pop Der Osten leuchtet
Im alten Europa verkam der Eurovision Song Contest zum Trash. Der diesjährige Gastgeber, die Ukraine, nimmt das Singen wieder ernst
Unter planerischen Gesichtspunkten steht bereits fest, was die Millionen draußen vor den Fernsehschirmen erfassen wird: ein zukunftsfrohes, ins Mystische spielendes Gefühl, ganz so, als würde man morgens in einer Flussaue erwachen, umgeben von geheimnisvollen Pflanzen und Tieren. Ein neuer Tag hat begonnen, symbolisiert durch das satte Grün, das aus der Vermischung der ukrainischen Nationalfarben Gelb und Blau hervorgegangen ist, während Reichtum, Schönheit und positive Gedanken die Seele erfüllen. Jetzt noch ein paar Tupfer Orange, zur Erinnerung an die ruhmreichen Tage im Winter, und die Illusion ist perfekt. »You will be able to smell the fresh green grass and feel the warmth of a golden sun and the coolness of water and winds«, verspricht die Homepage des ukrainischen Staatsfernsehens. So viel zur Theorie.
In der Praxis riecht die Arena zunächst einmal nach dem Schweiß sozialistischer Körperertüchtigung, dem Metall der Deckenverstrebung und dem Staub, den die Umbauarbeiten aufwirbeln. Der Sportpalast am Rande der Kiewer Innenstadt: ein Festival der Rüschengardinen und Kronleuchter, Anfang Mai noch viel eher Reminiszenz an die Vergangenheit als Ort der Zukunft. Draußen rattern die Presslufthämmer, der gigantische Springbrunnen auf dem Vorplatz will repräsentativ umgestaltet sein, drinnen stapeln sich die Kisten. Endlich ist die Lightshow eingetroffen, die schwedische Crew, in Kooperation mit lokalen Kräften für den technischen Ablauf zuständig, packt von morgens bis spät in die Nacht hinein aus und montiert, was zu montieren ist. Der Countdown läuft, in wenigen Tagen soll hier Europas größtes Fernsehereignis über die Bühne gehen, doch die Effekte des Konzepts »Awakening« (Erwachen) lassen sich bislang allenfalls erahnen.
Vielleicht trifft Marko Markovic deshalb jeder Anruf auf dem Handy wie ein Stromstoß. Mit der Linken nimmt er das Gespräch entgegen, mit der freien Hand malt er schon einmal in die Luft, was wo seinen Platz finden wird: dort hinten die Videoschirme, auf denen Länderspots und Wertungen eingeblendet werden, gleich davor die Plexiglassäulen mit der inwendigen Hydraulik. Auf und nieder werden sie steigen, absolutes High-Tech auf LCD-Basis: Die Ukraine leuchtet. Von den vielen Strippen im Hintergrund ganz zu schweigen. Exakt 101236 Meter Kabel sind zu verlegen – mehr als bei jedem Wettbewerb zuvor. Überhaupt wird es pünktlich zum 50. Eurovisions-Jubiläum eine Show der Superlative geben. 120 Tonnen Gesamtequipment! 82 Tonnen davon hängend! 350 bewegliche Spots! Markovic betet die technischen Daten herunter, schließlich ist die Kommunikation sein Job. Und immer wieder fällt beschwörend der eine Satz: »Wir liegen absolut im Zeitrahmen.«
Ihm, dem verantwortlichen Press Officer, braucht man nicht zu erzählen, dass die Ukraine sich mit der Ausrichtung des Eurovision Song Contest 2005 viel vorgenommen hat. Nach dem Triumph im vergangenen Jahr, als ein Spice Girl aus den Karpaten namens Ruslana sämtliche Konkurrenten auf die Plätze verwies, nach der weltweiten Live-Übertragung der Revolution in Orange, als die fernsehende Welt schon einmal nach Kiew blickte, geht es am kommenden Wochenende um den Ausweis höchster Modernität: Ukrainian Television proudly presents! Eine Aufgabe, die die logistischen, kommunikativen und auch finanziellen Ressourcen bis an ihre Grenzen strapaziert. Mit einem Facelifting für den Sportpalast ist es ja nicht getan, die infrastrukturellen Herausforderungen verteilen sich über die ganze Stadt. Der Kreschchatik, Kiews Prachtstraße, schreit aufgrund der Schäden, die Frost und Demonstranten hinterlassen haben, nach einem neuen Pflaster. Das marode, noch an planwirtschaftlichen Gepflogenheiten orientierte Hotelwesen muss an die Servicebedürfnisse verwöhnter Westbesucher angepasst werden. Der Souvenirhandel braucht neuen Schwung und garantierten Nachschub.
Die Konkurrenz der östlichen Länder hat den Wettbewerb belebt
Das alles kostet Zeit und Geld, und beides ist knapp in einem Land, in dem der durchschnittliche Monatslohn bei 130 Euro liegt. Ein Teil der Ausgaben soll über Sponsoren wieder hereinkommen, deren Logos bereits überall im Stadtbild präsent sind. Coca-Cola hat seine Zelte auf dem Kreschchatik aufgeschlagen, Samsung und die lokale Marke Kyivstar konkurrieren um den Markt für mobile Telefonie, doch damit allein ist es nicht getan. Allerhöchste Kreise sind in die Organisation involviert. Staatspräsident Wiktor Juschtschenko persönlich hat den reibungslosen Ablauf der Show zur nationalen Angelegenheit erhoben, und als Berichterstatter aus dem befreundeten Ausland bekommt man ohne Zögern ein Interview mit Mykola Tomenko in Aussicht gestellt, dem Vizepremierminister. »Überhaupt kein Problem«, versichert der Presseagent, »sehen Sie« – schon hat er die Nummer auf seinem Handy eingetippt.
Es wird dann doch nichts mit dem Interview, was aber keine Rolle spielt, weil ukrainische Politiker, zumindest die demokratischen, in diesen Tagen ohnehin nur eines verkünden: dass die Ukraine im Herzen Europas liegt, dass die Gäste willkommen sind und Kiew von einer ganz anderen Seite erleben werden. Jeder verlegte Kabelmeter, jede Finesse der Präsentation ein Argument im Kampf um Zugehörigkeit. In einer Sprache der Mantren wird das Neue herbeigebetet, das zugleich überall noch um seine Form ringt.
- Datum 19.05.2005 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 19.05.2005 Nr.21
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







