Im Gewirr der engen Gassen hinter dem Stephansdom steht die wichtigste Mozart-Gedenkstätte Wiens, das so genannte Figaro-Haus, in dem der Komponist zweieinhalb Jahre von September 1784 bis April 1787 gelebt hat. In der geräumigen Wohnung verbrachte er seine erfolgreichsten Wiener Jahre. Dort entstand Le Nozze di Figaro, üppige Konzerteinnahmen ermöglichten ihm einen gehobenen Lebensstil, Haydn schaute zum Streichquartettspiel vorbei, und im Billardzimmer klackten die Kugeln. Das Haus in der Schulerstraße gehört zu den wenigen Lebensorten Mozarts, die heute noch erhalten sind. Wer es in diesen Tagen besuchen will, findet eine Baustelle vor. Die Türen sind verschlossen, die Fassade ist eingerüstet, und vor dem Gerüst hängt eine Plastikplane, auf der eine aufgemalte historische Hausfassade zu sehen ist.

Der Zustand des Figarohauses, das im kommenden Januar pünktlich zu Mozarts 250. Geburtstag wiedereröffnet werden soll, erscheint wie ein Sinnbild für den gegenwärtigen Stand der Bemühungen um das bedrohlich spektakuläre Mozart-Jubiläum: Noch drehen sich die Betonmischmaschinen und lassen nur erahnen, welcher Aufwand für das Gedenkjahr 2006 betrieben wird. Es ist nicht zu erkennen, ob an dem Wiener Mozart-Haus (wie am Mozart-Bild generell) nur Schönheitsreparaturen vorgenommen werden, ob eine Entkernung samt Generalsanierung in Auftrag gegeben wurde oder sogar ein schicker Neubau entsteht im Stile von einst. In jedem Fall ist der Blick auf das Authentische verstellt durch die Renovierungsarbeiten am Mythos. Zum Trost knattert eine Plastikplane als Banner des Kitschs im Wind. So erging es Mozart eigentlich immer.

Das letzte Gedenkjahr, 1991 zum 200. Todestag, war eine Katastrophe. Der Kommerz und Hollywood-Missverständnisse triumphierten. Die bleibenden Symbole waren die Mozartkugel, der Mozart-Likör und die verschnörkelte Mozart-Tasse. Damals machte unter den Künstlern der Spruch die Runde, dass es das Beste wäre, man würde zum Mozart-Jubiläum gar nichts von Mozart aufführen. Aber natürlich sind ihre Terminkalender auch für 2006 schon wieder voll und die Koffer gepackt für den großen Aufbruch in das Unvermeidliche. Ob es dieses Mal besser wird? Ob sich die Blickwinkel verschoben haben?

Die ersten Expeditionen sind bereits unterwegs. Sie wollen sicher gehen, dass ihnen die Jubiläumsmeute bei ihren Mozart-Erkundungen nicht im Weg steht. Hochkarätig besetzt sind sie alle, und mit Pauschalreisen auf ausgetretenen Pfaden geben sie sich nicht zufrieden: René Jacobs und der südafrikanische Künstler William Kentridge zeigen die Zauberflöte am Brüsseler Opernhaus. Nikolaus Harnoncourt und der Regisseur Claus Guth widmen sich im Theater an der Wien Mozarts Jugendoper Lucio Silla, und in Baden-Baden dirigiert Claudio Abbado ebenfalls eine Zauberflöte – zum ersten Mal in seiner Karriere.

Jacobs, Harnoncourt, Abbado – das sind drei maßgebliche Dirigenten, die aus ganz unterschiedlichen Richtungen auf Mozart zugehen. René Jacobs ist der Mann der Stunde für die Interpretationen von Mozarts Opern. Seine CD-Aufnahmen gehören zu den qualitätvollsten und erfolgreichsten der letzten Jahre. Er ist den Weg gegangen, über den in den vergangenen 30 Jahren fast alle Dirigenten gekommen sind, die den Ton in den Mozart-Opern prägten – vom 18. Jahrhundert aus voranschreitend, als Exponent von Barockmusik und historischer Aufführungspraxis.

Die Vitalität des Musizierens erwächst auch bei Jacobs aus der deklamatorischen Geste und der akribisch durchgearbeiteten Artikulation bis hinein in die unscheinbarsten Nebenstimmen. Er beherzigt, was Alfred Brendel an solchem Mozart-Stil bemängelt hat: Das Gesangliche dürfe hinter dem Sprechen in Tönen nicht zurücktreten. Jacobs, ein ehemaliger Sänger, lässt den Stimmen immer den gebotenen Raum zur Entfaltung.

Bei Harnoncourt brennt das alte "Lucio Silla"-Feuer immer noch

So war es auch in der Brüsseler Zauberflöte, obwohl das Sängerensemble dort bei weitem nicht das Niveau anderer Jacobs-Produktionen hat. Der Belgier nimmt die Alla-breve-Vorschriften ernst, ringt dem gemischt auf historischen und neuen Instrumenten spielenden Orchestre Symphonique de la Monnaie einen forsch vorantreibenden Spielduktus ab – und kommt doch über Routine auf hohem Niveau nicht hinaus. Der Mozart-Stil aus dem Geist historischer Aufführungspraxis kann mit seinem Hang zu technischer Perfektionierung und Ausdrucksverfeinerung auf die Dauer eben auch zu einer Sackgasse werden. Was im Mozart-Jahr 1991 noch als Qualitätssprung gegenüber dem "apollinisch" polierten Mozart-Ideal der Generation Karl Böhms gerühmt wurde, hat sich inzwischen zu einer Selbstverständlichkeit entwickelt. Die historisch informierte, texttreue Ausdifferenzierung von Mozarts Dramatik kann nur mehr Voraussetzung der Interpretationen sein und nicht mehr deren erklärtes Ziel. Und die neuen Perspektiven?