikum Berlin-Buch, gehört zum Vorstand der deutschen Arzneimittelkommission und arbeitet in der Redaktion des unabhängigen Arzneimittelbriefs. »Maximal irritiert« zeigt er sich von den Preisangaben. »Den Frauen wird suggeriert, die neuesten teuersten Substanzen seien auch die wirksamsten, aber diese Gleichsetzung ist absolut unzulässig.« Indirekt werde durch die Preisangaben das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patientin gestört. »Wenn die Patientin ein teures Medikament verlangt, der Arzt es aber nicht verschreiben will, weil er davon nicht überzeugt ist, gerät er in den Verdacht, es der Patientin aus Kostengründen vorzuenthalten.«
Beispiel Aromatasehemmer: Die Autorinnen erwecken den Eindruck, in der adjuvanten, also vorbeugenden Anti-Hormontherapie werde das altbewährte Tamoxifen durch die neuen, deutlich teureren Mittel unter anderem von Novartis und Astra Zeneca über kurz oder lang verdrängt. Dies ist laut Ludwig längst nicht für alle Patientinnengruppen belegt, auch die Sicherheit der Präparate lasse sich nicht abschließend beurteilen. Beispiel Bisphosphonate: Diese etwa von Roche und Novartis angebotenen Medikamente helfen erwiesenermaßen, wenn bereits Knochenmetastasen aufgetreten sind. In der adjuvanten Behandlung ist ihre Wirksamkeit laut Ludwig nicht hinreichend belegt. Die Empfehlung der Autorinnen klingt, als sollten sich die Patientinnen mal was Gutes gönnen: »Sie brauchen schon jetzt auf eine adjuvante Bisphosphonat-Behandlung, zumindest mit dem Wirkstoff Clodronat, nicht mehr zu verzichten.« Beispiel Erythropoetin (Epo): Die Autorinnen empfehlen das gentechnisch hergestellte Blutbildungshormon für Frauen, die infolge ihrer Chemotherapie unter Blutarmut leiden. Der Nutzen von Epo, so Ludwig, ist jedoch unklar. Möglicherweise kann das Mittel sogar schaden: Eine große Studie mit metastasierten Brustkrebspatientinnen sei 2003 abgebrochen worden, weil die Überlebenszeit der Frauen verkürzt war. Mit der Bluttransfusion gibt es zwar eine wirksame und billige Alternative zu Epo, doch die kommt in dem Buch vergleichsweise schlecht weg.
Unbestritten ist, dass viele Informationen im Überlebensbuch Brustkrebs aktuell und korrekt sind. Doch gerade deshalb sind die halbwahren oder auf Einzelmeinungen beruhenden Passagen gefährlich. »Wenn Frauen Informationen der Pharmaindustrie lesen, dann wissen sie: Das ist Werbung«, sagt Helga Ebel von der Stiftung Koalition Brustkrebs, »aber wenn betroffene Frauen etwas empfehlen, obwohl es überhaupt nicht belegt ist, dann hinterfragen die Patientinnen das nicht, und das ist ethisch bedenklich.« Nach den Worten von Rita Rosa Martin haben Pharmafirmen »auf das Überlebensbuch Brustkrebs nicht den leisesten Einfluss genommen«. Eines steht allerdings fest: Das Überlebensbuch Brustkrebs ist aus Sicht der Pharmafirmen äußerst gelungen. Hoffmann-La Roche kaufte 2000 Exemplare, also gut ein Viertel der ersten, sowie 300 Exemplare der zweiten Auflage. Der Konzern bietet die Bücher über seinen Außendienst Ärzten an, die sie interessierten Patientinnen weiterreichen. Novartis und Amgen übernahmen kleinere Kontingente.
