Mit der Goldenen Palme von Cannes ist am Samstag das Sozialdrama L'enfant (Das Kind) aus Belgien ausgezeichnet worden. Es ist die zweite Palme der Brüder und Filmemacher Jean- Pierre und Luc Dardenne

Für sein beunruhigendes Psychodrama Caché (Versteckt) nahm der Österreicher Michael Haneke den Regiepreis entgegen. Der Film ist als französische Produktion entstanden. "Formidabel", freute sich der in Paris lebende Haneke danach. "Natürlich beginnt man die Arbeit immer mit dem Wunsch nach größtmöglicher Aufmerksamkeit." Der Preis der Jury ging an die in den achtziger Jahren angesiedelte Familiengeschichte Shanghai Dreams von Wang Xiaoshuai aus China.

Überraschungen gab es bei den Darstellerpreisen: Eigentlich wollte der amerikanische Star Tommy Lee Jones (Men In Black) in Cannes vor allem als Regisseur wahrgenommen werden, hatte er doch bei dem zeitgenössischen Western The Three Burials of Meliquiades Estrada zum ersten Mal auch hinter der Kamera gestanden. Doch nicht für die Regie, sondern für sein Schauspiel wurde er gefeiert. Die Drei Begräbnisse bekamen auch den Drehbuchpreis (Guillermo Arriaga). "Ganz hübsch fürs Geschäft", meinte der Texaner später cool. Als beste Schauspielerin wurde die Israelin Hanna Laslo für ihren komödiantischen Auftritt in Free Zone von Amos Gitai geehrt.

L'enfant , der Siegerfilm von Cannes, erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der Vater wird, aber selbst zu unreif und verantwortungslos ist, um diese Rolle auch nur annähernd auszufüllen. Mit dem "Kind" des Filmtitels ist nicht nur das Baby gemeint, sondern auch der zwanzig Jahre alte Bruno (Jeremie Renier). Der lebt von der Hand in den Mund, versucht seinen Sohn zu verkaufen und begreift kaum, warum die Mutter des Kindes völlig entsetzt darauf reagiert. Die Brüder Dardenne, 54 und 51 Jahre alt, zeigen sich hier wieder als Meister extrem wirklichkeitsnaher, packender Alltagsdramen aus dem Leben am Rande der Gesellschaft.

"Die Entscheidung sei von ästhetischen Kriterien geprägt und auch ein bisschen politisch motiviert", sagte Jurypräsident Emir Kusturica vor der Gala. Der Hamburger Regisseur Fatih Akin, der das Festival auch als Jury-Mitglied erlebt hat, meinte beim Einzug ins Palais: "Ich habe einen Regenbogen im Herzen. Ich freue mich für die, die gewinnen. Aber manche, die leer ausgegangen sind, tun mir auch Leid."

Mit der von der französischen Schauspielerin Cécile de France moderierten Preisvergabe endete ein Wettbewerbsprogramm, das nach Ansicht vieler Beobachter nur wenige eindeutige Höhepunkte hatte.