Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sieht die Fortsetzung seiner Reformpolitik durch die Wahlniederlage in Nordrhein-Westfalen als gefährdet an: "Mit dem bitteren Wahlergebnis für meine Partei in Nordrhein-Westfalen ist die politische Grundlage für die Fortsetzung unserer Arbeit in Frage gestellt", sagte Schröder am Sonntagabend in Berlin. Eine Unterstützung durch die Mehrheit der Deutschen sei notwendig, um den begonnenen Kurs beizubehalten, sagte der Kanzler. Bis sich die beschlossenen Reformen auswirkten, brauche es aber Zeit.  Er forderte den Bundespräsidenten auf, Neuwahlen im Bund für den Herbst dieses Jahres zu ermöglichen.

Nach dem Sieg der CDU in Nordrhein-Westfalen hat der SPD-Vorsitzende
Franz Müntefering bereits Neuwahlen im Bund für den Herbst 2005 angekündigt. Als Spitzenkandidat der SPD werde dann Schröder antreten. Müntefering sagte, er erwarte, dass SPD und Grüne im Herbst für eine gemeinsame Regierung streiten werden.

Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel äußerte sich erfreut über die Ankündigung: "Jeder Tag, an dem Rot-Grün nicht regiert, ist ein guter Tag für Deutschland", sagte sie im ZDF. Zunächst müsse aber geklärt werden, ob eine Neuwahl verfassungsrechtlich möglich sei. Auf die Frage, ob sie dann als Kanzlerkandidatin antreten werde, ging Merkel nicht direkt ein. Die Union sei aber gut gerüstet. Edmund Stoiber, CSU-Vorsitzender, sagte nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters , er werde nicht mehr als Kanzlerkandidat der Union antreten. Vermutlich fällt die Entscheidung zur Kanzlerkandidatur der Union bei der gemeinsamen Präsidiumssitzung von CDU und CSU am 30. Mai.

Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) kündigte eine Entscheidung seiner Partei über die Kanzlerkandidatur für Montag an. Er habe immer gesagt, dass die CDU dazu binnen 24 Stunden in der Lage sei: "Und das wird sie morgen früh beweisen", sagte Koch. Der Wahlausgang in Nordrhein-Westfalen sei ein "unmissverständliches Signal, dass die Menschen den politischen Wechsel in Deutschland wollen". Aus anderen Kreisen der Union war dagegen zu hören, man werde keine Entscheidung überstürzen und vielleicht auch erst in den kommenden Tagen beschließen.

Mit dem Regierungswechsel in Düsseldorf baute die Union ihre Dominanz im Bundesrat auf 43 von 69 Stimmen aus, hat dort jedoch auch weiterhin keine so genannte Blockade-Mehrheit. Dazu wären 46 Sitze notwendig. CDU und CSU stellen nun in elf von 16 Ländern den Ministerpräsidenten, die SPD in fünf.

Müntefering sagte, am Dienstag werde der SPD-Parteivorstand mit den Landesvorsitzenden zusammenkommen. Dort solle über die Neuwahl offiziell beraten werden. Über eine Neuwahl kann nur der Bundestag entscheiden. Müntefering sagte: "Wir suchen die Entscheidung. Es ist Zeit, dass in Deutschland die Verhältnisse geklärt werden." Und weiter: "Die Menschen sollen sagen, von wem sie regiert werden wollen."

Wie die dafür nötige Auflösung des Bundestages tatsächlich rechtlich über die Bühne gebracht werden soll, ließ Müntefering offen. Auch bei der Opposition war man zunächst verunsichert, welchen Weg die SPD dabei gehen will. Nach der vorgezogenen Auflösung des Parlamentes Ende 1982 im Zuge des Regierungswechsels von Helmut Schmidt (SPD) zu Helmut Kohl (CDU) mit Hilfe einer eher konstruierten Vertrauensfrage hatten die Karlsruher Verfassungsrichter dem Bundestag für den Wiederholungsfall strenge Auflagen gemacht.

In SPD-Kreisen gilt es als wahrscheinlich, dass Schröder die Vertrauens-Entscheidung diesmal mit Hilfe einer Sachfrage erzwingt, etwa mit der auch in der SPD nicht unumstrittenen Reform der Unternehmenssteuern. Als unwahrscheinlich gilt, dass ihn die Union dabei stützt, ebenso aber auch, dass bei einem Scheitern Schröders Angela Merkel innerhalb von 21 Tagen im Parlament selbst für das Amt des Kanzlers kandidiert. Verstreicht diese Frist ohne neue Kanzlerwahl im Bundestag, muss Bundespräsident Horst Köhler die Neuwahl ausrufen.