Die Patientenorganisation Mamazone ist stolz darauf, die Selbsthilfearbeit alter Schule hinter sich gelassen zu haben. Mit auffällig professionellen Methoden hat die Gruppe beim Thema Brustkrebs die öffentliche Meinungsführerschaft erobert. Wie sehr die Pharmaindustrie dabei mitgeholfen hat, ist unklar. Nach Angaben von Mamazone machten Mittel der Pharmakonzerne 2003 weniger als zehn Prozent des Gesamtetats von 100.000 Euro aus. Dem widerspricht die Auskunft des Konzerns Hoffmann-La Roche. Hans-Ulrich Jelitto, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit, teilte der ZEIT auf Anfrage mit: »Wir stellen Mamazone jährlich eine Summe von 40.000 Euro als nicht zweckgebundene Spende zur Verfügung« – also fast die Hälfte des Budgets. In jedem Fall vertritt Mamazone die Kooperation mit der Pharmaindustrie offensiv. »Dass mündige Patientinnen und Arzneimittelhersteller Joint-Venture-Aktivitäten zum gemeinsamen Nutzen ergreifen können …, scheint hierzulande noch unvorstellbar«, attackiert Ursula Goldmann-Posch auf der Website die Kritiker von Mamazone. »Pharmaunternehmen und nicht Krankenkassen oder Staat haben mit ihrer finanziellen Förderung dazu beigetragen, eine professionelle Patientenkultur zu schaffen.«
Feldzug für eine Lockerung des Heilmittelwerbegesetzes
»Eine unseriöse und populistische Behauptung«, ärgert sich Klaus Balke, Geschäftsführer der nationalen Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen in Berlin. Zwar kritisiert auch er, dass öffentliche Mittel spärlich fließen. So gaben die Länder 2003 zwölf Prozent weniger für die Selbsthilfe aus als 2001. Die Krankenkassen haben ihr seit fünf Jahren gesetzlich vorgeschriebenes Fördervolumen bislang nicht einmal ausgeschöpft. Im vergangenen Jahr leiteten sie nur 27 statt 37 Millionen Euro an Patientenorganisationen weiter. Doch an einem lässt Balke keinen Zweifel: »Staat und Krankenkassen sind noch immer die Hauptförderer der Selbsthilfe.«
Unterdessen sponsert die Pharmabranche Patientenveranstaltungen nach ihrem Geschmack. Im Februar finanzierten Unternehmen die von gut 7.000 Patienten und Angehörigen besuchte erste offene Krebskonferenz in Berlin – eine Premiere. In unmittelbarer Nachbarschaft zu Selbsthilfegruppen bauten Firmen ihre Stände auf, von ihnen beauftragte ärztliche Referenten erläuterten in »Patientensprechstunden« neueste Behandlungsoptionen, die Hauptsponsoren Roche und Novartis veranstalteten eigene Symposien. »Es wäre naiv anzunehmen, die Konzerne verfolgten mit solchem Engagement keine marktwirtschaftlichen Interessen«, sagt Peter Sawicki, Leiter des neu gegründeten Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, das mehr Transparenz, auch für Patienten, schaffen soll.
Ginge es nach Mamazone, dürften die Firmen in Zukunft noch einen Schritt weiter gehen. Im Namen der »pharmafähigen Patientin« streitet die Initiative dafür, das Heilmittelwerbegesetz zu ändern. Deutsche Patientinnen sollen wie ihre amerikanischen Leidensgenossinnen unbeschränkten Zugang zu allen Informationen der Arzneimittelhersteller haben. Was Firmen aus solchen Möglichkeiten machen, lässt sich in den USA beobachten. Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA lockerte 1997 die Regeln für Firmenwerbung. Seither überschwemmen die Konzerne die Fernsehsender mit Medikamentenspots. Die Ausgaben für direkte Werbung beim Patienten verdreifachten sich innerhalb von vier Jahren. Ob sich dadurch die Qualität der Information verbesserte, ist fraglich. Mehrmals mussten die Konzerne hohe Bußgelder für unlauteres Marketing zahlen, und die FDA verschickt regelmäßig Warnbriefe, weil Konzerne ihre Produkte zu positiv darstellen und Risiken verschweigen.
- Datum 28.11.2007 - 13:59 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 19.05.2005 Nr.21
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