Ein einziges Mal nur weiß er nicht, was er sagen soll. Auf einer Zugfahrt von Berlin nach Hamburg sucht er nach einer Antwort auf die Frage: Wie würde sich der Götz Aly von heute mit dem von vor 30 Jahren verstehen? Der Götz Aly von heute: Bestsellerautor, Journalist und Historiker, 58 Jahre alt, trägt Anzug und Hemd. Seine aktuelle Arbeit Hitlers Volksstaat wird seit Wochen in den Feuilletons diskutiert, viele halten es für das wichtigste historische Buch des Jahres. Der Götz Aly von damals: Student, Mitglied der linksradikalen Gruppe Rote Hilfe, einer, der mitmachen will bei der Revolution, der die Gesellschaft ablehnt, in der er lebt.

Götz Aly zögert, dann sagt er: "Was Sie immer alles wissen wollen." Er nippt am Kaffee, sagt nichts. Sieht aus dem Fenster. Und fragt: "Haben Sie eine andere Frage?"

Das Zögern passt nicht in das öffentliche Bild, das man sich von ihm machen kann in diesen Tagen. Ob bei einer Lesung in Hamburg, einer Sitzung über die Zukunft der NS-Gedenkstätten in Berlin oder bei einer Diskussion in Frankfurt am Main: Götz Aly redet für sein Leben gern, liebt scharfe Wortwechsel. Er tritt selbstsicher auf. Einmal wird er sagen: "Wenn Sie wie ich Hunderte von WG-Sitzungen in den Siebzigern überstanden haben, fürchten Sie sich vor nichts mehr."

Aly braucht Gegner, an denen er sich abarbeiten kann, egal wo, egal wann, egal wie.

Eines Abends ruft man ihn zu Hause an, fragt, ob man störe. Er antwortet: "Ja, ich will Nachrichten sehen." Zweiter Anruf, es ist zwanzig nach acht, die Tagesschau ist vorbei. Aly war einmal Meinungschef der Berliner Zeitung . "Früher", sagt er, "hätte ich mir jetzt überlegt, mit welchen Strategien ich morgen in der Konferenz verhindere, dass bestimmte Kollegen zu bestimmten Themen Kommentare schreiben." Er will immer vorbereitet sein. Er kann gar nicht anders.

In der Hamburger Heinrich-Heine-Buchhandlung Mitte April erlebt der Historiker Axel Schildt, was es heißt, sich mit Götz Aly zu streiten. Es ist kein Platz mehr frei in der Buchhandlung, als Schildt seine einleitenden Worte zu Alys Buch spricht. Er lobt die Recherchearbeit, betont aber, dass eine These "schlicht falsch" sei. So suggeriere der Autor, dass der Sozialstaat eine Erfindung der Nazis sei. Aly würde damit indirekt den Abbau des Sozialstaats unterstützen.

Schildt übergibt das Mikrofon an Aly und sagt: "Lieber Kollege, Sie wollen mir sicher antworten auf meine Kritik, dazu kommen wir später. Zunächst wollen Sie ja aus Ihrem Buch lesen." Schildt lehnt sich zufrieden zurück. Es ist still im Raum. "Das mit der Lesung, lieber Herr Schildt, können wir uns sparen. Ich komme gleich zur Sache." Es treffe sich gut, sagt Aly, dass er auf der Fahrt nach Hamburg das Lexikon Deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts gelesen habe, das Schildt herausgegeben hat.

Er zieht den Band aus seiner Aktentasche und hält ihn hoch. "Warum, frage ich Sie, steht in den Kapiteln zum Nationalsozialismus nicht, dass 1938 erstmals alle Rentner in Deutschland krankenversichert wurden? Dass es 1941 zu einer deutlichen Rentenerhöhung kam? Warum finden wir kein Wort zu den Sozialleistungen?" Das ist Alys Thema. Er meint, vereinfacht ausgedrückt: Das Hitler-Regime hat die Deutschen mit Sozialleistungen, Wohnungen und Geld bestochen, damit sie sich im Nationalsozialismus wohl fühlen und den Krieg ertragen. Aly nennt das "Gefälligkeitsdiktatur". Schildt erwidert leise, dass er die Lexikon-Texte nicht selbst geschrieben, sondern herausgegeben habe. Außerdem könne man nicht jeden Aspekt eines Themas beleuchten. Doch Aly ist in Fahrt. "Es passt Ihnen nicht in den Kram! Denn dann müssten Sie etwas Positives zum NS-Staat sagen! Wer Hitlers Erfolg verstehen will, muss die Fakten auf den Tisch legen!" Die Veranstaltung dauert drei Stunden. Aly redet frei, dann schreibt er Widmungen in seine Bücher, viele Widmungen. Es läuft gut, Hitlers Volkstaat geht, zwei Monate nach Erscheinen, bald in die fünfte Auflage.