kunst Blaue Blume, wo nur blühst du?
Die Frankfurter Kunsthalle Schirn beschwört mit »Wunschwelten« die neue Sehnsucht nach alter Romantik. Ein skeptischer Ausflug in die magischen Landschaften der Gegenwartskunst
Sanft gewellte Wiesen, auf denen Schafe weiden, dazu Laubbäume, unter denen Mädchen lagern, alles in warmes Sonnenlicht getaucht: So viel Arkadien zeigt ein Foto der amerikanischen Künstlerin Justine Kurland. Die beiden Mädchen haben ihre Füße so aneinander gelegt, dass sie wechselseitig als Pedale fungieren, mit denen sie zu virtuellen Zielen strampeln. Das ist ein schönes Bild für sorglose Weltvergessenheit, und als Betrachter schließt man sich der Fahrradtour ins Paradies gerne an. Da die Mädchen Uniformen tragen, handelt es sich jedoch offenbar um keine Idylle jenseits der Zivilisation. Vielleicht wäre der sozialistische Realismus auf solche Ikonografien gekommen – hätte er nicht nur die Arbeit im Kollektiv verherrlicht, sondern schon einmal die Welt am Ende der Geschichte wahr werden lassen, in der man bekanntlich morgens jagen, nachmittags fischen und abends Viehzucht treiben können sollte.
Kurlands Sheep Wranglers ist eines der wenigen Bilder, auf die der Titel der Ausstellung in der Frankfurter Schirn Kunsthalle uneingeschränkt passt: Wunschwelten werden versprochen, als Trend hat man in Ateliers von Berlin bis Los Angeles eine Neue Romantik in der Kunst der Gegenwart entdeckt – und nur Leipzig ausgespart, obwohl einige der dort gerade reüssierenden Maler ganz ähnliche Positionen vertreten wie die nun präsentierten Künstler.
Vermutlich wollte man, was durchaus zu begrüßen ist, den rein deutschen Blick auf die zeitgenössische Malerei etwas erweitern. Bei den meisten der 13 gezeigten Künstler bleibt jedoch die Frage offen, was für Wünsche eigentlich ins Bild gesetzt werden. Gewiss finden sich bei ihnen Berge, Rückenfiguren und Nebelschwaden – doch reicht das aus, um sie als Nachfahren Caspar David Friedrichs und Philipp Otto Runges auszugeben?
Vögel unterm Vollmondhimmel und Spaziergänge am Abgrund
Die vermeintlichen Parallelen im Kunstklima des frühen 19. und des frühen 21. Jahrhunderts wollen Max Hollein und Martina Weinhart, die Kuratoren der Ausstellung, mit einer Ähnlichkeit gesellschaftlicher Verhältnisse erklären. Sie setzen Globalisierung und Terroranschläge kurzum mit Industrialisierung und Napoleonischen Kriegen gleich, um eine allgemeine Verunsicherung und Entfremdung behaupten zu können, aus der sie ein Bedürfnis nach Kompensation, nach heiler Welt und Asylen der Geborgenheit ableiten. Dabei gilt ihnen die Kunst als der Ort, an dem, fernab der Übel des Alltags, Neues aufkommen, Rettendes wachsen kann.
Das ist eine von Kulturkritikern zwar häufig geknüpfte, in ihren einzelnen Gliedern jedoch alles andere als zuverlässige Gedankenkette. So ist schon zu bezweifeln, ob die Generation der 30- bis 40-Jährigen, deren Werke in der Ausstellung dominieren, mit einem Terminus wie »Entfremdung« überhaupt noch etwas anfangen kann. Gewiss hat auch diese Generation Ängste und eskapistische Träume, doch dass sich daraus, wie in der Romantik, ein grundsätzlicher Dissens zu den herrschenden Verhältnissen ergeben haben sollte, erscheint nicht plausibel. Auch wer von Arbeitslosigkeit bedroht ist, beim Zusammenbruch der New Economy viel Geld verloren hat oder sich wegen der sozialen Zukunft seiner Kinder sorgt, lebt üblicherweise ganz zufrieden, dankbar dafür, bisher friedens- und wohlstandsverwöhnt gewesen zu sein. Statt über etwas zu klagen, das ihnen abgeht, ist den meisten dieser Generation vielmehr bewusst, was alles sie verlieren könnten.
