hebräische Literatur Israel liegt nebenan

In Deutschland hat die moderne hebräische Literatur viele Fans. Sogar schwierige Texte finden ihre Leser, so als suchten diese Erfahrungen, die sie nicht kennen

Wer liest wen auf diesem politisch und kulturell so zerrissenen Globus? Wie wandern Ideen und Debatten, wie Gedichte und Romane von einem Land, aus einer Sprache in die andere? Seit der Gründung des Staates Israel ist eine moderne hebräische Literatur entstanden und wie sie außerhalb Israels rezipiert wird, das erzählt erstaunliche Geschichten über Nähe und Ferne dieses Land zu seinen Nachbarn.

Politisch liegt Israel sehr nahe bei den Vereinigten Staaten; kulturell grenzt das Land aber an ganz andere Nachbarschaften. Hebräische Texte werden in viele Sprachen übersetzt. Wobei der erste Schritt sehr oft nicht nur übers Mittelmeer, sondern gleich über die Alpen führt. Die ersten Sprachen, in denen hebräische Literatur in Übersetzung erscheinen, sind häufig Deutsch und Niederländisch. Es sind vor allem Romane aus Israel, die in diesen Sprachen sehr schnell Leser finden. Offenbar beobachten deutsche Verlage die literarische Produktion dort sehr aufmerksam. Hervorragende Übersetzerinnen wie Mirjam Pressler, Ruth Melcer und Ruth Achlama leihen ihnen ihren unverwechselbaren Ton. Auch Frankreich und Italien sind nicht weit und ebenso die skandinavischen Länder.

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Dieses Sprachnetz lässt den Eindruck entstehen, Israel liege mitten in Europa. Die geografischen Nachbarn dagegen sind unendlich weit weg. Wenige zeitgenössische Autoren werden ins Arabische übersetzt. Amos Oz ist eine große Ausnahme. Auch Türkisch ist für Texte aus Israel kaum erreichbar, von Farsi ganz zu schweigen. Erst weiter im Osten gibt es wieder Nachbarn: Japan ist auch bei der Übersetzung literarischer Texte aus Israel ein äußerst rühriges Land.

Wir sehen eine Weltkarte mit Verwerfungen. So kann man Dorit Rabinyans Romane, die in Iran spielen, in England und Deutschland lesen, nicht aber in dem Land, das dort in Szene gesetzt wird. Auch in den USA wird man sie vergeblich suchen.

Ähnliches gilt für den Erstling von Mona Yahia, Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom (2000). Er erzählt die Geschichte einer Kindheit im Irak bis zur Flucht der Familie 1971 nach Israel. Dabei wurde dieser Roman nicht auf Hebräisch, sondern auf Englisch geschrieben. Kein Problem also, ihn jenseits des Atlantiks zu vertreiben. Während er jedoch in deutschen Buchhandlungen ohne Mühe zu finden ist – sogar im Taschenbuch –, hat die Annäherung an die Weltsprache Englisch die Tür zu den USA nicht geöffnet. In Großbritannien dagegen wird das Buch vertrieben. Die Autorin lebt heute in Deutschland; gewidmet hat sie ihr Buch »meinen Eltern, die mir Sprachen gaben statt Wurzeln« . Ortlosigkeit – das scheint Leser gerade in Deutschland zu faszinieren; es scheint die Lesbarkeit von Arbeiten zu erleichtern, die von Erfahrungen berichten, die wir nicht teilen.

Romane von Frauen gehen gut, das Stichwort »Liebe« hilft

Das gilt durchaus nicht nur für traditionell geschriebene Texte, die leicht ein großes Publikum ansprechen. Es gilt auch für schwierige Texte wie zum Beispiel David Grossmans Stichwort: Liebe (1991 auf Deutsch erschienen) oder dessen Gedächtnis der Haut (2004). Im letzten Jahr waren es zwei autobiografische Romane, die emphatisch gefeiert wurden: Aharon Appelfelds Geschichte meines Lebens und Amos Oz’ Geschichte von Liebe und Finsternis, ein Buch, das bei Amazon immerhin auf Platz 999 der Verkaufsliste steht. Auch das belegt, dass diese Bücher nicht nur in den Feuilletons hoch gelobt werden. Sie liegen in den Buchhandlungen. Bei beiden könnte man vermuten, dass Leser in Deutschland sich Büchern zuwenden, die von den Folgen der Zerstörung jüdischer Kultur in Europa sprechen. Dass es sich um Symptome einer Art verschobener Beschäftigung mit deutscher Geschichte handelt.

Lesende Wiedergutmachung? Dagegen spricht, dass auch Bücher auf großes Interesse stoßen, die im heutigen Israel spielen und daher von den Verwerfungen einer Gesellschaft sprechen, die sich mit ganz anderen Problemen herumzuschlagen hat als die unsere. Denn auch Romane wie Mira Magéns Klopf nicht an diese Wand (2001) oder Schließlich, Liebe (2002), Zeruya Shalevs Liebesleben (2000) oder Mann und Frau (2002) finden ihre Leser. Überhaupt kommen Schriftstellerinnen schnell nach Deutschland. Wobei die Verlage auffallend gern das Wort »Liebe« in den Titel von Romanen setzen. Auch Yael Hedayas Zusammenstöße (2001) bekommt im Deutschen den Untertitel: Eine Liebesgeschichte. Im Englischen heißt es schlicht: A Novel. Der Verdacht liegt auf der Hand, dass die Leser geködert werden sollen. Liebesgeschichten – davon verstehen wir alle etwas. Dabei erzählen die Bücher auf ihre je ganz eigene Weise von Fremdem, von menschlichen Verhaltensweisen, die »wir« nicht immer schon kennen. Sie spielen in einem Land, das zerrissen ist zwischen traditionellen Lebensweisen und solchen, die postmoderne Gesellschaften prägen. Dass dies zu heftigen Konflikten zwischen Männern und Frauen führen muss, ist klar. Gerade in Zeruya Shalevs Romanen bricht daran eine Frage auf: Wenn diese Konflikte ein Symptom sind, was erzählt uns das über die israelische Gesellschaft?

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