REINHEITSGEBOT Immer schön gießen
Warum sich ein neues Ritual im Fußball durchgesetzt hat
Wieder waren die Bayern die Ersten: Es geschah am 20. Mai 2000, der FC Bayern München wurde im letzten Spiel der Saison doch noch Meister vor Leverkusen, als einer der Spieler es wagte, eines jener riesigen Weißbiergläser, die bis dahin zum Trinken verwendet wurden, über dem Trainer Hitzfeld auszugießen. Die »Bierdusche« war geboren. Ihren Durchbruch aber feiert sie mit dem Ende dieser Saison, in der die Spieler nicht nur den Trainer begießen, sondern über das Spielfeld jagen wie Pubertierende durchs Freibad und sich gegenseitig nass machen. Es überschütten sich nicht mehr nur die Meistermannschaft, sondern auch jene Klubs, die ein weniger meisterliches Ende der Saison zu feiern haben, die Nichtabsteiger und die Aufsteiger aus der Zweiten Liga: Duisburg feierte seinen Aufstieg mit riesigen Pils-Gläsern, Mainz den Nichtabstieg mit Weizenbier, und der 1. FC Köln besudelte sich nach seiner Wiederkehr in die Erste Liga mit Kölsch aus riesigen Gläsern, mit jener Biersorte, die sich von den anderen Bieren gerade dadurch unterscheidet, dass man sie aus besonders kleinen Gefäßen konsumiert.
Es wäre zu einfach, die Bierdusche allein als Marketingerfolg der Brauereien zu erklären. Ebenso einfach wäre es, sie als unvernünftig zu verurteilen. Denn die Bierdusche ist zu einem Brauch geworden. Und Bräuche, wie Eierfärben zu Ostern, Böllern zu Silvester oder Schlipsabschneiden im Fasching, zeichnen sich dadurch aus, dass sie zwar arm an praktischem Nutzen sind, aber dafür sozialen Sinn haben: Wer sich auf den Brauch verständigt, gehört fortan zu einer Gruppe.
Der neue Brauch lehnt sich an einen alten an: den der Taufe. Der Nichtbayer Felix Magath wurde erst durch das Weißbier zum echten Bayern. Zu dieser Deutung passt, dass Uli Hoeneß, der das Bayersein nicht mehr beweisen muss, sich nach der vorzeitigen Meisterschaft seiner Mannschaft der Bierdusche entziehen konnte. Der emporgehaltene Krug ist außerdem ein Ersatz für den Pokal, der im deutschen Fußball recht sparsam verliehen wird: Der Meister bekommt eine Schale, und Nichtabsteiger und Aufsteiger erhalten gar nichts, an dem sie sich festhalten könnten.
Wie aber konnte sich ein Brauch, bei dem Lebensmittel in nicht geringem Ausmaß verschwendet werden, ausgerechnet in dieser Saison durchsetzen, in der selbst der letzte Fußballer verstanden hat, dass Geld in der Bundesliga nicht mehr im Übermaß vorhanden ist? Der Tübinger Landeskundler Hermann Bausinger findet das gar nicht verwunderlich. Er erzählt von einem Brauch, den die Wissenschaft Potlatsch nennt und der auf Indianerstämme in Nordamerika zurückgeht: Dort genossen es die Häuptlinge, sich gegenseitig zu Festen einzuladen, bei denen stets ein Vielfaches des Essens aufgetischt wurde, was Menschen so verzehren können. Sie liebten das Prassen und Prahlen auch in Zeiten der Not. Einige Häuptlinge haben sich so gar in den Bankrott getrieben.
Die Fußballer prassen mit Bier. Fünf Liter, das Volumen einer mittleren Bierdusche, würden in einer Kneipe rund 30 Euro kosten. Aber weil es das bodenständige Bier ist, das Getränk der Massen, mit dem die Spieler prassen, und nicht etwa Champagner (wie im Motorsport üblich) oder Sekt (welchen der Bremer Senator Peter Gloystein vorige Woche über einen Obdachlosen goss), empfindet der Premiere-Bar-Besucher eher Sympathie als Neid. Die Bierdusche setzte sich nicht zufällig in jener Saison durch, in der anfangs zwischen Trainer und Mannschaft des FC Bayern ein Streit darüber entbrannte, ob die Spieler ein zu dekadentes Leben führten, ob ihnen ihre Frisur wichtiger sei als sportlicher Erfolg.
Es scheint, als hätten die Spieler verstanden. Sie haben sich einen Brauch ersonnen, der es erlaubt, zu prassen, ohne Anstoß zu erregen: ein Clausthaler unter den Verschwendungsbräuchen.
- Datum 19.05.2005 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 19.05.2005 Nr.21
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