Entsprechend nehmen heutige Wunschwelten kaum einmal konkrete Gestalt an; sie bieten höchstens Fragmente vergangener Utopien auf und erschöpfen sich in allgemeinen und oft eher fantasielosen Fantasien. So auch bei einigen Beiträgen in Frankfurt: Uwe Henneken malt einen Maler, der einen leuchtend bunten Himmel malt, bei Laura Owens fliegen Vögel im Vollmondhimmel, und Karen Kilimnik erzählt in einer Installation, die einem Bühnenbild gleicht, nochmals die Geschichte von Schwanensee. Solches Recycling romantischer Versatzstücke zeugt nicht gerade von echtem Leiden an der Welt, hier werden eher etwas langweilige Spielarten postmoderner Lebensweisen als neue Sehnsuchtsszenarien geboten.
Der Titel der Ausstellung hätte ohnehin besser auf die zweite – und vielleicht wichtigere – Schau gepasst, die die Schirn zurzeit zeigt. Sie ist mit den Nazarenern einem katholischen Flügel der Romantik gewidmet, wobei man den Bildern selbst nach knapp 200 Jahren noch die enorme Energie anmerkt, mit der eine damals junge Generation innige Frömmigkeit und ein ständisch geordnetes Mittelalter wiedergewinnen wollte. Die Konsequenz, mit der sie ihre eigene Lebenswelt verbannten, lässt die Overbecks, Schadows und Passavants geradezu als beunruhigend fanatisch erscheinen. Sie waren ihren ganz konkreten Wunschwelten verfallen, und viele ihrer Bilder verführen den Betrachter dazu, sich ebenfalls in die sonnendurchfluteten Landschaften oder heimeligen Gassen alter Städtchen wegzuwünschen, in denen die Szenen heiligen Lebens angesiedelt sind.
In der Etage darunter besitzen die Künstler, abgesehen vielleicht von Justine Kurland, keineswegs so viel Wille zur Verführung. Ihre Werke sind ungleich cooler. Doch gibt es dabei durchaus Gutes zu sehen. So lassen die Bilder Peter Doigs über psychische Abgründe ihrer Figuren spekulieren, während Christopher Orr Szenarios zu kosmisch-heimwerkelnden Experimenten malt, deren Ausgang der Betrachter mit Blick auf die kauzigen Protagonisten schon einmal schmunzelnd vorwegnehmen kann. David Thorpes aus Papieren, Pflanzen und anderen Materialien zusammengesetzte Klebebilder schließlich fesseln allein wegen ihrer beeindruckenden handwerklichen Finesse. Studiert man die von futuristisch-verlassenen Bauten besetzten Landschaften, fühlt man sich an Romane Christoph Ransmayrs erinnert und zögert, ob darin der eigene Abenteuergeist erwachen würde oder ob das Ganze nicht doch bald zu unheimlich wäre.
Viele Künstler verwechseln Transzendenz mit Behaglichkeit
Dass die Exponate der Ausstellung insgesamt emotional nicht überwältigen, ist kein Manko. Man ist sogar froh darüber, dass es nicht so pathetisch wie zu Nazarener-Zeiten zugeht und religiöse Erweckungsversuche wenigstens in der Kunst unterbleiben. Tatsächlich dürften es viele mit Misstrauen registrieren, böte die Ausstellung auf einmal suggestive Utopias und detailliert konzipierte Alternativen zur aktuellen Gesellschaft. Schlagworte wie Kitsch oder Ideologie würden im Nu auftauchen, und solange sich mit ihnen Debatten bereits im Keim ersticken lassen, ist die Zeit für neue Wunschwelten auch noch nicht gekommen.
Warum dann aber ein solcher Hype? Schon im Vorfeld wurde ungewöhnlich viel über die Frankfurter Ausstellung berichtet, und die Bereitwilligkeit, mit der man die Rede von der »Neuen Romantik« nachplapperte, konnte die Kuratoren in der Ansicht ermutigen, einen Nerv der Zeit getroffen zu haben.
Allerdings gab es auch schon Monate vor Eröffnung der Schau erste Kritik. So beklagte Harald Falckenberg, der als maßgeblicher Sammler den diversen Trendverkündern des Kunstmarkts vehement ausgesetzt ist, bereits im letzten Herbst, dass die Ausstellung in Frankfurt »mit dem historischen Verständnis von Romantik als Sinnbild einer idealistischen Aufbruchsbewegung nichts zu tun« haben werde. Hier werde nur ein starker Begriff »angezapft und inhaltlich geradezu in sein Gegenteil verkehrt«. Statt unbequemer Positionen, die den Status quo verachten und einen radikalen Umschwung verlangen, deklariert man lieber Bilder von Kaye Donachie oder Hernan Bas als romantisch, die jugendliche Hippie- oder Homoerotik in kräftigen Farben vorführen. Wo Romantik jedoch auf Chill-out reduziert wird, fällt das Entscheidende weg; Transzendenz wird mit Behaglichkeit verwechselt.
So verschieden die in Frankfurt gezeigten Künstler sein mögen, auf den für die Romantik entscheidenden Oppositionsgeist trifft man bei ihnen allen nicht. Es wäre daher passender gewesen, anderswo in der Kunstgeschichte nach Referenzen zu suchen, etwa bei den Künstlern des Symbolismus im späten 19. Jahrhundert. Mit Odilon Redon, Gustave Moreau oder Arnold Böcklin, in ihren abgründigeren Facetten ebenso mit James Ensor oder Edvard Munch haben die heutigen Maler sehr wohl etwas zu tun. Nur dumm, dass diese Künstler weniger zum Kult taugen als die schillernde Romantik. Dabei waren sie zu ihrer Zeit fast alle sehr erfolgreich und Lieblinge eines Bürgertums, das sich auch damals unzufriedener gab, als es in Wirklichkeit war.
Es ist also nichts Neues, die eigene Etabliertheit zu kaschieren, indem man sich mit Bildern umgibt, auf denen alles »irgendwie« anders ist als in der Realität. Hauptsache, man kann ein bisschen träumen. Das soll nur möglichst unverbindlich und folgenlos bleiben. Max Hollein spricht im Katalog selbst von einer »Leidenschaft für das Unbestimmte«, die die Künstler der Wunschwelten miteinander verbinde.
Zwar mochte auch die Romantik in Unschärfe oder Zwielicht verschwimmende Landschaften, man denke an Carl Gustav Carus oder Johan Christian Dahl, doch waren Bilder, die auf Geschichten, gar auf Staffagefiguren verzichteten, ein denkbar starker Kontrast zu den seinerzeit vorherrschenden Historien- und Genrebildern: Unbestimmtheit bedeutete eine Annäherung der Kunst an die Natur, und die Betrachtung eines Landschaftsbilds sollte genauso wie ein Spaziergang Distanz zur Welt der Zwecke und Zwänge schaffen, um Freiraum für bessere Lebensformen zu gewinnen.
Das Unbestimmte war also sehr wohl eine politische Kategorie. Erst später, als Offenheit und Vieldeutigkeit zum Selbstläufer wurden, nahm es den Charakter des Unverbindlichen an. Kunstwerke gerieten zu Projektionsflächen, die jeder für sich füllte. An die Stelle klarer Wünsche traten vage Träume.
Der globalisierte Kunstmarkt belohnt ästhetische Unverbindlichkeit
Gerhard Richter, auf den der Katalog öfter verweist, gibt der jüngeren Generation gerade mit seinen Wolken- oder Landschaftsgemälden das Vorbild einer Kunst ab, die sich so offen hält, dass sie überall passt und niemanden vor den Kopf stößt. Der Kunstmarkt belohnt solche Kunst, nicht nur weil sie einem bürgerlich-zufriedenen Publikum entgegenkommt, sondern weil sie aufgrund ihrer Unverbindlichkeit auch auf allen internationalen Messen vertrieben werden kann. Gerade die Werke, die angeblich als romantische Flucht vor der Globalisierung entstanden, verdanken ihren Erfolg also einer Globalisierbarkeit: Dass sie, statt identifizierbare Lokalitäten zu zeigen, aus Himmeln, Schluchten oder großen Wasserflächen bestehen, verleiht ihnen eine Ortlosigkeit, die sie nirgendwo auf der Welt wirklich fremd erscheinen lässt. Oft gibt es nicht einmal klare Raumbegrenzungen, sondern nur geheimnisvolles Wabern.
Weniger spektakulär und subtiler passiert hier dasselbe wie auf Bildern populärer Fantasy-Künstler, die ihre imaginären Landschaften bevorzugt mit Spritzpistolen fabrizieren und zusätzlich mit Ungeheuern und drallen Frauen bevölkern. Von Harry Potter bis zu Computerspielen reichen die Varianten eines magischen Flairs, das in verschiedenen Kulturen ähnliche Fantasien bedient und damit von weltmarktfähiger Unbestimmtheit ist.
Dass der Katalog zur Frankfurter Ausstellung, die mehrheitlich Künstler aus der angelsächsischen Welt zeigt, vor allem deutsche Romantiker zitiert, ist also kaum mehr als eine ortsspezifische Aneignung globalen Bildmaterials. In den USA oder in Asien ließe sich dasselbe ganz anders – und genauso passend oder unpassend – mit jeweils kulturtypischen Bild- und Diskurstraditionen in Verbindung bringen: Die Bilder von Christian Ward, die laut Katalog die Grotte nachempfinden, in der Novalis’ Heinrich von Ofterdingen die blaue Blume entdeckte, erinnern mit ihren Wasserfällen und stilisierten Naturformen mindestens so sehr an japanische Holzschnitte.
Vermutlich braucht globalisierbar unbestimmte Kunst aber sogar eine Anbindung. Sie ist kommentarbedürftig, nicht um verstanden zu werden, sondern um überhaupt erst etwas zu bedeuten. Auf sich allein gestellt, droht sie leer zu sein. Ihr den Untertitel Romantik zu verpassen ist dabei die denkbar geschickteste Strategie: Diese Vokabel steht ihrerseits weniger für einen klaren Begriff als für eine Projektionsfläche, auf der jeder Ausstellungsbesucher seine Sinnerwartungen unterbringen kann.
Dennoch ist zu befürchten, dass das, was die gezeigten Werke an formalen oder inhaltlichen Eigenheiten besitzen, von den Fantasien, die das Romantik-Postulat auslöst, überstrahlt wird – von Bedeutsamkeit ohne Bedeutung. So erscheinen die Positionen der vertretenen Künstler einheitlicher, als sie es in Wirklichkeit sind. Ihre zum Teil beachtlichen individuellen Qualitäten drohen unsichtbar zu werden.
»Wunschwelten«; Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main bis zum 28. August; Katalog 24,80 €. Wolfgang Ullrich ist Kunstwissenschaftler und lehrt in Karlsruhe; zuletzt erschien von ihm: »Tiefer hängen – Über den Umgang mit der Kunst« (Verlag Klaus Wagenbach)
- Datum 19.05.2005 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 19.05.2005 Nr.21
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







